Weniger Mental Load nach Trennung

Nicole fühlte sich für alles und alle verantwortlich – bis sie nicht mehr konnte und sich vom Vater ihrer Kinder trennte. Es war das Heilsamste, was ihr passieren konnte, sagt sie heute.

Inhalt dieses Artikels

    „Hallo, ich bin Nicole (Name von der Redaktion geändert) und bin Mama von zwei Kindern, die drei und neun Jahre alt sind.

    Von dem Vater meiner Kinder lebe ich seit zwei Jahren getrennt. Damals gab es viele Gründe für die Trennung, aber der wichtigste ist wohl, dass wir zwar immer ein gutes Team waren, aber kein Paar mehr.

    Vor der Trennung war unsere Rollenverteilung ziemlich klassisch.

    Zumindest, was die Organisation unseres Familienlebens anging. Der Vater meiner Kinder arbeitete Vollzeit im unregelmäßigen Dienst und war immer wieder auf Dienstreisen. Ich bin Krankenschwester und hatte meine Dienstzeiten so ausgehandelt, dass sie sich mit der Kinderbetreuung vereinbaren lassen.

    Und ich organisierte alles.

    Termine, Betreuung, Schule, Kleidung, Geburtstage – all diese kleinen und großen Dinge, die dafür sorgen, dass eine Familie funktioniert.

    Ich hatte den alleinigen Überblick – und habe es für eine lange Zeit auch nicht hinterfragt.

    Nach unserer Trennung fiel es mir zunächst unglaublich schwer, die Kinder abzugeben. Rückblickend weiß ich, dass ich mich damals vor allem über zwei Dinge definiert habe:

     

    Ich war Mama und ich war Krankenschwester.

    Besonders deutlich wurde mir das in den ersten Herbstferien nach der Trennung. Ich hatte Urlaub, mein Ex-Partner ein paar Tage frei – also nahm er die Kinder zu sich. Eigentlich hätte ich genau das haben sollen, wonach sich viele Mütter sehnen: ein paar freie Tage.

    Für mich war es die schlimmste Woche meines Lebens.

    Ich wüsste überhaupt nichts mit mir anzufangen. Wenn meine Freunde mich damals nicht aufgefangen und beschäftigt hätten, wäre ich wahrscheinlich durchgedreht.

    Ich musste erst lernen, dass ich auch noch existiere, wenn gerade niemand meine Fürsorge braucht.

    Wer bin ich, wenn ich mich um niemanden kümmern muss? Diese Frage musste sich Nicole nach der Trennung stellen. Foto: Unsplash
    Wer bin ich, wenn ich mich um niemanden kümmern muss? Diese Frage musste sich Nicole nach der Trennung stellen. Foto: Unsplash

    Nach und nach begann sich unsere Aufteilung zu verändern.

    Eine der ersten Aufgaben, die der Kindsvater komplett übernahm, war die Betreuung an den Wochenenden, an denen wir beide Dienst hatten. Anfangs war das wahrscheinlich noch etwas, worüber wir uns gemeinsam Gedanken gemacht hätten. Irgendwann bestand mein Anteil nur noch aus einer WhatsApp-Nachricht: „Nächster Wochendienst XY“

    Mehr nicht.

    Er organisierte die Betreuung bei seiner Mutter, da meine Eltern rund 200 Kilometer entfernt wohnen. Ich begann auch, ihm Geburtstagspartys der Freunde unserer Kinder zu überlassen. Wenn eine Feier in seine Zeit fiel, war eben er derjenige, der dort auftauchte.

     

    Natürlich lief das nicht von Anfang an perfekt.

    Kurz nach unserer Trennung brachte der Vater der Kinder einmal die Wochentage durcheinander – bei seinen unregelmäßigen Diensten durchaus eine Kunst für sich – und vergaß dadurch, unseren älteren Sohn in die Schule zu bringen.

    Wir verbuchten es als Anfängerfehler.

    Schließlich musste auch ich über all die Jahre lernen, Mama zu sein. Warum sollte er vom ersten Tag an alles perfekt können?

    Die alleinige Care-Arbeit über viele Jahre hinweg, hat bei Nicole Spuren hinterlassen.
    Die alleinige Care-Arbeit über viele Jahre hinweg, hat bei Nicole Spuren hinterlassen. Foto: Unsplash

    Auch wenn wir uns neu aufteilten – die letzten Jahre haben ihre Spuren hinterlassen.

    Während sich auf der Seite meines Ex-Mannes langsam eine neue Routine entwickelte, kam ich trotzdem immer mehr an meine Grenzen. Mein Beruf forderte mich sehr und auch die Care-Arbeit der vergangenen Jahre spürte ich deutlich. Irgendwann bekam das, was längst nicht mehr funktionierte, einen Namen: Burnout.

    Ich konnte drei Monate nicht arbeiten. Auch wenn ich danach nicht wieder geheilt war, ging ich aus Pflichtbewusstsein wieder arbeiten.

    Ich hatte wieder etwas Energie und dachte wohl, das müsse bedeuten, dass es wieder geht.

    Es folgten sechs Wochen in einer Burnout-Rehabilitation – diese Zeit hat meine Ansichten komplett verändert:

    Ein Burnout ist nicht vorbei, nur weil die Energie zurückkommt. Es beginnt erst wirklich zu heilen, wenn man lernt, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie auch zu priorisieren.

     

    Und genau hier veränderte sich auch meine Rolle als Mutter.

    Der Vater meiner Kinder wusste drei Monate im Voraus, wann meine sechswöchige Reha stattfinden würde. In dieser Zeit musste er die Betreuung vollständig alleine organisieren. Und er tat es.

