Wir Mamas organisieren Familienleben, Care-Arbeit und oft auch noch unseren Job – und fühlen uns trotzdem viel zu oft mit allen To-Do’s alleine gelassen. Ela von muttermacht kennt diese Realität auch aus eigener Erfahrung und spricht öffentlich über die strukturellen Probleme hinter der mütterlichen Erschöpfung. Warum sie findet, dass insbesondere Mütter lauter werden müssen, auch wenn sie eigentlich keine Kapazitäten dafür haben, welche politischen Veränderungen notwendig wären – und was sie anderen Mamas rät, erzählt sie uns im Interview.
Liebe Ela, du vertrittst öffentlich die Interessen von Müttern und forderst eine politische Lobby für Mamas. Was war der Auslöser dafür und warum haben Politiker uns Mütter 2026 immer noch kaum auf dem Schirm?
Es gibt bereits politische Lobbys für Mütter und Care-Arbeiter*innen: In Deutschland die Liga für unbezahlte Arbeit (LUA – die Carewerkschaft), in der Schweiz die Eidgenössische Kommission dini Mueter (EkdM). In gewisser Weise ist das Thema also bereits organisiert.
Dass Politiker*innen diese Themen trotzdem kaum auf dem Zettel haben, liegt daran, dass sie einen grundlegenden strukturellen Wandel bedeuten würden. Wir müssten unser Verständnis von Arbeit neu überdenken. Wir müssten gesellschaftliche Strukturen anders gestalten. Und wir müssten uns von tief verinnerlichten kulturellen Narrativen lösen und Elternrollen grundsätzlich zeitgemäß definieren.
Wie sind dir die strukturellen Struggles selbst begegnet? Erzähle uns gern mehr von dir:
Ich bin alleinsorgend und lebe in der Schweiz. Mein Sohn ist jetzt fünf Jahre alt.
Die Struggles sind mir allesamt ziemlich schnell begegnet: Bereits eine Woche nach Geburt war ich allein mit dem Baby, der Vater musste wieder arbeiten. Damals gab es in der Schweiz einen Vaterschaftsurlaub von einem Tag. Mittlerweile sind es wenigstens zwei Wochen. Die Isolation war krass.
Nach der Trennung wollte ich finanziell mehrheitlich unabhängig sein, doch die Jobsuche gestaltete sich anfangs schwierig und die finanzielle Situation ließ zu wünschen übrig. Damit ich arbeiten konnte, musste meine Mutter dann zwei Tage pro Woche mein Kind hüten, die restlichen 1,5 Tage ging es zur Tagesmutter. Beide machten ihre Arbeit entweder unbezahlt oder unterbezahlt.
Eine Kita hätte ich mir nicht leisten können – das wäre in dem Kanton, in dem ich damals gewohnt habe, zu teuer gewesen. Dass dass das Thema Vereinbarkeit eine Lüge ist, habe ich auch ziemlich schnell gemerkt.
Durch das nur unregelmässig genutzte Besuchsrecht des Vaters habe ich ausserdem kaum Zeit für mich und durch Teilzeitarbeit und unregelmässige Unterhaltszahlungen trage ich weiterhin finanzielle Einbussen, welche mich sowohl jetzt als auch im Alter auf Trab halten werden.
Wir müssen aus der Unsichtbarkeit und Stummheit heraustreten. Uns zeigen – inklusive unserer Erschöpfung.
Was sind deine genauen Forderungen? Wie können wir Mamas uns mehr Gehör verschaffen? Wir sind doch jetzt schon k.o. von allen To-Do’s und nur wenige haben noch freie Kapazitäten für politischen Einsatz.
Genau das ist das Problem: Es fehlt an Solidarität. Wenn wir uns nicht selbst dafür einsetzen, tut es niemand. Deshalb agiere ich nach dem Motto: Too tired to fight the patriarchy – doing it anyway.
Wir müssen aus der Unsichtbarkeit und Stummheit heraustreten. Uns zeigen – inklusive unserer Erschöpfung. Und wir müssen uns von der Scham lösen. Es ist nicht unsere Schuld, dass wir erschöpft sind. Das ist strukturell bedingt. Deshalb ist mütterliche Erschöpfung politisch.
Ich unterstütze sehr die Forderung der „Liga für unbezahlte Arbeit“, dass Schutz vor Diskriminierung aufgrund von Care-Verantwortung gesetzlich verankert wird. Das hätte weitreichende positive Folgen: Verkürzung der Lohnarbeitszeit, stärkere soziale Sicherheit, Ausbau der Betreuungsinfrastruktur, mehr Gleichstellung, besseren Gewaltschutz und letztlich einen gesellschaftlichen Wandel.
Darüber hinaus fordere ich: mehr Unterstützung für Alleinsorgende, wirksame Mechanismen gegen Nachtrennungsgewalt, die Schließung des Maternal (Mental) Health Gaps und einen Lohn für Care-Arbeit.
Welche positiven, aber auch negativen Erfahrungen hast du mit deinem Engagement gemacht? Wer feuert dich an und wer stellt sich dir in den Weg?
