Selektiver Mutismus

Malia spricht zu Hause wie ein Wasserfall, außerhalb ihrer Familie verstummt sie. Ihre Eltern erzählen, was dahintersteckt.

Inhalt dieses Artikels

    „Ich kann mich gar nicht mehr genau daran erinnern, wann uns selbst zum ersten Mal aufgefallen ist, dass Malia außerhalb bestimmter Situationen kaum oder gar nicht spricht. Dafür weiß ich noch ganz genau, wann wir darauf aufmerksam gemacht wurden.

    Die Erzieherin unserer Tochter fragte mich damals, ob Malia auch zu Hause so still sei.

    Ich hatte mir zunächst nicht viel dabei gedacht. Wir kannten beide Seiten von ihr: Die, die sprudelt und lacht, Fragen stellt und erste kleine Geschichten erzählt. Und die, die etwas zurückhaltender ist. Da wir das von unserer größeren Tochter schon kannten, die als kleines Kind auch immer eher schüchtern war, und auch ich selbst als Kind sehr zurückhaltend war, machte uns das erst einmal keine Sorgen.

    Wir waren sicher, dass sie in anderen Umgebungen einfach ein eher ruhiges Kind ist und sich ihre Zeit nimmt.

    Unsere Erzieherinnen fragten uns im Nachhinein noch ein oder zwei Mal, ob Malia denn zu Hause spricht. Wenn wir antworteten: ‚Ja, wie ein Wasserfall‘, waren sie gleichzeitig erstaunt und beruhigt und sagten, dass wir uns um ihre sprachliche Entwicklung dann ja keine Sorgen machen müssten.

    Dass das „Nicht-Sprechen“ in der Kita tatsächlich ein vollständiges Verstummen war, war uns zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht klar. Wir fingen irgendwann an, genauer zu beobachten, wie sich Malia in anderen sozialen Situationen außerhalb von zu Hause verhält.

    Ihre erste Kita-Zeit fiel mitten in die Corona-Phase. Das soziale Leben war sowieso komplett auf den Kopf gestellt. Wir waren viel als kleine Familie zusammen und trafen uns nur mit wenigen oder unseren engsten Freunden.

    Lange bemerkte Britta nicht, dass ihre Tochter oft verstummte. Foto: Privat
    Britta fiel immer häufiger auf, dass ihre Tochter in bestimmten Situationen verstummte. Foto: Privat

    Trotzdem fiel uns bei diesen Treffen immer mehr auf, dass Malia eigentlich mit niemandem außer uns Eltern und ihrer Schwester spricht. Dass sie regelrecht verstummt.

    Über selektiven Mutismus hatten wir vorher überhaupt noch nie etwas gehört – weder entfernt noch aus unserem Umfeld. Wir hatten keine Ahnung, dass es das gibt und wie es sich äußert. Aus wachsender Sorge begannen wir selbst zu recherchieren.

    Dann ging es plötzlich ziemlich schnell.

    Der Begriff ‚selektiver Mutismus‘ tauchte immer wieder auf. Und jeder einzelne Artikel, den wir fanden, las sich wie eine Beschreibung unserer kleinen Malia. Es passte einfach alles. Ab diesem Moment waren wir uns ziemlich sicher, dass es genau das sein musste.

    Gut zu Wissen

    Selektiver Mutismus ist eine psychische Störung und anerkannte Angststörung, bei der betroffene Kinder in bestimmten Situationen (wie im Kindergarten oder in der Schule) konsequent schweigen, obwohl sie zu Hause oder im vertrauten Kreis ganz normal sprechen.

    Glücklicherweise ist Malia trotz – oder vielleicht auch genau wegen – ihrer Besonderheit ein Kind, das unbedingt alles mitbekommen und miterleben möchte.
    Sie liebt es, Zeit mit ihrer Schwester zu verbringen, Ausflüge oder Urlaube mit uns zu machen und auf Spielplätze zu gehen – einfach dabei zu sein.

    Solange ihr Safe Space, also jemand von uns, in ihrer Nähe ist.

    Sie hat außerdem sehr viel Freude an körperlichen Aktivitäten. In ihrer Kita geht sie zum Yoga und zum Tanzen und einmal die Woche zum Ballett. Wir denken oft, dass sie sich auf diese Weise ausdrücken kann, ohne ihre Stimme zu nutzen.

    Ihre Familie ist Malias Safespace. Foto: Privat
    Ihre Familie ist Malias Safespace. Foto: Privat

    Ihre Kita-Freundinnen akzeptieren sie zum Glück so, wie sie ist. Natürlich kommen sie häufig zu mir und fragen, ob Malia wohl bald auch mal mit ihnen sprechen wird. Manche haben mir schon erzählt, dass sie oft davon träumen, dass Malia mit ihnen spricht. Das finde ich total berührend und süß.

