Familie auf Umwegen

Für Kim ist schon früh klar, dass sie Kinder adoptieren möchte. Dass dieser Weg jedoch mit viel Ungewissheit, Warten und Up’s und Down’s verbunden ist, ahnt sie damals noch nicht…

Inhalt dieses Artikels

    „Einen klassischen Kinderwunsch hatte ich nie. Zumindest nicht so, wie man ihn sich vielleicht vorstellt. Denn als ich 19 Jahre alt war, stand für mich zunächst etwas ganz anderes im Vordergrund: meine Gesundheit.

    Ich musste damals eine Entscheidung treffen, die mein Leben nachhaltig verändern sollte. Um gesund zu werden, sollten mir meine gebärfähigen Organe entfernt werden.

    Ich war 19 Jahre alt, hatte keinen Partner und war weit davon entfernt, mir konkret Gedanken über Familienplanung zu machen. Und trotzdem entstand genau in diesem Moment ein Gedanke, der mich seitdem begleitet:

    Vielleicht werde ich eines Tages adoptieren.

    Heute weiß ich, wie naiv dieser Satz klingt

     

    Mit 19 denkt man Adoption vielleicht noch viel einfacher, als sie tatsächlich ist. Man weiß nicht, wie viele Hürden, Entscheidungen, Hoffnungen und Ängste damit verbunden sein können. Aber dieser Gedanke blieb.

    Jahre später lernte ich meinen heutigen Mann André kennen. Als es irgendwann um unsere gemeinsame Zukunft und Familienplanung ging, war Adoption sofort wieder da. Sie war längst zu einem Herzenswunsch geworden.

    Durch eine Krankheit wusste Kim schon früh, dass sie keine eignen Kinder bekommen kann und sagte lapidar „dann adoptiere ich eben
    Durch eine Krankheit wusste Kim schon früh, dass sie keine eignen Kinder bekommen kann und sagte lapidar „dann adoptiere ich eben" – was das genau bedeutet, erfuhr sie erst Jahre später. Foto: Galina Wehner

    Also habe ich ihm schon in unserem ersten Kennenlerngespräch erzählt, dass ich keine eigenen Kinder bekommen kann – und dass Adoption für mich ein möglicher Weg wäre, Familie zu gründen.

    Wollen wir gemeinsam adoptieren?

     

    Er brauchte zunächst etwas Zeit, um darüber nachzudenken. Schließlich entschied er sich dafür, diesen Weg mit mir zu gehen, wenn wir uns weiter kennenlernen und irgendwann eine gemeinsame Zukunft aufbauen würden.

     

    Kim und ihr Mann André entschieden sich relativ früh in ihrer Beziehung, dass sie den Weg der Adoption gehen möchten. Foto: Galina Wehner
    Kim und ihr Mann André entschieden sich relativ früh in ihrer Beziehung, dass sie den Weg der Adoption gehen möchten. Foto: Galina Wehner

    Drei Jahre später heirateten wir. Und dann begannen wir tatsächlich, unseren Gedanken in die Tat umzusetzen.

    Wir meldeten uns beim Jugendamt, durchliefen das Verfahren, wurden als Adoptiveltern anerkannt und kamen schließlich in den aktiven Adoptivelternpool. Damit begann eine Zeit, die uns wahrscheinlich mehr geprägt hat als alles, was wir uns damals hätten vorstellen können: das Warten auf den Anruf.

    Als Adoptiveltern kommt man grundsätzlich infrage, indem man den gesamten Adoptionsprozess durchläuft und vom Jugendamt bzw. der Adoptionsvermittlungsstelle als geeignet anerkannt wird. Dazu gehören unter anderem Gespräche, Seminare, Hausbesuche und eine intensive Vorbereitung. Natürlich gibt es auch Familien, die am Ende nicht infrage kommen. Das kann verschiedene Gründe haben – unter anderem kann auch das Alter eine Rolle spielen.

    Wenn Bewerber beispielsweise schon ein recht hohes Alter haben (ab 50 Jahre alt), wird dies berücksichtigt, weil am Ende immer das Wohl und die Möglichkeit der Versorgung des Kindes im Mittelpunkt steht. Aus unserer eigenen Erfahrung haben wir jedoch nicht erlebt, dass Familien pauschal allein aufgrund ihres Alters abgelehnt wurden. Es wird immer die individuelle Situation betrachtet.

