Beim Klettern helfen? Lieber nicht! Katharina Meier-Batrakow erklärt, warum.

Inhalt dieses Artikels

    Klettern gehört für viele Kinder zu den spannendsten Abenteuern auf dem Spielplatz – und für Eltern nicht selten zu den nervenaufreibendsten Momenten.  Besonders wenn das Kind an einer schwierigen Stelle nicht weiterkommt, ist die helfende Hand schnell zur Stelle: „Warte, ich helfe dir!“

    Doch genau das ist beim Klettern nicht immer die beste Idee.

    Denn wenn Eltern ihr Kind hochheben oder ihm über eine schwierige Stelle hinweghelfen, kann es sein, dass das Kind plötzlich eine Höhe oder Situation erreicht, die es aus eigener Kraft noch gar nicht bewältigen könnte.

    Eine wichtige Orientierung beim Klettern auf dem Spielplatz lautet deshalb:

    Kinder sollten nur so hoch klettern, wie sie aus eigener Kraft selbst kommen.

    Warum das so wichtig ist, erklärt uns Katharina Meier-Batrakow.

    Katharina Meier-Batrakow
    Siegel

    Unsere Expertin

    Katharina Meier-Batrakow

    ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Weiterbildung, Schlafberaterin und Autorin. In ihrer Beratung begleitet sie Familien unter anderem zu Themen wie kindlicher Entwicklung, Schlaf, Autonomie und Elternsein. Auf ihrer Website und ihren Social-Media-Kanälen vermittelt sie wissenschaftlich fundiertes Wissen alltagsnah und bindungsorientiert.

    Warum Kinder beim Klettern nicht auf unsere Hilfe angewiesen sind

    Wenn Kinder klettern, trainieren sie viel mehr als nur ihre Muskeln. Sie lernen ihren Körper kennen, entwickeln Kraft, Koordination und Gleichgewicht und setzen sich ganz nebenbei mit einer wichtigen Frage auseinander: Schaffe ich das?

    Katharina Meier Batrakow erklärt:

    Grundsätzlich gilt: Ein Kind sollte möglichst nur so hoch klettern, wie es aus eigener Kraft schafft und sich traut. Dann kann man davon ausgehen, dass seine motorischen Fähigkeiten, Kraft, Koordination und auch das Wieder-herunter-Klettern zusammenpassen.

    Mit anderen Worten: Der Weg nach oben ist bereits ein wichtiger Teil des Lernprozesses. Denn ein Kind, das selbstständig eine Höhe erreicht, hat dabei viele kleine Entscheidungen getroffen, seinen Körper eingesetzt und seine Fähigkeiten immer wieder überprüft.

    Hochheben kann zum Problem werden

    Viele Eltern möchten helfen – aus Liebe oder weil es schneller geht. Also setzen sie ihr Kind auf einen hohen Kletterturm, einen Baumstamm oder einen Ast.

    Doch genau darin steckt ein Risiko.

    Wird ein Kind hochgehoben und auf ein Gerät oder einen Baum gesetzt, den es selbst nicht erreichen würde, hat es zwar die Höhe erreicht, aber möglicherweise noch nicht die Kompetenzen, um die Situation sicher zu bewältigen oder wieder herunterzukommen

    sagt Katharina Meier Batrakow.

    Doch warum ist es überhaupt so wichtig, dass Kinder diese Herausforderungen selbst bewältigen?

    Selbstvertrauen wächst mit jeder eigenen Erfahrung

    Für Kinder ist Klettern weit mehr als Bewegung. Jede selbst gemeisterte Herausforderung stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wenn ein Kind merkt: „Ich habe mich getraut. Ich habe weitergemacht. Ich habe es geschafft“, entsteht ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.

    Katharina Meier Batrakow betont, dass Kinder dadurch nicht nur ihre motorischen Fähigkeiten verbessern. Sie lernen auch:

    • Herausforderungen anzunehmen

    • dranzubleiben, wenn etwas schwierig wird

    • Ängste zu überwinden

    • eigene Erfolge wahrzunehmen

    Diese Erfahrungen begleiten sie weit über den Spielplatz hinaus. Kinder, die erleben, dass sie Schwierigkeiten aus eigener Kraft meistern können, gehen oft auch andere Aufgaben motivierter an.

    Wann Eltern eingreifen sollten

    Natürlich bedeutet das nicht, Kinder einfach machen zu lassen.

    Katharina Meier Batrakow sagt, dass Eltern eingreifen sollten, wenn eine realistische Gefahr besteht – etwa wenn das Kind die Situation offensichtlich noch nicht einschätzen oder bewältigen kann oder wenn Erwachsene nicht nah genug sind, um im Notfall zu helfen.

    Ansonsten gilt:

    Präsent bleiben. Beobachten. Ermutigen.

    Oft hilft schon ein ruhiges: „Du hast einen guten Halt.“ oder „Überleg mal, wo dein nächster Fuß hin kann.“

    So unterstützen Eltern ihr Kind, ohne ihm die Erfahrung abzunehmen.

    Was tun, wenn die eigene Angst größer ist?

    Viele Eltern kennen das Gefühl: Das Kind wirkt entspannt – aber das eigene Herz schlägt bis zum Hals.

    Auch das ist völlig verständlich.

    Hilfreich kann es sein, sich selbst ehrlich zu fragen:

    • Ist meine Sorge in dieser Situation realistisch?
    • Oder reagiere ich vielleicht aufgrund eigener negativer Erfahrungen besonders ängstlich?

    Wer unsicher ist, kann sich auch mit dem Partner, Freunden oder anderen Bezugspersonen austauschen. Eine Außenperspektive hilft oft dabei, Situationen realistischer einzuschätzen. Wenn Ängste dauerhaft sehr stark sind und den Familienalltag bestimmen, kann auch eine Beratung oder Therapie entlasten.

    Ich muss bei hohen Klettergerüsten auch schlucken

    Ich gebe zu: Wenn ich Kinder auf hohen Klettergerüsten oder Bäumen sehe, rutscht mir manchmal das Herz in die Hose. Wahrscheinlich geht es vielen von euch genauso. Schließlich möchte niemand erleben, dass ein Kind stürzt oder sich verletzt.

    Gerade deshalb fand ich den Gedanken von Katharina Meier-Batrakow so beruhigend: Wenn Kinder selbst entscheiden dürfen, wie hoch sie klettern, orientieren sie sich meist erstaunlich gut an ihren eigenen Fähigkeiten. Sie sammeln Erfahrungen, wachsen an Herausforderungen und lernen ganz nebenbei, ihre Grenzen immer besser einzuschätzen.

    Vielleicht ist das manchmal auch eine Erinnerung an uns Erwachsene: Wir müssen unseren Kindern nicht jede schwierige Stelle abnehmen. Oft reicht es schon, präsent zu sein, Vertrauen zu schenken und für den Fall der Fälle in der Nähe zu bleiben.

    Wie ist das bei dir? Sind deine Kinder eher vorsichtig beim Klettern – oder sind sie schneller ganz oben, als du überhaupt schauen kannst? Erzähl es uns gerne in den Kommentaren!

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