    Malia ist ein sehr empathisches und loyales Kind.

    Sie achtet auf ihre Freundinnen, und ich glaube, das wissen sie unbewusst zu schätzen. Die Kinder haben es perfektioniert, sich ohne Worte zu verstehen.

    Auch zu ihren Erziehern im Elementarbereich hat sie ein vertrautes Verhältnis aufgebaut. Das gibt uns Ruhe und Vertrauen, denn sonst könnten wir sie keinen einzigen Tag mit gutem Gewissen in die Kita bringen.

    Was trotzdem nicht ausbleibt, ist, dass Malia vieles in ihrem Alltag erträgt und über sich ergehen lässt.

    Natürlich beobachte ich, wie bei allen Kindern in dem Alter, dass auch mal geschubst, gehauen, etwas Fieses gesagt oder etwas weggenommen wird. Die Situationen, die ich mit eigenen Augen miterlebe, sind dann meist sehr traurig.

    Malia zieht sich still zurück und versucht, über Distanz Schutz zu finden – aber ihre Worte können ihr nicht helfen. In diesen Momenten empfinde ich sie als besonders hilflos und möchte sie am liebsten vor allem beschützen.

    Wir versuchen, alles zu machen, damit sie eine möglichst unbeschwerte Zeit erleben darf und durch positive Erlebnisse Vertrauen in sich selbst und ihr Umfeld entwickeln kann. Aber wir müssen immer darauf achten, dass entweder jemand von uns bei ihr ist oder dass es eine Situation ist, in der sie sehr viel Sicherheit empfindet und ihre Stimme keine Rolle spielt – wie zum Beispiel beim Tanzen.

    Malia und ihre große Schwester sind ein tolles Team. Foto: Privat
    Malia und ihre große Schwester sind ein tolles Team. Foto: Privat

    Kinder mit selektivem Mutismus sind sehr sensibel. Sie nehmen ihr Umfeld in Sekundenschnelle wahr und scannen jedes Detail um sich herum. So vergewissern sie sich, ob sie sich sicher fühlen können.

    Diese vielen Wahrnehmungen ohne Filter können sehr ermüdend sein.

    Malia hat zum Beispiel schon immer wahnsinnig viel geschlafen und hatte schon sehr früh einen beeindruckenden Zugang zu ihren Gefühlen.

    Was sich für uns im Alltag als am schwierigsten herausgestellt hat, ist es, die Stille auszuhalten. Nicht für Malia zu reden, wenn sie es nicht möchte. Fremden Menschen nicht jeden Moment erklären zu müssen. Die eigene Ohnmacht über das Schweigen hintenanzustellen.

    Malia hat sich das nicht ausgesucht. Ihr Schweigen ist keine aktive Entscheidung, die sie trifft. Ihr Nervensystem lässt ihr das Sprechen in Situationen außerhalb unserer Familie einfach nicht zu. So sehr sie es sich auch selbst wünscht und versucht.

    Ihr Körper kommt dann in einen Zustand, der mit einer Schockstarre vergleichbar ist.
    Wir als Eltern wissen, dass da so viel mehr bei ihr ist: so viele Gedanken in ihrem kleinen Kopf, so viele Gefühle und Worte. Diese nicht für sie zu übernehmen oder nach außen bringen zu wollen, war auch für uns ein Lernprozess.

    Wenn jemand sie anspricht und sie regelrecht erstarrt, war unsere erste Reaktion lange, dass wir ihr Sprachrohr wurden. Inzwischen weiß unser nahes Umfeld Bescheid und in der Regel gehen alle sehr achtsam und einfühlsam mit ihr um. Sie versuchen zum Beispiel, Ja-Nein-Fragen zu stellen, die Malia an mutigen Tagen vielleicht mit einem Nicken oder Kopfschütteln beantworten kann.

    Man merkt aber auch, dass insgesamt viel Unsicherheit da ist.

    Dass manche hin und wieder so tun, als wäre sie gar nicht da – wahrscheinlich, um keine Fehler zu machen. Das Verständnis dafür, dass ein Kind nicht spricht, obwohl es das ja ganz offensichtlich kann, ist von außen betrachtet vermutlich schwer zu entwickeln.

    Nicht selten nehmen Menschen es persönlich, wenn sie keine Antwort bekommen. So ist unsere Gesellschaft: Es gibt Erwartungshaltungen, und wenn diese nicht erfüllt werden und die Norm abweicht, ist das Gegenüber erst einmal immer komisch oder falsch. Es gibt dann schnell einen Stempel oder sie werden schlichtweg übersehen.

    Malia ist in neuen Umfeldern immer das Kind, welches als letztes wahrgenommen wird.

    Wenn andere Kinder vielleicht schon fünf Mal auf die Schaukel durften, steht sie immer noch brav in der Schlange und wartet geduldig, bis auch das letzte Kind noch einmal dran war.

