Stell dir mal vor, du sitzt nachts am Bett deines schlafenden Kindes und flüsterst ihm eindringlich ins Ohr. Die Vorstellung irritiert dich? Dann hast du wohl noch nicht von „Sleep Talk“ gehört. So heißt die Methode, die in den 1970er Jahren von der australischen Hypnosetherapeutin Joane Goulding entwickelt wurde. Inzwischen gibt es auch in Deutschland einige Coaches oder andere Anbieter, die Eltern das Konzept beibringen – und glücklichere Kinder sowie entspanntere Familien versprechen. Ist es ein übertriebener Hype oder eine tatsächliche Erziehungshilfe? Wir haben das Phänomen genauer betrachtet:
Wie „Sleep Talk“ funktionieren soll
Im Kern geht es darum, das Unterbewusstsein der Kinder im Schlaf anzusprechen – und das geschieht am besten in der Nacht. Der Trick dabei ist es (den „Sleep Talk“-Expert*innen zufolge), das retikuläre Aktivierungssystem im Gehirn zu umgehen. Das retikuläre Aktivierungssystem (RAS) ist ein wichtiger Teil des Gehirns, der vor allem für Wachheit, Aufmerksamkeit und Bewusstsein zuständig ist. Es entscheidet mit, ob du schläfst oder wach bist. Es filtert Sinneseindrücke und lässt nur wichtige Informationen „durch“. Es sorgt dafür, dass du auf wichtige oder neue Reize schnell reagierst. Das haben viele von uns vielleicht schon mal im Zusammenhang mit Meditation, Manifestation und Persönlichkeitsentwicklung gehört. Dieses sogenannte RAS entscheidet, welche Informationen wir im Gehirn aufnehmen und verwerten.
Wenn wir unseren Kindern im wachen Zustand – während sie eigentlich spielen, Lego bauen oder toben wollen – immer wieder sagen, wie wertvoll, stark und wunderbar sie sind: Dann blocken sie möglicherweise ab. Sie glauben nicht an das, was sie hören, und nehmen es nicht für sich an.
Sie hören nicht zu, weil sie mit dem Kopf woanders sind. Sie verstehen nicht einmal, was wir gerade von ihnen wollen.
Im Schlaf ist dieses RAS nicht (oder weniger) aktiv – ähnlich wie direkt nach dem Aufstehen oder während/nach einer Meditation, deshalb ist das ein guter Zeitpunkt, das Unterbewusstsein direkt anzusprechen. Das nutzen nicht nur „Sleep Talk“-Fans für sich, sondern auch Anhänger*innen der spirituellen Szene oder allgemein Menschen, die meditieren. Dass sich das Gehirn in diesen Phasen in einem anderen Zustand befindet als im angespannten Wach-Zustand, ist wissenschaftlich untersucht und soweit anerkannt.
Was kann hier also „Sleep Talk“ bewirken?
Nutzen wir den schlafenden Zustand des Kindes (gerne direkt nach dem Einschlafen), können wir positive Suggestionen geben, wie es im „Sleep Talk“-Kontext heißt. Das kann so etwas sein wie „Du bist wertvoll“, „Du kannst Neues schaffen“, „Du bist sicher“ oder „Du bist genau richtig, wie du bist“. Wichtig ist, dass es kurze Sätze mit emotionalen Botschaften sind, die positiv formuliert werden (also keine „Du bist nicht“-Sätze).
Muss das wirklich noch sein?
Natürlich wollen wir all das als Mamas für unsere Kids: Sie sollen selbstsicher sein, mutig durchs Leben gehen, sich konzentrieren können, sich weniger mit ihren Geschwistern streiten und lernen, für sich selbst einzustehen. Gleichzeitig frage ich mich, ob ich all das nicht auch tagsüber erreichen kann – also in der Zeit, in der ich aktiv als Mutter im Einsatz bin. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich nach ausschweifender Einschlafbegleitung, bei der ich vorlese, Geschichten erzähle, Bäuchlein streichle und Rücken kraule auch noch kindgerechte Affirmationen auspacke: Dann strengt mich der Gedanke ziemlich an. Schließlich will ich auch mal Feierabend haben – wenn ich nicht ohnehin mit den Kleinen eingeschlafen bin.
Wenn ich auf „Sleep Talk“ setze und NACH dem Einschlafen der Kinder für die mentale und emotionale Stärkung losziehe, gehe ich also eine weitere Extra-Meile als Mama.
Ich kann schon spüren, wie der Mental-Load-Berg in meinem Innern weiterwächst. Andererseits: Sollte das nächtliche Zuflüstern Stress in der Schule oder im Kinderzimmer reduzieren oder gar Touren zu Ergotherapie, Ärzt*innen oder Beratungsstellen ersparen, weil auch Herausforderungen rund um ADHS und andere Formen der Neurodivergenz reduziert werden – dann könnte es sich lohnen.
Also: Schauen wir uns an, wie viel Einsatz „Sleep Talk“ von uns Eltern wirklich erfordert und wie stichhaltig die Versprechen auf der anderen Seite sind.
Klappt das wirklich?
Die Studienlage zum Thema ist dünn, es gibt jedoch eine wissenschaftliche Untersuchung zum Zusammenhang von „Sleep Talk“ und selektivem Mutismus. Bei dieser emotional bedingten Störung haben Kinder in manchen Kontexten erhebliche Schwierigkeiten, zu sprechen. Bei der Untersuchung von 20 Kindern zwischen drei und sieben Jahren wurde nach einem halben Jahr „Sleep Talk“ eine „signifikante Verbesserung des selektiven Mutismus und des Verhaltens in sozialen Situationen“ festgestellt. „Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Sleep Talk-Verfahren eine hilfreiche Behandlungsmethode des selektiven Mutismus darstellt“, heißt es in einem Fachartikel zur Untersuchung.
