Inhalt dieses Artikels

    Viele meiner Freundinnen haben sich bewusst gegen Kinder entschieden. Der Wohnraum sei eh schon knapp, das Berufsleben in der aktuellen wirtschaftlichen Lage sehr anspruchsvoll, alles sei teurer geworden, ein passender Partner fehle und die Umstände mit fehlender Kinderbetreuung würden der Kinderplanung auch nicht in die Karten spielen. Das sind nur einige der Argumente, die ich in meinem Freundeskreis höre und auch nachvollziehen kann.

    Deshalb wundert es mich auch nur wenig, dass die Geburtenrate in Deutschland im vergangenen Jahr den niedrigsten Stand seit 1946 erreichte wie das Statistische Bundesamt gerade bekannt gab. 2025 wurden nur 654.300 Kinder in der Bundesrepublik geboren – das sind 3,4 Prozent weniger als noch 2024. Damit sank die Geburtenrate seit 2021 kontinuierlich. Ein Trend, der sich schon lange abzeichnet und der dramatische Folgen haben kann.

     

    Die niedrigste Geburtenrate seit 1946 – woran liegt’s wirklich?

    Warum sich meine Freundinnen oft gegen Kinder entscheiden, habe ich ja bereits aufgezählt, doch das Statistische Bundesamt sieht laut der Tagesschau zwei Entwicklungen, die die Geburtenrate beeinflussen:

    1. Es gäbe aktuell weniger Frauen, die Kinder bekommen könnten, weil die 1990er-Geburtsjahrgänge zahlenmäßig kleiner sind. Heute gibt es also weniger Frauen in den 30ern als noch vor einigen Generationen.
    2. Außerdem sinke seit 2022 die zusammengefasste Geburtenziffer – also die Zahl, wie viele Kinder Frauen im Durchschnitt bekommen. Statt zwei Kindern (wie vor einigen Jahren) bleiben viele Eltern heute lieber bei einem oder eben bei keinem Kind.

    In die zweite Ursache fließen viele Faktoren mit rein. Der Deutsche Familienband sagte gegenüber der Tagesschau, dass die aktuellen Zahlen ein „dramatischer Weckruf“ und „ein Ergebnis einer jahrzehntelangen strukturellen Benachteiligung von Familien“ seien. Auch die gesetzliche Rente würde laut des Deutschen Familienbandes Eltern für ihre Erziehungsleistung bestrafen und im Alter negative Folgen haben. Aber dazu später im Text noch mehr.

     

    Die Reaktionen? Wenig überrascht.

    Als Mutter von zwei Töchtern spüre ich jeden Tag wie herausfordernd das Leben heute mit Kindern ist – und auch wie teuer. Eine normale 4-Zimmer-Wohnung ist in Städten wie Hamburg, Berlin oder München nicht nur schwer zu finden, sondern auch schwer zu finanzieren. Wenn man sich die Kommentare zu den neusten Zahlen anschaut wie beispielsweise unter diesem Post, geht es vielen Frauen ähnlich. Eine Frau schreibt beispielsweise unter dem Post der Tagesschau:

    „Vielleicht liegt’s nicht daran, dass wir keine Kinder wollen, sondern daran, dass man sich ein Leben mit Kind kaum noch leisten kann.“

    Eine andere Userin kommentierte: „Ich sag nur so viel: Das Elterngeld wurde seit 20 Jahren nicht erhöht. Also ja, keine Ahnung, warum sich so viele Menschen keine Kinder leisten können. Und vor der kinderhassenden Gesellschaft will ich gar nicht erst anfangen.“ Tausende Frauen und Männer stimmten ein.

    Jahrelang hat die Politik Familien im Stich gelassen. Das hat jetzt massive Auswirkungen.
    Jahrelang hat die Politik Familien im Stich gelassen. Das hat jetzt massive Auswirkungen. Foto: Unsplash

    Hinzu kommt: Die Deutschen werden immer älter

    Deutschland gehört zu den Ländern mit einer besonders schnell alternden Bevölkerung. Das liegt vor allem an zwei Entwicklungen: niedrige Geburtenraten und eine steigende Lebenserwartung. Diese Kombination hat ziemlich weitreichende Folgen – wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Die Zahl der Sterbefälle überstieg 2025 mit 1,1 Millionen die Zahl der Geburten um 352.000. Was das bedeutet? Die deutsche Bevölkerung schrumpft.