    Das klingt erst einmal trivial, aber uns als Eltern tut das natürlich wahnsinnig leid. Je mehr diese Situationen zu ihrer persönlichen Realität werden, desto schwieriger wird es für sie, aus diesem Kreislauf auszubrechen.

    Wir versuchen, sie so gut wie möglich zu unterstützen und für sie einzustehen.

    Aber je älter sie wird, desto mehr Momente gibt es, in denen wir auch abgeben müssen. Im kommenden Jahr steht ihre Einschulung an. Wir freuen uns darauf, aber natürlich sehen wir ihr auch mit noch mehr Sorgen entgegen.

    Die kleine Malia hat eine tolle Familie, die ihr den Rücken stärkt. Foto: Privat
    Die kleine Malia hat eine tolle Familie, die ihr den Rücken stärkt. Foto: Privat

    Wir können uns im Moment noch nicht vorstellen, wie es für sie sein wird, in einer Klasse mit über 20 anderen Kindern zu sein, in der von ihr erwartet wird, dass sie spricht.

    Im Vorgespräch mit der Schule hat sich leider herausgestellt, dass die Lehrkräfte kein Wissen über selektiven Mutismus hatten. Obwohl die Kita die Information vorab übermittelt hatte, wurde Malia beim ersten Kennenlernen leider sehr überrollt und vor vollendete Tatsachen gestellt. Das war für sie eine sehr herausfordernde und traurige Situation.

    Am Ende müssen wir immer hoffen, dass Menschen in ihrem Alltag sein werden, die sie sehen und hören. Trotz der oft so lauten Stille.

    Was uns auf unserem Weg hilft, ist, dass wir miteinander sprechen. Mein Mann und ich, aber auch mit unserer Familie und unseren Freunden. Der Austausch hilft, um vieles zu reflektieren und wieder einzuordnen.Und natürlich die große Liebe zu Malia, die wirklich ein zauberhaftes kleines Mädchen ist.

    Wir versuchen, ihr ohne Druck Momente im Leben zu schaffen, in denen sie bewusst mutig sein darf. Das kann etwas Kleines sein, wie eine unbekannte Rutsche herunterzurutschen, oder etwas Größeres, wie eine Verabredung mit einer Freundin ohne uns.

    Wir haben außerdem seit einiger Zeit eine Logopädin an der Hand, die wir wöchentlich sehen. Wir haben Glück, dass sie auf selektiven Mutismus spezialisiert ist und auch selbst als Kind betroffen war. Sie hat die Erfahrung also selbst durchlebt.

    Leider ist es insgesamt überhaupt nicht so einfach, Menschen zu finden, die sich damit auskennen.

    Nach und nach haben wir aber auch verstanden, dass der Schlüsselpunkt gar nicht die wöchentlichen Logopädiestunden sind, sondern all das, was drumherum in ihrem Alltag passiert.

    Wenn Eltern vermuten, dass ihr Kind selektiven Mutismus haben könnte, würde ich ihnen raten, sämtliche Situationen im Alltag genau zu beobachten.
    Nicht jedes ruhige Kind hat automatisch selektiven Mutismus. Aber es lohnt sich immer, hinzuschauen. Hinzuhören, besonders dann, wenn es still ist.

    Malia und ihre Mama Britta. Foto: Privat
    Malia und ihre Mama Britta. Foto: Privat

    Es gibt inzwischen Literatur und auch im Netz kann man einiges finden, was einem schon einen ganz guten Gesamteindruck gibt. Ich würde mit anderen sprechen, die das Kind außerhalb der Familie erleben, wie Kita, Schule und Co. Und dann würde ich nicht zu lange warten, um aktiv zu werden.

    Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass ein Kind den selektiven Mutismus besser überwinden kann, je früher man ihn erkennt. Je älter die Kinder werden, desto mehr verfestigen sich Muster und Verhaltensweisen und es wird schwieriger, diese wieder aufzulösen. Und dann braucht es Geduld. Ganz viel davon.

    Es braucht Verständnis, Zuversicht und viel Vertrauen in das eigene Kind. Das Gute ist: Die meisten Geschichten im selektiven Mutismus haben ein positives Ende. Das ‚Wann‘ ist aber immer ungewiss.

    Ich würde mir wünschen, dass dieses Thema mehr Sichtbarkeit bekommt.

    Damit andere Kinder es irgendwann viel einfacher haben dürfen und sie gesehen werden. Jedes Kind hat das Recht, gehört zu werden. Egal, wie leise es ist.
    Und vielleicht bedeutet Zuhören auch manchmal, das zu hören, was gerade nicht gesagt werden kann.”

    Vielen Dank, liebe Britta, dass wir eure Geschichte hier erzählen durften!

    Wie geht ihr damit um, wenn ein Kind in bestimmten Situationen nicht sprechen möchte oder kann?