Und dann sind da noch die vielen, vielen positiven Berichte der Eltern, die „Sleep Talk“ anwenden. Sie schreiben von einem Wendepunkt im Familienleben, von einer sehr wirksamen Methode, von ruhigeren und selbstsicheren Kindern. Wer in die Bewertungen eintaucht, hat das Gefühl:
Für diese Familien hat sich wirklich viel verändert, sie fühlen sich weniger hilflos und haben endlich einen Weg gefunden, die Schwierigkeiten ihrer Kinder anzugehen.
Das lässt auch Skeptiker*innen darüber nachdenken, das Konzept wenigstens mal auszuprobieren…
Und wenn es „nur“ die bessere Bindung ist
Was in jedem Fall ein positiver Effekt sein kann: Die Bindung von Kindern und Eltern kann sich verbessern. Und das ist nachvollziehbar. Stellen wir uns vor, wir hatten einen intensiven gemeinsamen Tag, es gab emotionale Zusammenbrüche und geschwisterliche Streitereien, der Abend war besonders anstrengend – und dann sitzen wir in aller Ruhe am Bett eines schlafenden Kindes und erzählen ihm, wie besonders, wie wunderbar und wie genau richtig es ist: Da breitet sich schon jetzt ein Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit aus, oder?
Viele Eltern berichten, dass sie durch „Sleep Talk“ selbst besser in der Lage sind, mit den Herausforderungen ihrer Kinder umzugehen, sie mit all ihren Themen besser anzunehmen. Vielleicht liegt also auch hier eins der Geheimnisse: Dass wir als Mamas und Papas selbst ruhiger und gelassener sind, dass wir unsere Akzeptanz aller Konflikte verbessern. So schreibt ein Elternteil auf der Seite von „Sleep Talk“-Gründerin Joane Goulding über die Anwendung: „Es gibt mir die Möglichkeit, täglich zu reflektieren, was am meisten zählt: bedingungslose Liebe. Über die Monate stellte ich fest, dass ich H.‘s imperfections viel besser akzeptierte.“
Hier geht es also nicht nur darum, dass das Kind tatsächlich sein Verhalten änderte, sondern dass die Eltern durch dieses Ritual ein größeres Verständnis bekamen. Das klingt zwar nicht nach dem „Glücklichere Kinder über Nacht“-Versprechen – aber hat natürlich trotzdem einen Effekt aufs Familienleben.
Dennoch: Das Kind möchte man nach einer langen Einschlafbegleitung nicht wecken. Hier empfiehlt sich dann wohl ein Flüsterton.
Vielleicht ist es einen Versuch wert
Zurück zur Frage, ob es sich für uns lohnt, „Sleep Talk“ einmal auszuprobieren. „Kinder zu bestärken und ihr Selbstwertgefühl zu fördern, ist aus meiner Sicht eine wichtige Grundlage für ihre Entwicklung“, sagt Dr. med. Snjezana-Maria Schütt, die als die „Kinderherztin“ bekannt ist. „Es ist auch ein wichtiger Aspekt zur Stärkung ihrer psychischen Gesundheit.“ Ob wir dieses Selbstwertgefühl tagsüber stärken – durch Geschichten, Gespräche, Bücher oder Spiele – oder in der Nacht, das können wir natürlich selbst entscheiden.
Wichtig aus Sicht der Expertin:
„Dabei geht es nicht darum, Kinder fortlaufend zu loben, sondern langfristig ihr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und in soziale Bindungen zu stärken und ihnen eine gute Basis für die Herausforderungen des Lebens mitzugeben.“
Haben wir das im Hinterkopf, wären die positiven Suggestionen im Schlaf vielleicht ein guter Anfang. Es muss ja nicht gleich durch zeitlich aufwändiger Begleitung durch „Sleep Talk“-Expert*innen geschehen, für den Start können wir einfach mit den Sätzen anfangen, die unser Kind aus unserer Sicht besonders gut gebrauchen könnte.
Das Risiko ist minimal – wir müssen es dafür nur schaffen, lang genug wachzubleiben und dabei sind viele von uns doch jetzt schon so müde.
Würdet ihr „Sleep Talk“ ausprobieren oder habt ihr schon Erfahrungen damit gemacht? Erzählt es uns in den Kommentaren.
Ich musste spontan etwas lachen bei der Vorstellung 😆 Aber eigentlich ist es ja cool, dass man seinen Kindern so leicht etwas Gutes tun kann 🥰
Also irgendwie eine gruselige Vorstellung. Weiß noch nicht, ob ich mich damit anfreunden kann 😀 Bin eher Team intensive Einschlafbegleitung, aber einen Test wäre es ja mal wert!
Ich finde den Gedanken eigentlich ganz schön. Gerade kleine Kinder nehmen so viel über Gefühle und Stimmung auf, auch unbewusst. Ich merke bei meinem Sohn total, wie wichtig es ist, ihm Sicherheit und positive Worte mitzugeben – auch in ruhigen Momenten. 💚
Liebe Neomi, ja, da hast du Recht und es ist so spannend zu lesen, dass Eltern damit wirklich gute Erfahrungen gemacht haben. Herzliche Grüße, Marie