Du fühlst dich nach der Geburt oft vergesslich, weniger belastbar, verlierst schneller den Faden? Neurowissenschaftlerin Dr. Teresa Cramer erklärt, warum der Brain Fog zum Wochenbett dazugehört und ja, sogar einen Sinn hat.

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    Kennt ihr auch das Gefühl, dass der Kopf nach der Geburt eures Kindes plötzlich nicht mehr ganz so klar läuft wie sonst? Das höre ich oft. Ich bin Dr. Teresa Cramer und obwohl ich selbst noch keine Mama bin, aber hoffe, bald eine zu werden, habe ich mich intensiv mit dem Thema „Brain Fog im Wochenbett“ wissenschaftlich beschäftigt.

    Denn warum fühlt sich in dieser Zeit alles so vernebelt an – der Schlafmangel alleine kann es ja kaum sein oder läuft das Gehirn einfach schlechter?

    Die kurze Version: Nein, das Gehirn wird nach der Geburt nicht einfach „schlechter“. Aber ja, es verändert sich massiv. Und zwar so massiv, dass man Brain Fog nicht einfach als Müdigkeit oder mangelnde Belastbarkeit abtun sollte.

    Schwangerschaft und Geburt gehören zu den eindrucksvollsten neurobiologischen Umbauphasen, die das erwachsene Gehirn überhaupt durchlaufen kann. Das Ziel dieses Umbaus ist nicht, eine Frau kognitiv zu sabotieren, sondern das Gehirn stärker auf Bindung, Fürsorge, Empathie, Gefahrenwahrnehmung und Reaktionsbereitschaft für das Baby auszurichten.

    Anders gesagt: Das Gehirn hat in dieser Phase sehr viel zu tun.

     

    Eine strukturell wichtige Veränderung im Gehirn betrifft dabei die sogenannte graue Substanz.

    Mit grauer Substanz sind vor allem jene Hirnbereiche gemeint, in denen besonders viele Nervenzellkörper, Synapsen und lokale Verschaltungen liegen — also gewissermaßen die Teile des Gehirns, in denen Informationen verarbeitet, bewertet und miteinander verknüpft werden.

    Studien zeigen, dass während der Schwangerschaft und im frühen Wochenbett die graue Substanz vor allem in Hirnregionen abnimmt, die für soziale Kognition, Selbstbezug, Perspektivübernahme, Gedächtnis und komplexe Informationsverarbeitung wichtig sind.

    Diese Veränderungen können teilweise lange bestehen bleiben, teils noch Jahre nach der Geburt.

    Neurowissenschaftlerin Teresa Cramer hat sich mit den Veränderungen im Gehirn nach der Geburt intensiv auseinander gesetzt.
    Neurowissenschaftlerin Dr. Teresa Cramer hat sich mit den Veränderungen im Gehirn nach der Geburt intensiv auseinander gesetzt. Foto: privat

    Bevor jetzt alle nervös werden: Weniger graue Substanz heißt hier nicht automatisch, dass man plötzlich schlechter denkt.

    Besonders in Hirnbereichen, die für Empathie, Fürsorge, Belohnungsverarbeitung und das Erkennen sozial bedeutsamer Signale wichtig sind, nimmt die weiße Substanz zu.

    Auch der orbitofrontale Kortex wächst, der wichtig für emotionale Bewertung, soziale Entscheidungen und das flexible Anpassen von Verhalten ist. Diese Umbauten gehen mit einer erhöhten Sensitivität für soziale Signale und mit stärkerer Empathie einher.

    Einiges nimmt also ab, anderes nimmt zu — und das Gehirn reorganisiert sich dadurch ziemlich gezielt so, dass es auf das Baby und seine Bedürfnisse besonders fein reagieren kann

    Als wäre das strukturell alles noch nicht genug, verändert sich auch die funktionelle Vernetzung des Gehirns.

    Besonders wichtig ist dabei ein Netzwerk, das in der Forschung als parentales Caregiving-Netzwerk bezeichnet wird — also im Grunde ein Netzwerk, das für elterliche Fürsorge besonders wichtig ist. Dazu gehören Regionen, die Emotionen, Motivation, Bindung, Belohnung, Erinnerung und die Bedeutung sozialer Reize verarbeiten.

