„Das Leben mit einem Baby ist nichts im Vergleich zum Alltag mit einem Teenager“ oder „Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen“ – Sprichwörter wie diese haben wir alle schon einmal gehört. Aber was ist wirklich dran? Und kann man sich vielleicht sogar ein Stück weit auf diese anspruchsvolle Zeit vorbereiten?
Wir haben die Autorin und Dreifach-Mama Lisa Harmann zum Interview getroffen und genau das gefragt.
Lisa muss es schließlich wissen: Die 44-jährige Journalistin und Gründerin vom Blog stadtlandmama.de hat drei Kinder im Alter zwischen 18 und 20 Jahren, darunter ein Zwillingspaar. Nun hat sie das Buch „Teen Time – Zwischen Augenrollen und Umarmung: Souverän durch die Pubertät deines Kindes“* (humboldt Verlag) geschrieben.
Im Interview haben wir mit Lisa über ihre persönlichen Strategien und Learnings gesprochen
…und darüber, wie wir uns vielleicht schon heute mental auf die turbulente Zeit der Pubertät vorbereiten können.
Wann hast du zum ersten Mal begriffen, dass du eine Mama von einem Teenager bist?
Es ging mit verschlossenen Zimmertüren und Schildern an der Gartenhütte á la „Betreten für Eltern verboten“ los.
Mittlerweile ist unsere Tochter 20 und die Zwillingsjungs werden nächsten Monat 18 Jahre alt und damit volljährig. Schon wieder so ein großer Schritt!
Ab dann dürfen mir Krankenhäuser ohne schriftliche Entbindung der Schweigepflicht rein rechtlich keine Auskunft mehr über sie erteilen, ich darf nicht mehr für sie bei der Krankenkasse anrufen und Zugriff auf ihre Konten hab ich auch nicht mehr.
Da sagt einem dann auch das Gesetz also knallhart ins Gesicht: Du bist raus.
Anfangs hab ich mal für mich gesagt, dass ich mich fühle wie ein ausgewrungener Putzlappen, der seine Dienste getan und nun in die Ecke geworfen wurde.
Lisa Harmann
Was tun, wenn man auf einmal nicht mehr gebraucht wird?
Du sprichst in deinem Buch von einem Gefühl, dass sich wie Liebeskummer anfühlt, weil man sein Kind und die Nähe zum Kind vermisst. Was hat dir dagegen geholfen?
Aber im Ernst: Mir half der Austausch mit anderen Müttern über dieses Gefühl der Leere und des Vermissens und ja, auch ein gewisser Grad des Sich-dran-Gewöhnens und des Schauens: Was genau fehlt mir denn jetzt, wie kann ich die Lücke füllen und die entstandene Freizeit auch wieder für mich nutzen?
Das war aber ein Prozess. Bei uns sind ja alle Kinder fast gleichalt, da geschah das recht plötzlich, dass aus der Fürsorge eher ein Bereitschaftsdienst wurde.
Anfangs hab ich mal für mich gesagt, dass ich mich fühle wie ein ausgewrungener Putzlappen, der seine Dienste getan und nun in die Ecke geworfen wurde. Nicht als Vorwurf an sie, sondern als Bestandsaufnahme zu mir persönlich. Denn ja, manchmal neige ich zur Melodramatik – und damals wusste ich ja noch nicht, wie schön und großartig sich das alles mit großen Kindern anfühlen kann.
Wie hast du denn für dich den richtigen Umgang mit deinen Teenagern gefunden?
Als Eltern sind wir ja tagtäglich zur Flexibilität gezwungen und werden damit ja ein Stückweit daran gewöhnt, auf alles, was kommt, erstmal irgendwie zu reagieren.
Es war schon auch try and error dabei, aber die Grundhaltung, die wir in den Jahren davor bereits aufgebaut haben, die bleibt ja. Mir war es wichtig, zu signalisieren „Hey, wir bleiben ein Team“, „Wir sind weiter für dich da, egal was ist, du kannst immer zu uns kommen“, „Wir bleiben deine Fans und Supporter“ – und „Wenn es Probleme gibt, dann kriegen wir das schon irgendwie gemeinsam hin“.
Mehr Miteinander als Gegeneinander. Das Kind da abholen, wo es steht, statt an ihm zu ziehen. Niemand sagt, dass das leicht ist, aber das war die Intention.
Bestimmt hat mir aber auch geholfen, dass ich quasi zeitgleich mit der beginnenden Pubertät eine Ausbildung zur Familientrauerbegleiterin und Notfallseelsorgerin gestartet hab und mich so auch theoretisch viel mit größeren Umbrüchen im Leben beschäftigt habe.
