Studien zeigen: Mütter unterschätzen oft ihre Töchter und trauen den Söhnen mehr zu – schon im ersten Lebensjahr. Ein Experiment verdeutlicht die Wirkung von Rollenbildern.

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    Niemals würdest du deiner Tochter weniger zutrauen als deinem Sohn, nur weil sie ein Mädchen ist? Die meisten Mamas sind überzeugt, ihre Kinder gleich zu behandeln und ihre Töchter zu stärken. Und doch zeigt eine Studie ein anderes Bild: Schon im ersten Lebensjahr schleicht sich ein Verhalten vieler Mütter ein, das langfristige Folgen haben kann.

    In einem Experiment der Studie „Gender Bias in Mothers’ Expectations about Infant Crawling“, erschienen im Journal of Experimental Child Psychology, sollten Babys eine kleine Rampe herunterkrabbeln. Vorab hatten die Wissenschaftler:innen getestet, welchen Winkel die Kinder tatsächlich bewältigen konnten – die Mütter wussten nichts davon. Das überraschende Ergebnis: Bei den Mädchen stellten die Mütter die Rampe deutlich flacher ein, bei den Jungen steiler. Die Babys selbst meisterten die Aufgabe jedoch gleichermaßen gut.

    Mütter unterschätzten ihre Töchter

    Bettina Hannover, Psychologin und Professorin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin, gegenüber der Frankfurter Rundschau erklärt: „Die Mütter haben in dieser Situation der Unsicherheit auf stereotypes Wissen zurückgegriffen, um eine Prognose zu stellen.“ Anders gesagt: Ohne es zu wollen, stützen sich Eltern oft auf alte Rollenbilder, selbst wenn das Geschlecht des Kindes in dieser Situation gar keine Rolle spielt.

    Die Beziehung zwischen Mama und Tochter ist einzigartig.
    Die Beziehung zwischen Mama und Tochter ist einzigartig. Foto: Pexels

    In der Studie wurden 23 Mutter-Kind-Paare untersucht. Neun von zwölf Müttern unterschätzten die Krabbelleistung ihrer Töchter. Gleichzeitig trauten sie den Jungen mehr Risikobereitschaft zu. Hannover betont: „Bereits in den Vorschuljahren sehen wir, dass Jungen im motorischen Bereich vor größere Herausforderungen gestellt werden, während Mädchen vorsichtiger behandelt werden.“

    Auswirkungen auf Selbsteinschätzung der Mädchen

    Diese frühen Unterschiede wirken langfristig. Kinder, denen von Anfang an mehr zugetraut wird, sind motivierter, setzen sich höhere Ziele und entwickeln tatsächlich höhere Fähigkeiten – ein Effekt, der sich auch in Mathematik, Sport und späteren Interessen widerspiegeln kann. Mädchen, die weniger ermutigt werden, zeigen oft ein negatives Selbstkonzept und geringere Leistungsbereitschaft, obwohl sie die gleichen Fähigkeiten besitzen.

    Das Fazit für Eltern:

    Es ist wichtig, die eigenen Vorstellungen und unbewussten Erwartungen zu hinterfragen. Wahrscheinlich trägt jede von uns solche Geschlechterklischees noch mit sich herum– einfach, weil wir so aufgewachsen sind. Gleichzeitig haben wir jeden Tag die Möglichkeit, bewusst anders zu handeln und Mädchen mehr zuzutrauen.

    Wenn wir sie ermutigen, Dinge auszuprobieren und ihnen Vertrauen schenken, vermitteln wir ihnen ganz selbstverständlich, dass sie sich etwas zutrauen dürfen und ihre Fähigkeiten entwickeln können. Denn die kleinen Unterschiede, die das in der frühen Kindheit macht, können die Selbstwahrnehmung von Kindern nachhaltig prägen.

    Habt ihr schon einmal gemerkt, dass ihr eure Töchter vorsichtiger behandelt als eure Söhne? Tauscht euch in den Kommentaren gerne dazu aus!

    2 Kommentare

  1. User Avatar
    Irina

    Hallo liebe Community,wir haben sowohl einen Sohn als auch zwei Töchter. Die meisten Mädchen sind von Natur aus vorsichtiger. Wenn Jungs auf etwas gleich los stürmen analysieren Mädchen erst. Was auch eine sehr gute Fähigkeiten ist. Ich hätte wahrscheinlich auch die Rampe flacher für meine Tochter gestellt, aber bestimmt nicht aufgrund gewisser Rollenbilder, sondern weil meine Kleine sich so sicherer fühlt. Im Gegensatz ermutigen wir sie mehr zu probieren, aus sich rauszukommen. Aber Mädchen und Jungs unterscheiden sich vom Wesen her und es hat mehr mit der Evaluation zu tun als mit den Rollenbilder in unserer Gesellschaft. Ich spreche über die Mehrheit, natürlich gibt es genügend umgekehrte Fälle.LG Irina 

    • User Avatar
      Lena

      Hallo Irina, du sprichst einen wichtigen Punkt an: Natürlich bringen Kinder ihre ganz eigenen Persönlichkeiten mit – und viele Eltern erleben genau das, was du beschreibst. Manche Kinder sind vorsichtiger, andere stürmischer, ganz unabhängig vom Geschlecht.
      Spannend ist aber, worauf sich die Studie bezieht: Sie zeigt, dass Mütter ihre Kinder in einer neuen, unbekannten Situation unterschiedlich einschätzen – obwohl Mädchen und Jungen objektiv gleich gut abschneiden. Laut den Forschenden greifen wir in solchen Momenten oft unbewusst auf gesellschaftlich geprägte Vorstellungen zurück.

      Das heißt nicht, dass jede Entscheidung automatisch „falsch“ ist oder nur an Rollenbildern liegt – sondern eher, dass wir alle solche Prägungen in uns tragen, ohne es zu merken.