    Nach der Geburt scheint dieses Netzwerk besonders aktiv oder besonders fein abgestimmt zu sein. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass die Kopplung zwischen eher kognitiven, kontrollierenden Hirnbereichen und eher emotionalen Hirnbereichen flexibler wird. Das macht das Gehirn vermutlich reaktiver, empfänglicher und schneller ansprechbar für soziale und emotionale Signale des Babys. Für ein Baby ist das natürlich sehr sinnvoll. Subjektiv kann es sich aber auch so anfühlen, als sei man weniger klar, weniger „bei sich“ oder im klassischen Alltag etwas weniger belastbar.

    Das Gehirn wird nicht schlechter, es verteilt nur die Ressourcen. Foto: Unsplash
    Das Gehirn wird nicht schlechter, es verteilt nur die Ressourcen. Foto: Unsplash

    Ein Hirnbereich, der sich in dieser Phase besonders stark verändert, ist der Hippocampus, der für Gedächtnis, Lernen und Kontextverarbeitung wichtig ist. Während der Schwangerschaft und im frühen Wochenbett zeigen manche Daten dort ein reduziertes Volumen oder eine verringerte Neurogenese, also eine geringere Neubildung von Nervenzellen. Das klingt zunächst mal wieder negativ, muss es aber nicht unbedingt sein.

    Später zeigen sich teils funktionelle Verbesserungen, etwa beim Lernen und Erkennen von babyrelevanten Reizen. Manche Erkenntnisse deuten sogar darauf hin, dass ein kleineres Hippocampusvolumen im frühen Wochenbett mit einer besseren Interaktion mit dem Kind zusammenhängen kann. Das spricht dafür, dass hier nicht einfach ein Defizit vorliegt, sondern eher eine Umverteilung von Ressourcen:

    Das Gehirn priorisiert in dieser Phase also nicht unbedingt das Merken beliebiger Alltagsdetails, sondern stärker das, was für Bindung, Sicherheit und Versorgung des Babys wichtig ist.

    Bei all dem Umverteilen, Abnehmen und Zunehmen könnte man natürlich denken, dass an dem subjektiven Gefühl vieler Frauen, vergesslicher oder zerstreuter zu sein, schon etwas dran sein muss. Und natürlich ist dieses Erleben auch real. Das Paradoxe ist nur, dass objektive Tests bisher keine globalen kognitiven Defizite belegen konnten. Und genau das ist wichtig zu wissen.

    Das Gehirn arbeitet in dieser Phase laut allgemeiner Tests nicht schlechter, sondern verteilt seine Aufmerksamkeit nur anders. Es fokussiert sich stärker auf babybezogene Reize, Gefahrenhinweise und emotionale Signale — und weniger auf Alltagsinformationen oder kleine organisatorische Details. Wenn letzteres dann leichter durchrutscht, ist es neurologisch also eher Ausdruck einer Prioritätenverschiebung als eines Abbaus.

     

    Wie sich Brain fog äußert?

    Typische Symptome können sein: Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Schwierigkeiten, klare Gedanken zu fassen, langsames Denken, mentale Erschöpfung, Wortfindungsstörungen, das Gefühl von Benommenheit oder „nicht ganz da sein“ sowie Probleme damit mehrere Dinge gleichzeitig zu verarbeiten. Viele beschreiben es so, als wäre das Gehirn „überlastet“ oder „dumpf“.

    Es kann also sein, dass dir mehr Fehler passieren, dass du Schwierigkeiten bei Gesprächen oder Entscheidungen hast, dich antriebslos fühlst, gereizt oder frustriert bist oder den Wunsch verspürst, dich zurückzuziehen. Auch Angstgefühle können aufkommen.

     

    „Schuld“ daran sind übrigens die Hormone.

    Sie beeinflussen nicht nur einzelne Prozesse, sondern steuern mit, wie flexibel das Gehirn auf Veränderungen reagiert, wie leicht Synapsen umgebaut werden und wie sich ganze Netzwerke neu organisieren. Besonders intensiv ist dieser Umbau im letzten Schwangerschaftsdrittel und in den ersten Wochen nach der Geburt — also genau in der Phase, in der sich Östrogen, Progesteron, Oxytocin, Prolaktin und Stresshormone besonders stark verändern.

    Der abrupte Hormonabfall nach der Geburt gilt dabei als ein wichtiger Treiber der raschen Reorganisation. Diese hormonelle Achterbahn hat allerdings auch eine Kehrseite: Wenn hormonelle Umstellung, Stressreaktion und Entzündungsprozesse aus dem Gleichgewicht geraten, kann das das Risiko für postpartale Depression, Angstzustände und stärkere kognitive Beschwerden erhöhen. Auch Schlafmangel, Schmerzen, chronischer Stress, Anämie, Depression und Angst können Brain Fog zusätzlich verstärken. Er entsteht daher oft aus einer Mischung aus normaler neurobiologischer Anpassung und zusätzlicher Belastung.

