Interview mit Mental-Load-Expertin

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    Die Mama fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles. Der Meinung ist die Autorin, Mental-Load-Expertin und Dreifach-Mama Laura Fröhlich. Lange fühlte sich Laura für die gesamte Familienorganisation verantwortlich, hatte alle Termine, To-dos und die Emotionen der Kinder genau im Blick, war dadurch aber konstant mental belastet. Kennen wir alle, oder? Das „An-alles-denken-müssen“ führte zur mentalen Überdosis, die auf lange Sicht überfordert und sogar krank machen kann. Eine Veränderung musste her und Laura zog die Reißleine.

    Laura schaltete den Nettigkeits-Audiopiloten aus, teilte mit ihrem Mann die To-do-Liste neu auf und möchte nun andere Mamas dazu motivieren abzugeben, was ihnen aufgebürdet wurde, und stattdessen klar zu sich und ihrem Nein stehen – ohne sich wie eine kalte Egoistin zu fühlen. Wie das funktionieren kann, erzählt sie uns im Interview:

    1. Gab es einen AHA-Moment, in dem dir bewusst geworden ist, dass du die Feelgood-Managerin deiner Familie bist?

    „Ja, den gab es: Als ich nach einem Gespräch mit einem Freund alles über ihn wusste, er aber nichts über mich. Ich hatte viele Fragen gestellt und das Gespräch moderiert. Das ist eine Dynamik, die viele Frauen kennen.

     

     

    Sie fühlen sich verantwortlich für Gespräche, Gemütlichkeit, die Elfenarbeit (Zahnfee spielen, Adventskalender füllen, Karten schreiben…) und ganz allgemein die Emotionen anderer.

    Aber sie und ihre Gefühle finden weniger statt. Sie werden zu People Pleaserinnen, achten auf die anderen, aber weniger auf sich.“

     

    2. Kennen wir! Aber sag mal, was ist denn dieser Emotional Load und wie werfen wir ihn ab?

    „Emotional Load beschreibt die oft unsichtbare, dauerhafte emotionale und mentale Verantwortung, die entsteht, wenn Menschen – besonders in der Elternschaft – ständig mitdenken, vorausplanen, Gefühle regulieren und die Bedürfnisse anderer im Blick behalten. Ihn abzuwerfen geht nicht von heute auf morgen, da brauchen wir viel Geduld mit uns selbst. Aber zu verstehen, woher er kommt, ist schon ein erster wichtiger Schritt.“

    Laura Fröhlich Mental Load Feelgood-Managerin
    Laura Fröhlich Mental Load Feelgood-Managerin Foto: PR

    3. Warum fällt es besonders uns Müttern immer so schwer, es nicht immer allen Recht machen zu wollen und hast du eine Strategie, sich davon zu lösen?

    „Wir haben in unserer Gesellschaft einen enorm hohen Anspruch an Mütter. Sie sollen die Bedürfnisse der Familie immer im Blick haben, gleichzeitig unabhängig sein, auf sich achten und den Haushalt wuppen. In meinem Buch („Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin“ (Kösel Verlag)) habe ich die Geschichte der guten Mutter beschrieben, wie der Druck auf Frauen über die Jahrhunderte immer mehr wuchs.

    Viele Frauen kennen das: Wenn sie es eben einmal nicht allen recht machen, hören sie hier einen Spruch oder werden dort kritisiert, dazu kommt das schlechte Gewissen. Dann wird es wieder sehr schwer, an sich zu denken. Umso wichtiger ist es, es dennoch zu tun.

    Das ist wie im Flugzeug. Wir können nur den anderen mit der Sauerstoffmaske helfen, wenn wir sie uns als erstes aufsetzen. Daher rate ich konkret, jeden Tag mit der Frage zu beginnen: „Wie geht es mir heute?“ Und sich immer mal wieder im Alltag zu fragen: „Was brauche ich gerade?“ Es kann nämlich sein, dass wir neben all der Care-Arbeit, dem Job und dem Zeitdruck gar nicht bemerken, dass wir Hunger, Durst oder einen dringenden Wunsch nach einem Kaffee haben. Das wieder zu beachten und sich die Zeit zu nehmen, auch wenn es „nur“ fünf Minuten sind, ist überlebenswichtig.“

     

    4. Siehst du eine realistische Chance, das wir den Titel „Feelgood-Managerin“ jemals von unserer Visitenkarte streichen und wenn ja, wie?

    „Am leichtesten gelingt es uns, wenn wir uns die Verantwortung für das gute Gefühl mit anderen teilen. Also nicht allein zuständig sind. Wir müssen über Emotional und Mental Load reden und wie wichtig es ist, die Belastung dahinter zu mindern. Wenn sich Mütter nicht mehr alleine für alles zuständig fühlen, sondern Väter, Großeltern, Freund:innen und das Umfeld mitmachen, dann können Mütter auch leichter loslassen.

    Gleichzeitig ist es wichtig zu überlegen, was von der To-do-Liste gestrichen werden kann. Manchmal können wir den Stress reduzieren, indem wir weniger machen. Gerade beim Kindergeburtstag muss es oft nicht aufwendig sein. Ziel ist, dass die Kinder einen schönen Tag haben. Dafür braucht es kein Motto oder eine besonders aufwendige Deko. Es ist auch sinnvoll zu schauen, an welcher Stelle andere Menschen für ihre Gefühle selbst verantwortlich sind, da denke ich vor allem an Erwachsene.