    Das hat drastische Folgen für die Zukunft: Weniger junge Menschen bedeuten langfristig weniger Arbeitskräfte. Viele Branchen spüren schon jetzt Fachkräftemangel. Unternehmen müssen stärker automatisieren oder gezielt Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen. Gleichzeitig kann das Wirtschaftswachstum langsamer werden.

    Das deutsche Rentensystem basiert stark auf dem Umlageprinzip: Die arbeitende Bevölkerung finanziert die Rentner. Wenn es immer mehr Ältere und weniger Junge gibt, gerät dieses System unter Druck. Mögliche Folgen sind: höhere Beiträge, späteres Renteneintrittsalter, niedrigere Renten. Also hat die niedrige Geburtenrate weitreichende Folgen, die wir vor allem in ein paar Jahren spüren werden.

    Die aktuellen Zahlen sollten ein Weckruf für die Politik sein

    Der demografische Wandel ist eine der zentralen Herausforderungen in Deutschland. Er ist nicht „nur ein Problem“, aber er zwingt Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sich anzupassen – etwa durch Zuwanderung, Reformen im Rentensystem oder Familienförderung. Und besonders der letzte Punkt müsste dringend neu gedacht werden. Wenn Eltern mehr Support erhalten wie angepasstes Elterngeld, mehr und bessere Kinderbetreuung sowie bezahlbaren Wohnraum kommt das am Ende gesehen allen zu Gute – und bewegt vielleicht noch Unentschlossene doch mit der Familienplanung zu starten. Wie bei vielen Themen ist auch dieses nicht simple und schnell gelöst. Es braucht zahlreiche Maßnahmen – und damit sollte man am besten direkt beginnen.

    Denn ob man Kinder bekommen möchte, sollte keine Frage des Geldes mehr sein und wir hoffen, dass die Zahlen nicht nur bei uns, sondern auch auf politischen Ebenen für den Drang nach sofortiger Veränderung sorgen.

    Seid ihr überrascht über die aktuell niedrigen Geburtenraten? Verratet es uns in den Kommentaren.

     

    Quellen

    https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/geburten-rueckgang-100.html

    6 Kommentare

  1. User Avatar
    Lauraa

    Wahnsinn, ehrlich. Niemand ist verwundert – das trifft es zu 100%! Hinzu kommt ja noch, dass uns Frauen auch noch ein schlechtes Gewissen gemacht wird, wenn wir für die Kinder zuhause bleiben oder „nur“ in Teilzeit arbeiten gehen. Wir sollen dem Arbeitsmarkt in Vollzeit zur Verfügung stehen, selbst für unsere Krankenkasse und Rente aufkommen. Tja, da können wir eben leider keine Kinder mehr bekommen. 🙄 

    • User Avatar
      Marie

      Ja, da hast du recht. Der Mental-Load, der dabei aufkommt, ist auch nicht zu unterschätzen. 

  2. User Avatar
    Elisabeth

    Mich überrascht das auch nicht mehr, finde es aber super interessant, Zahlen schwarz auf weiß zu sehen. Abgesehen von der finanziellen Frage, sind die Millenials (nach meiner Wahrnehmung) wesentlich reflektierter, müssen viel aus den vorangegangenen Generationen aufarbeiten und entscheiden sich demnach auch aktiv gegen Kinder oder gegen mehr als eins. Die Politik hat da einen harten Brocken vor sich, um den sie sich gerne mal mit guten Absichten kümmern könnten.

    • User Avatar
      Marie

      Genau, es gibt aktuell ja auch viele Stimmen dazu, dass gerade Millenials das Gefühl haben, dass das Versprechen, was ihnen zum Thema Vereinbarkeit gemacht wurde, nicht aufgeht und ziehen nun ihre Schlüsse daraus.