     

    Zwischen etwa sechs und zwölf Wochen postpartum normalisieren sich viele Hirnbereiche teilweise wieder, während andere länger verändert bleiben.

    Langfristig gesehen gibt es die Hypothese, dass einige dieser Anpassungen eine Art kognitive Reserve aufbauen könnten, also spätere Vorteile für komplexe soziale und kognitive Anforderungen des Elternseins. Was sich also subjektiv vernebelt anfühlt, kann Teil einer sehr ausgeklügelten neurobiologischen Spezialisierung sein

    Zusammengefasst steckt hinter Brain Fog im Wochenbett also ein komplexes Zusammenspiel aus hormoneller Umstellung, veränderter Netzwerkorganisation, Ressourcenverschiebung zugunsten von Fürsorge sowie zusätzlichen Belastungsfaktoren.

    Aus neurowissenschaftlicher Sicht spricht vieles dafür, dass „Mom Brain“ kein Zeichen von Abbau ist, sondern eher ein Ausdruck davon, dass das Gehirn sich in kurzer Zeit tiefgreifend auf eine neue biologische und soziale Aufgabe einstellt. Genau diese Anpassung kann sich subjektiv wie Nebel im Kopf anfühlen — obwohl sie langfristig eher eine Spezialisierung als eine Schwächung darstellt.

     

    Wie ich das als Neurowissenschaftlerin sehe?

    Die Vorstellung, dass mein Hippocampus für eine Weile kleiner wird, finde ich zugegeben nicht gerade glamourös. Aber wenn das der Preis dafür ist, dass mein Gehirn sich auf Champions-League-Niveau in Sachen Bindung, Fürsorge und Baby-Feinfühligkeit einstellt, nehme ich das sehr gerne in Kauf. Wenn also irgendwann für mein Gehirn die Zeit des Umbaus kommt, werde ich einfach daran denken, was im Gehirn meines Babys gerade alles passiert. Dagegen ist mein eigenes neuronales Baustellenchaos nämlich gar nichts.

     

    Dr. Teresa Cramer ist promovierte Neurowissenschaftlerin am MIT in den USA. Auf ihrem Weg durch international führende Forschungsinstitutionen wie Harvard, UCL und Imperial College London hat sie sich vor allem mit Hirnplastizität und kritischen Entwicklungsphasen des Gehirns beschäftigt.

     

    Kennst du auch Brain Fog nach der Schwangerschaft? Teile deine Erfahrungen gern mit uns in den Kommentaren.

    Quellen
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    3. Paternina-Die M, Martínez-García M, De Blas DM, et al. Women’s neuroplasticity during gestation, childbirth and postpartum. Nature Neuroscience. 2024;27:319 – 327. doi:10.1038/s41593-023-01513-2
    4. Barba-Müller E, Craddock S, Carmona S, Hoekzema E. Brain plasticity in pregnancy and the postpartum period: links to maternal caregiving and mental health. Archives of Women’s Mental Health. 2018;22:289 – 299. doi:10.1007/s00737-018-0889-z
    5. Nehls S, Losse E, Enzensberger C, Frodl T, Chechko N. Time-sensitive changes in the maternal brain and their influence on mother-child attachment. Translational Psychiatry. 2024;14. doi:10.1038/s41398-024-02805-2
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    7. Pawluski J, Hoekzema E, Leuner B, Lonstein J. Less can be more: Fine tuning the maternal brain. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2021;133. doi:10.1016/j.neubiorev.2021.11.045
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    2 Kommentare

  1. User Avatar
    Lauraa

    Der weibliche Körper ist einfach soooo krass!Ich habe eben noch den Artikel von euch gelesen zum Thema : Mütterpflege in Wochenbett und dass diese teilweise sogar von den Krankenkassen üernommen wird. Hier liest man perfekt heraus, warum es so so wichtig ist, dass es soetwas gibt.Falls es auch andere Mamas interessiert, hier ist der Link: https://www.echtemamas.de/muetterpflegerinnen/

  2. User Avatar
    Lena

    Es ist schon verrückt, was der weibliche Körper alles kann und leistet! Je mehr ich darüber weiß, desto mehr staune ich  ❤️