Was passiert, wenn Kinder geboren werden, um Mama und Papa zusammenzuhalten? Genau davor warnt eine Expertin.

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    „Ein Kind kriegen, nur um die Beziehung zu retten? Um Gottes willen, sowas kann doch niemand ernsthaft in Erwägung ziehen?“ Das war mein erster Gedanke, als ich von sogenannten Pflasterbabys gelesen habe. Und dann fiel mir plötzlich wieder diese eine Freundin ein, die unbedingt ein Baby wollte – und gleichzeitig mit aller Kraft versucht hat, ihre Beziehung festzuhalten, obwohl eigentlich längst klar war, dass es zwischen den beiden vorbei war. Irgendwann sagte sie leise zu uns Freundinnen, halb verzweifelt, halb ernst: „Was ist, wenn ich die Pille einfach mal vergesse?“

    Dazu kam es am Ende nicht mehr, wenig später waren die beiden getrennt. Aber so abwegig scheint der Gedanke für viele nicht zu sein, mit einem Baby die Beziehung zu retten. Was macht das eigentlich mit den Kindern – vor allem, wenn die Beziehung dann doch in die Brüche geht?

    Warum bekommen Paare ein „Pflasterkind”

    Die systemische Paar- und Beziehungstherapeutin Eva-Marie Hesse erklärt gegenüber der Frankfurter Rundschau, dass sie dieses Phänomen seit vielen Jahren aus ihrer Praxis kennt. Früher sei eher vom „Beziehungskitt“ die Rede gewesen. Oft werde der Wunsch nach einem Kind dabei gar nicht offen ausgesprochen als „Wir retten jetzt unsere Beziehung“. Trotzdem stecke dahinter häufig genau diese Hoffnung: Dass ein gemeinsames Baby wieder Nähe schafft, Konflikte überdeckt oder einem Paar neuen Halt gibt.

    „Ein Kind verbindet ein Paar lebenslang. Man kann sich als Liebespaar trennen, aber nicht auf der Elternpaar‑Ebene.“

    Eva-Marie Hesse in der Frankfurter Rundschau

    Vor allem Paare, die Schwierigkeiten hätten, offen über ihre Bedürfnisse, Wünsche oder Enttäuschungen zu sprechen, würden laut Hesse eher in diese Dynamik geraten. Statt die eigentlichen Probleme anzugehen, entstehe dann manchmal die Vorstellung, ein Kind könne die entstandene emotionale Lücke schließen oder der Beziehung wieder einen gemeinsamen Sinn geben.

    Warum ein Kind nicht die Beziehung retten kann

    Die Expertin macht allerdings auch deutlich, warum das meistens nicht funktioniert. Denn ein Baby bringe nicht automatisch Stabilität in eine Partnerschaft – vielmehr könne der Alltag mit Kind eine ohnehin belastete Beziehung zusätzlich unter Druck setzen. Schlafmangel, Verantwortung, Mental Load und die permanente Fürsorge für ein kleines Kind kosten Kraft. Kraft, die in einer kriselnden Beziehung häufig sowieso schon fehle.

    „Der Alltag mit einem Kind nimmt viel Raum ein. Das macht eine Beziehung eher anfälliger, nicht stabiler“, sagt Hesse der Frankfurter Rundschau. Viele Beziehungen würden letztlich genau daran zerbrechen.

    „Warum streiten Mama und Papa ständig?”
    „Warum streiten Mama und Papa ständig?” Foto: Adobe Stock

    Was das mit den Pflasterbabys macht

    Geboren, um als Beziehungskitt zu wirken – betroffene Kinder wachsen laut der Therapeutin oft mit dem unbewussten Gefühl auf, für das emotionale Gleichgewicht ihrer Eltern verantwortlich zu sein. Sie spüren Spannungen besonders früh, versuchen Streit zu vermeiden oder stellen ihre eigenen Bedürfnisse hinten an, um die Familie irgendwie zusammenzuhalten.

    Hesse beschreibt diese Kinder als oft besonders feinfühlig und aufmerksam für die Stimmung ihrer Eltern. Genau darin liege aber auch das Problem: Kinder sollten nicht das Gefühl haben müssen, dass von ihnen abhängt, ob zuhause Frieden herrscht oder die Familie zusammenbleibt.

    „Das ist eine wahnsinnige Belastung und eine Verantwortung, die überhaupt nicht zu einem Kind gehört.“

    Therapeutin Eva-Marie Hesse

    Ein Kind kann die Beziehung verbessern – aber nur unter einer Bedingung

    Gleichzeitig betont sie aber auch, dass ein Kind nicht automatisch eine Beziehung verschlechtert. Manche Paare würden durch die gemeinsame Verantwortung tatsächlich wieder näher zusammenrücken. Entscheidend sei jedoch, dass die Beziehung bereits vorher tragfähig genug ist – und das Kind nicht die Aufgabe bekommt, Probleme zu lösen, die eigentlich zwischen den Erwachsenen liegen.

    Oder anders gesagt: Ein Baby kann vieles verändern. Aber es kann keine Beziehung reparieren, deren Fundament längst bröckelt.

    Was denkt ihr darüber? Habt ihr in eurem Umfeld schon erlebt, dass Paare gehofft haben, mit einem Baby ihre Beziehung retten zu können?

    3 Kommentare

  1. User Avatar
    Marie

    Ich kenne auch Paare, die in Krisen noch ein Kind bekommen haben. Bei manchen ging es gut aus, bei anderen weniger. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass eine gefestigte Beziehung nach der Geburt eh auf die Probe gestellt wird und ich mir nicht vorstellen kann wie eine problembehaftete Beziehung mit weniger Zeit zu Zweit noch gerettet werden kann. 

  2. User Avatar
    Elisabeth

    Was für ein Druck einfach auf diesem Kind lasten muss. Ich möchte wirklich jedes Pflasterkind (was ist das für ein toller Begriff eigentlich  ❤️ ) einmal fest drücken. Kann mir vorstellen, dass nicht nur die Eltern mentale Pflaster benötigen sondern vielleicht dann auch das Kind selbst  ❤️  

  3. User Avatar
    Lauraa

    Eines der Themen die so viel entsetzen in mir aufleben lassen…Pflasterkinder sind dafür wirklich der perfekte Begriff. Ich werd sowas leider wirklich niemals verstehen – ähnlich gilt es fürs heiraten, um eine Beziehung zu retten. Obwohl dabei Pflasterkister wirklich ’noch‘ schlimmer sind (wenn man das überhaupt so sagen kann) – denn ein Kind ist mehr als unschuldig … bei einer Hochzeit ruinieren die Eltern sich wenigstens ganz allein.