    Er organisierte seinen Dienst, die Kinder, den Alltag – alles, was eben anfiel.

    Als ich nach sechs Wochen zurückkehrte, hätte ich den ganzen Mental Load wieder an mich reißen können. Ich ließ es bleiben. Und vielleicht war genau das eine der wichtigsten Entscheidungen nach meinem Burnout.

    Nicole lernte nach dem Burnout sich und ihre Bedürfnisse wieder ernst zu nehmen.
    Nicole lernte nach dem Burnout sich und ihre Bedürfnisse wieder ernst zu nehmen. Foto: Unsplash

    Natürlich gibt es weiterhin Dinge, für die ich mich zuständig fühle.

    Ich schneide regelmäßig Finger- und Zehennägel und habe – vermutlich auch berufsbedingt – die Gesundheitsvorsorge unserer Kinder besonders im Blick und kümmere mich um entsprechende Termine und Informationen.

    Aber ich muss nicht mehr alles wissen, nicht jeden Termin im Kopf haben, nicht jede Betreuung organisieren und nicht ständig kontrollieren, ob auch wirklich an alles gedacht wurde.

    Der Vater meiner Kinder ist nicht der Babysitter unserer gemeinsamen Kinder. Er ist ihr Papa. Und ich musste lernen, ihm nicht nur die Kinder zu übergeben, sondern auch die Verantwortung, die dazugehört.

    Von der Einsamkeit zum Alleinesein

    In diesen ersten Herbstferien nach unserer Trennung begann ich in der kinderfreien Zeit mehr wandern zu gehen.

    In der ersten Zeit ohne meine Kinder bin ich vor der Einsamkeit davongelaufen. Ich hielt es kaum aus, plötzlich so viel Zeit mit mir selbst zu verbringen. Also zog ich meine Schuhe an und ging in die Natur.

    Heute wandere ich immer noch oft alleine – aber aus einem völlig anderen Grund. Ich bin sogar den Jakobsweg entlanggegangen. Heute gehe ich nicht mehr, um vor der Einsamkeit davonzulaufen. Ich gehe, um mir selbst näher zu sein.

    Beim Wandern spüre ich mich. Ich kann in mich hinein hören und mich fragen: Was brauche ich gerade? Was tut mir gut? Was möchte ich nicht mehr?

    Und das Wandern hat mir etwas beigebracht, das ich eigentlich viel früher im Leben hätte lernen müssen:

    Eine Pause macht man nicht erst dann, wenn man nicht mehr kann.

    Wenn ich heute unterwegs bin, trinke ich, bevor ich völlig durstig bin. Ich esse, bevor mir die Energie ausgeht. Ich mache Pause, bevor mein Körper mich dazu zwingt. Ich habe gelernt, seine Signale wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

    Eigentlich ist das eine ziemlich gute Metapher für das, was ich nach meinem Burnout lernen musste: Ich muss nicht erst zusammenbrechen, um stehenbleiben zu dürfen.

    Heute genieße ich meine kinderfreie Zeit. Nicht, weil ich weniger gerne Mama bin. Sondern weil ich inzwischen weiß, dass es neben der Mama und der Krankenschwester noch einen dritten Menschen gibt, um den ich mich kümmern muss: mich selbst.

     

    Noch nie in meinem Leben war ich mir selbst so wichtig wie heute

    Und erstaunlicherweise hat mich genau das nicht egoistischer gemacht. Es hat mir eine Lebensqualität und eine Lebensfreude gegeben, die ich vorher so nicht kannte.

    Den Burnout hätte ich mir gerne erspart. Aber ich möchte nicht mehr zurück zu der Frau, die glaubte, erst für alle anderen sorgen zu müssen, bevor sie selbst an der Reihe ist.

    Ich darf Mutter sein, ohne mich selbst dabei zu verlieren.

    Mein Ex-Mann ist seit einem Jahr wieder in einer neuen Beziehung, seitdem haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Seine Partnerin hat eine vertraute Bindung zu den Kindern aufgebaut und ist mittlerweile fester Bestandteil unseres „Teams“. Unsere Aufteilung ist berufsbedingt chaotisch. Es gibt keine fixen Tage oder Wochen. Gerichtet wird sich nach den Dienstplänen. Die Kids haben sich daran gewöhnt und kommen mittlerweile gut damit klar. Es funktioniert auch nur deshalb, weil wir nicht mal einen Kilometer von einander entfernt wohnen.

    Aber wir legen großen Wert darauf, dass der Monat 50:50 aufgeteilt ist. Die Planung dafür übernimmt übrigens auch der Papa. Ich geb nur meinen Senf dazu, wenn wichtige Termine bei mir anstehen.

    Und der Vater meiner Kinder? Der hat mittlerweile deutlich mehr graue Haare. Keine Ahnung, woher die kommen.“

     

    Danke liebe Nicole, dass du deine Geschichte so offen geteilt hast.

     

    Erlaubst du dir regelmäßig Pausen oder erfüllst du auch erst mal alle anderen Bedürfnisse, bevor du dich um dich kümmerst? Verrate es gern in den Kommentaren.

    1 Kommentar

  1. User Avatar
    Elisabeth

    Ach, die Geschichte hab ich sehr gern gelesen. Gerade aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass so eine Trennung ja nicht einfach so passiert und gerade Mütter, die sich trennen, in die Schublade „das ist ja voll egoistisch“ gesteckt werden. Ich ziehe meinen Hut davor, dass sich alle als Team eingespielt haben – das ist (besonders für die Kinder) unfassbar viel wert!

  2.  data-lazy-src=