    Hier auch einmal eine Lücke stehen zu lassen, sich nicht immer um die Gefühle anderer zu kümmern, kann die Last mindern. Aber auch das braucht Geduld und Zeit. Zum Beispiel haben Töchter oft viel Arbeit mit den eigenen Eltern und sind es gewohnt, auch sie ständig im Blick zu haben. Viele kümmern sich natürlich auch gerne, aber es ist wichtig, die eigenen Grenzen im Blick zu haben.“

     

    5. Wie können wir mit anderen kommunizieren, dass die Feelgood-Managerin auch zu unserer Mental Load-Liste gehört? Wie befördern wir Papa in diese Position?

    „Die Arbeit sichtbar machen. Also mal alles aufschreiben, was zum Feelgood-Magement gehört: Geschenke besorgen, der Schwiegermutter Fotos schicken, Blumen kaufen…. Gemeinsam mit der Familie kann dann entschieden werden, wer sich um welche Aufgabe kümmert und was weggelassen wird. Gerade das Geschenke-Besorgen ist so ein Thema. Das können Papas auch übernehmen. Wenn das Geschenk nicht so ist, wie man es sich selbst vorgestellt hat, dann ist die Herausforderung, das so anzunehmen und den Weg der anderen Person zu akzeptieren. Oder auszuhalten, dass es kein Geschenk gibt. Ich weiß, dass das schwer ist.“

     

    6. Was passiert, wenn wir Mamas nicht mehr für gute Stimmung sorgen? Bricht dann alles zusammen oder haben dann immer alle schlechte Laune?

    „Ich finde es wichtig, dass wir nicht nur schwarz-weiß denken. Wir müssen nicht die gesamte emotionale Arbeit sein lassen, sondern hier oder da mal eine Lücke stehen lassen. Es gib also auch Graustufen.

    Wir dürfen uns weiterhin mit den Gefühlen anderer beschäftigen, für sie da sein und Glitzer in den Alltag streuen, aber es eben auch mal sein lassen, wenn wir nicht mehr können oder keine Lust haben.

    Die anderen wachsen daran, sich mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen. Kinder brauchen natürlich eher Begleitung, vor allem wenn sie noch klein sind. Aber sie brauchen oft weniger Glitzer, als es uns zum Beispiel auf Social Media gezeigt wird.“

    Mental-Load-Expertin Laura Fröhlich im Interview
    Mental-Load-Expertin Laura Fröhlich im Interview

    7. Viele Frauen, gerade Mütter, haben ja immer schnell Angst als Egoistin abgestempelt zu werden, wenn sie ihre Bedürfnisse priorisieren. Was würdest du ihnen raten?

    „Ich nehme noch einmal das Beispiel mit dem Flugzeug. Sich selbst die Sauerstoffmaske aufzusetzen ist keinesfalls egoistisch, denn wir können nur für andere da sein, wenn es uns selbst gut geht. Außerdem sind wir unseren Kindern ein gutes Vorbild.

    Eine Freundin von mir sagt ihrer Vierjährigen beim Nachhausekommen: „Erst kümmere ich mich um mich, lege meine Jacke und die Tasche ab, dann helfe ich dir.“ Neulich sagte die Tochter das gleiche, die Vierjährige kümmerte sich also auch erst einmal sich selbst, bevor sie anderen half, und meine Freundin war sehr stolz, dass sich ihre Tochter so gut im Blick hatte – durch ihr gutes Vorbild.“

     

    8. Und wenn es dann doch mal doofe Reaktionen gibt, wenn man als Mama Nein sagt und bewusste Grenzen setzt?

    „Ich habe immer versucht, sämtliche Konflikte in der Familie oder im Beruf zu befrieden. Also dafür zu sorgen, dass alle anderen zufrieden sind und möglichst wenig schlechte Stimmung aufkommt. Ich habe die Bedürfnisse der anderen mitgedacht, Gespräche geführt oder Aufgaben übernommen – dabei aber auch zu wenig auf mich geachtet.

    Das liegt weniger an meiner Persönlichkeit, als an der weiblichen Sozialisation: schon Mädchen lernen früh, sich für die gute Atmosphäre verantwortlich zu fühlen und Konflikte zu vermeiden. Heute habe ich diese Hintergründe viel besser im Blick und traue mich, Konflikte auszutragen und vor allem zu sehen, was ich brauche.“

    9. Hast du einen Satz oder eine Strategie für dich gefunden, nicht immer Mrs. Nicegirl zu sein? Oft erkennt man die einstudierten Reaktionen ja gar nicht so schnell.

    „Ich sage mir immer: meine innere Miss Perfekt kann mich mal. Es reichen nämlich sehr oft auch 80 Prozent, gerade beim Thema Haushalt oder der Elfenarbeit. Es hilft auch, sich zu sagen, dass andere daran wachsen, sich auch mal um Emotionen zu kümmern. Wenn wir alle gleichermaßen sensibel wären für diese wichtige Arbeit, sie teilen und schätzen, wäre es für alle leichter. Dieser Gedanke hilft mir, um nicht in jede Verantwortungslücke zu springen, und sie auch mal stehen zu lassen. Ich jedenfalls habe den Job der Feelgood-Managerin gekündigt, was aber nicht bedeutet, dass ich mich für nichts mehr zuständig fühle. Aber es ist eben nicht selbstverständlich, dass ich für das gute Gefühl sorge – Zuhause, im Beruf oder im Freundeskreis.“

    Buch „Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin" von Laura Fröhlich, Foto: Verlag

    Diese und noch weitere Gedanken, wie man sich von dem Titel der Feelgood-Managerin lösen kann, findet ihr in dem Buch „Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin“ von Laura Fröhlich (Kösel Verlag).

     

    Würdest du dich auch als Feelgood-Managerin der Familie beschreiben? Wir sind gespannt, wie du zu dem Thema stehst. Verrate es uns gern in den Kommentaren!