Und dass da unterschiedliche Phasen mit einhergehen: das Funktionieren, das Begreifen und das Akzeptieren… Gleichzeitig wächst in der Konfrontation mit dem Lebensende natürlich die Dankbarkeit darüber, die Kinder überhaupt durch diese Phase begleiten zu können. Da wird man demütig.
Wie viele Freiräume und viele Grenzen braucht es wirklich?
Die Teenie-Zeit ist ja ein Spagat zwischen Loslassen und doch immer noch beschützen wollen – wie wird man diesem Konflikt gerecht?
Das ist die größte Herausforderung! Dran bleiben, aber Freiräume lassen. Dem Kind Dinge zutrauen, aber nicht nachher als total naiv dastehen. Es soll ja leben! Dinge ausprobieren! Neugierig sein!
Ich bin meinen Eltern noch heute dankbar, dass sie mich mit 15 Jahren für ein halbes Jahr in den Austausch nach Kolumbien haben gehen lassen… Heute weiß ich, was das für Eltern bedeutet, denn auch unsere Große ging in dem Alter für ein halbes Jahr weg.
Ich liebe da auch die Metapher des Leuchtturms: Der gibt ab und zu mal Lichtsignale ab, um Orientierung zu geben, um den Weg zu zeigen, wenn es dunkel ist. Der rennt aber nicht hinterher, sondern ist einfach verlässlich da und trotzt jedem Wellengang.
Übersetzt: Es hilft sehr, im Gespräch zu bleiben – und sei es mit Humor. Dass wir nach Tagen des Verbarrikadierens im Zimmer auch mal bei unserem Kind klopfen und nachhorchen, ob es gerade die Weltrevolution plant oder gedenkt, sich einer Untergrundorganisation anzuschließen.
So merkt es: Da bleibt jemand am Ball, da interessiert sich jemand für mich, lässt mir aber trotzdem meine Freiräume und nimmt es im Zweifel mit Humor.
Und wie reagieren, wenn die Sicherungen durchbrennen?
Wie bleibt man denn beim Grenzentesten des Teenies entspannt? Ich stelle mir das schwer vor, weil wir ja auch unseren Alltag und Sorgen haben.
Da kann niemand immer entspannt bleiben. In der Pubertät gehören eben auch Emotionen auf Elternseiten dazu. Und die finde ich sehr wichtig.
Unsere Kinder sollen sehen, dass auch wir Gefühle haben, dass auch wir verletzlich sind, ich halte Authentizität in dieser Phase für essentiell wichtig. Wir dürfen ihnen sagen, was uns dabei durch den Kopf geht. Und warum wir an dieser Stelle Schwierigkeiten haben.
Wer an lebensgefährlichen TikTok-Challenges teilnimmt, darf hören, dass es uns nicht darum geht, ihnen den Spaß am Leben zu verderben, aber das wir sie verdammt nochmal lieben und noch ein bisschen lebendig bei uns haben wollen.
Wir dürfen auch erzählen, wenn wir selbst in unseren Jugendjahren mal Scheiße gebaut haben und welche Konsequenzen das hatte. Echte Beispiele wirken immer mehr als die pure Theorie oder irgendwelche Studien. Kennen wir ja von uns selbst auch.
Wie würdest du reagieren, wenn auch Beleidigungen ins Spiel kommen?
Die kommen ganz bestimmt. Rational hilft es natürlich, sich vor Augen zu führen, dass es da nicht um uns als Person geht, sondern wirklich um den Versuch einer Abgrenzung, aber das ist in der Situation selbst oft echt schwer.
Da dürfen wir dann auch klar selbst Grenzen ziehen und heimlich darauf bauen, dass die meisten Jugendlichen das nicht über Jahre durchziehen, sondern irgendwann wieder darauf verzichten. Sie lernen ja an uns als Vorbild, und wenn wir selbst nicht den ganzen Tag (be-)schimpfend durch die Gegend laufen, gibt es schon auch Gründe zur Hoffnung.
Es gibt eine Gesprächsführungsmethode, die ich im Buch ausführlicher vorstelle und die hier super helfen kann. Wir gehen gar nicht auf den Inhalt der Äußerungen ein, nehmen das Gesagte unseres Gegenübers also erstmal nicht persönlich, sondern beschreiben einfach, was grad passiert:
„Du bist jetzt grad total außer dir“. So fühlt sich unser Kind gesehen, aber wir bleiben auf neutralem Niveau ohne selbst verletzend zu werden.
Die wichtigste Frage, die wir uns immer wieder stellen können: Besteht Lebenshegefahr oder nicht? So platt und dramatisch das klingt.
Lisa Harmann
Das Kind zieht sich zurück und hat keine Lust mehr auf gar nichts
Und was tun, wenn die Null-Bock-Haltung überhand nimmt?
Die gehört dazu, ich kenne kaum eine Familie, die nicht davon erzählt.