Lange habe ich fast ausschließlich positive Rückmeldungen erhalten. Von Müttern, die sich durch meinen Content endlich gesehen und verstanden fühlen. Ich habe so viele Nachrichten bekommen, bei denen mir die Tränen gekommen sind. Es ist erschütternd, wie viel Mütter mit sich herumtragen und wie wenig diese Realität öffentlich anerkannt wird.
Seit mein Instagram-Account gewachsen ist, gibt es allerdings immer mehr Diskussionen in den Kommentarspalten. Oft sind da Männer, die sich durch meine Beiträge angegriffen fühlen. Dann heißt es, ich würde Männer-Bashing betreiben, gegen Männer haten oder nur die halbe Realität zeigen – das bekommen Feminist*innen öfter zu hören.
Wenn wir weiterhin so tun, als würden wir alles gewuppt bekommen, wird sich nichts verändern.
Die mentale Überlastung bei Mamas ist kein Einzelfall. Trotzdem wollen viele das „Ich bekomme schon alles gewuppt“-Image aufrechterhalten. Wird sich jemals etwas verändern, solange wir diesem Bild glauben?
Ganz ehrlich: Nein. Wir müssen aufhören, patriarchale und frauenfeindliche Ideale aufrechtzuerhalten. Das beginnt bei uns selbst.
Deshalb ist es so wichtig, diese Strukturen und Narrative sichtbar zu machen. Erst wenn wir sie erkennen, können wir uns bewusst davon lösen.
Was würdest du einer Mama raten, die gerade mitten in der völligen Überlastung steckt?
Mach dir bewusst, dass es nicht deine Schuld ist, dass du überlastet bist.
Tausche dich mit anderen darüber aus – in Frauen- oder Mütterkreisen, Selbsthilfegruppen, aber auch locker zwischendurch. Drück dich kreativ aus, lass deinen Emotionen freien Lauf.
An alle Mütter: Werdet laut. Wehrt euch. Verbündet euch und hört auf, euch gegenseitig kleinzumachen.
Du sprichst öffentlich viel über das Thema Network Marketing – was ist das genau und wie können Mamas davon profitieren?
Network Marketing – häufig auch Multi-Level-Marketing (MLM) genannt – ist ein Vertriebsmodell, bei dem Produkte oder Dienstleistungen nicht primär über klassische Handelsstrukturen verkauft werden, sondern über ein Netzwerk von selbstständigen Vertriebspartner*innen. Einkommen entsteht dabei in der Regel aus zwei Quellen: aus dem eigenen Verkauf sowie aus Provisionen auf die Verkäufe der angeworbenen Personen („Downline“).
Strukturell ist dieses Modell hierarchisch organisiert. Die Einkommensverteilung folgt meist einer starken Ungleichverteilung: Ein kleiner Anteil an der Spitze erzielt hohe Gewinne, während die Mehrheit geringe oder keine Gewinne macht – teils sogar Verluste, wenn Investitionen in Starterpakete, Schulungen oder Mindestabnahmen anfallen.
Häufig richtet sich dieses Modell an Mütter, weil es mit Versprechen arbeitet, die an reale strukturelle Probleme anschließen: flexible Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit, Arbeiten von zu Hause, Selbstbestimmung ohne formale Zugangshürden. In einer Gesellschaft, in der Care-Arbeit überwiegend privat organisiert und ökonomisch entwertet wird, erscheinen solche Angebote plausibel und niedrigschwellig.
Theoretisch können Mütter – wie alle Teilnehmenden – profitieren, wenn sie früh einsteigen, über ein großes Netzwerk verfügen oder tatsächlich hohe Verkaufszahlen erreichen. Empirisch zeigt sich jedoch, dass die große Mehrheit der Beteiligten nur sehr geringe Einkommen erzielt. Das unternehmerische Risiko liegt vollständig bei den Einzelnen; soziale Absicherung, Lohnfortzahlung oder Rentenansprüche bestehen in der Regel nicht.
Die zentrale Frage ist daher weniger, ob einzelne Mütter profitieren können, sondern unter welchen strukturellen Bedingungen dieses Modell attraktiv erscheint. Solange Care-Arbeit schlecht abgesichert und finanziell entwertet bleibt, werden Angebote, die schnelle und flexible Einkommensversprechen machen, auf Resonanz stoßen.
Eine nachhaltige Verbesserung der ökonomischen Situation von Müttern entsteht jedoch eher durch strukturelle Veränderungen: faire Löhne, soziale Absicherung und eine gesellschaftliche Aufwertung von Care-Arbeit – und dafür möchte ich weiter kämpfen.
Danke fürs Gespräch!
Wie steht ihr zu dem Thema? Würdet ihr euch gern mehr politisch einsetzen und was hindert euch daran? Sind es fehlende Informationen, Anlaufstellen, zu viele To-Do’s? Schreibt es gern in die Kommentare.
Was für ein herrlich ehrlicher und toller Artikel 😍 #Frauenpower schafft alles!
Ja, das finde ich auch. Ich würde mir auch wünschen, dass die Belastung, die wir Mütter mit uns tragen, viel mehr Aufmerksamkeit bekommt.