Mein Tipp: Den Teenager ernst nehmen in seinem Empfinden, aber klare Regeln abmachen – zum Beispiel für den Urlaub oder für Familienfeste.
Da gibt es gute Kompromisse: „Ich versteh, dass du deine Ruhe brauchst, wir lassen dich bis 14 Uhr ausschlafen, aber den Nachmittag verbringen wir zusammen“. Oder: „Mir ist wichtig, dass du auf dem jährlichen Familienfoto mit dabei bist, dafür kannst du danach zurück ins Zimmer und musst nicht noch mit Tante Erna Smalltalk halten“.
Das erleichtert dann im Zweifel allen den Tag. Ich höre von vielen, deren Kinder nach der Null-Bock Zeit plötzlich aufstanden und sich auf in die Welt machten. Die ab dann quasi nicht mehr gesehen wurden, weil sie von Party zu Party hüpften und deren Eltern dann dachten: Ach, die Zeit im Zimmer war ja doch ganz schön, da wussten wir unser Kind wenigstens in Sicherheit…
Die wichtigste Frage, die wir uns immer wieder stellen können: Besteht Lebensgefahr oder nicht? So platt und dramatisch das klingt. Viel im Zimmer rumliegen ist etwas anderes, als nichts mehr zu essen, sich zu ritzen oder mit 14 schon regelmäßig Schnaps zu trinken, ab da ist dann unser Handeln verlangt, alles davor wird vermutlich die Zeit regeln.
Es ist aber alles nicht nur schlecht. Das sind die guten Seiten:
Wie würdest du das Verhältnis zu deinen Kindern heute beschreiben?
Unsere Große ist vor einem Jahr zum Studieren ausgezogen. Wenn sie uns besucht, passiert das also aus freien Stücken und das ist jedes Mal so schön.
Mit den Zwillingen hatten wir über viele Jahre mit einer wahnsinnigen Konkurrenz untereinander zu tun und unser Leben war arg bestimmt von Geschwisterkonflikten. Das war in Coronazeiten, als wir uns gar nicht mehr aus dem Weg gehen konnten, so prägend, dass ich das Hobby Wut-Walken für mich erfunden habe.
Seit das nicht mehr so ist (und ja, diese positive Entwicklung kam mitten in der Pubertät, so etwas gibt es auch!) und sie beschlossen haben, beste Freunde zu werden, muss man uns manchmal kneifen, wie harmonisch das hier auch sein kann. Ich bin dankbar für alle Drei, so unterschiedlich sie auch sind.
Mir ist aber über unsere persönliche Lage hinaus total wichtig, die Pubertät nicht nur als negative Sorgenzeit dazustellen. Es ist eine wahnsinnig spannende und überraschende Phase, durch die wir auch einfach mal wie so ein TV-Doku-Team draufschauen können.
Dieses ganze Ganz-oder-Gar nicht dieser Zeit, diese großen Gefühle, diese Verwandlung von unserem Kind zu einer erwachsenen Person mit eigener Meinung und guten Argumenten, das ist einfach auch wahnsinnig faszinierend.
Was ist denn nun anstrengender: Die Baby-Phase oder die Teenie-Phase?
Ich bin gar kein Fan von Lebens-Rankings, weil jede Phase ihre guten und ihre herausfordernden Zeiten mit sich bringt, aber mit drei Wickelkindern, erst einem Schreibaby und dann kurz darauf Zwillingen an der Brust, für deren Überleben wir 24/7 verantwortlich waren, und die nicht sagen konnten, was sie brauchten, hatte ich definitiv weniger Schlaf und kam deutlich öfter an meine Grenzen.
Aber so absurd das klingt, so ist das trotzdem die Phase, in die ich so so gern nochmal für einen Tag zurückreisen würde, um all unsere Kinder, die heute über 1,70 oder gar über 1,80 sind, einfach nochmal kurz auf den Arm nehmen zu können. Dieser Geruch! Diese kleinen Händchen. Diese Absolutheit der Einbindung. Diese Nähe.
Dieses Wunder, dass da wirklich ein echter lebendiger Mensch aus dir hervorgegangen ist.
Das Faszinierende an der Elternschaft ist ja schon, wie herrlich wir im Nachhinein alles verklären können. Ich freu mich jedenfalls aufs Omawerden!
Vielen lieben Dank für das Gespräch, liebe Lisa.
Hast du schon Sorgen, wenn du auf die Pubertät deiner Kinder blickst oder hast du diese Phase schon gemeistert? Dann verrate doch gern deine Learnings in den Kommentaren.
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Gewappnet für die Pubertät: „Hilfe, ich habe Liebeskummer nach meinem Kind“
Von
Marie Kahle
27. August 2026