     

    Und wir warteten… Nicht Wochen, Monate, sondern Jahre.

    Jahre, in denen wir immer wieder darüber nachdachten, ob wir diesen Weg noch weitergehen wollten. Denn Adoption bedeutet nicht einfach, sich für ein Kind zu entscheiden. Man wartet darauf, dass irgendwo eine Situation entsteht, in der ein Kind ein Zuhause braucht und die eigenen Voraussetzungen zu dieser Situation passen.

    Heute ist Kim die Adoptivmama von drei Kindern, darunter ein Baby, das gerade erst zu ihnen in die Familie gekommen ist. Foto: Galina Wehner
    Heute ist Kim die Adoptivmama von drei Kindern, darunter ein Baby, das gerade erst zu ihnen in die Familie gekommen ist. Foto: Galina Wehner

    Es gab zwischendurch Anfragen. Telefonate, die unseren Alltag innerhalb von Sekunden völlig aus den Fugen geraten ließen. Plötzlich war da die Möglichkeit, dass wir Eltern werden könnten. Wir machten uns Gedanken, stellten uns auf ein Kind ein, bewegten emotional ganze Welten.

    Und dann fiel alles wieder in sich zusammen.

    Manchmal gab es andere Lösungen. Manchmal löste sich eine Anfrage wieder auf. Für uns bedeutete das damals vor allem eines: zu hoffen, dass es dem Kind gut geht und es vielleicht bei seinen leiblichen Eltern bleiben konnte. Und genau das ist schließlich das Beste, was man sich in einer solchen Situation wünschen kann.

    Trotzdem tut es weh.

     

    Irgendwann fragten wir uns immer öfter: Wollen wir das eigentlich noch weiterverfolgen?

     

    Und ausgerechnet in dem Moment, als wir für uns schon fast abgeschlossen hatten, kam der entscheidende Anruf. Wir durften unser erstes Kind aufnehmen.

    Damit begann unsere Geschichte als Adoptivfamilie.

     

    Doch mit diesem ersten Kind kamen nicht nur unbeschreibliche Freude und Dankbarkeit. Es kam auch eine Angst, die viele Menschen von außen vielleicht gar nicht erwarten würden:

    die Angst, das Kind wieder loslassen zu müssen.

    Gerade in den ersten Wochen ist eine Adoption nicht automatisch endgültig. Man lebt mit der bewussten Unsicherheit, dass sich die Situation noch verändern kann. Bei Kindern, die aus einer anonymen oder vertraulichen Geburt kommen – wie bei zwei unserer Kinder –, kann diese Unsicherheit sogar ein ganzes Jahr bestehen.

    Wenn man ein Kind bei sich aufnehmen darf, heißt das noch nicht, dass es auch bleiben kann, erzählt Kim.
    Wenn man ein Kind bei sich aufnehmen darf, heißt das noch nicht, dass es auch bleiben kann, erzählt Kim. Foto: Galina Wehner

    Wir haben im Laufe unserer Reise erlebt, wie sich diese Angst tatsächlich anfühlt. Wir durften einmal ein Kind aufnehmen, es in unser Zuhause und unser Leben lassen – und mussten es nach einiger Zeit wieder gehen lassen.

    Das war eine der schwersten Erfahrungen unserer Geschichte. Und trotzdem würden wir heute keine dieser Erfahrungen missen wollen.

    Denn über unsere Reise sind wir durch nahezu alle Facetten von Adoption gegangen:

     

    das lange Warten, die Hoffnung, die Freude, die Unsicherheit, das Bangen und auch den Abschied.

    Heute sind wir dankbarer denn je für jede einzelne dieser Erfahrungen – auch für die schmerzhaften. Sie haben uns stärker gemacht. Als Adoptiveltern und als Familie.

    Vor allem haben sie unser Verständnis davon geprägt, was Adoption eigentlich bedeutet.

    Bei Adoption geht es nicht um uns.

    Es geht nicht darum, einen unerfüllten Kinderwunsch zu ersetzen. Es geht nicht darum, dass wir ein Kind „bekommen“. Adoption beginnt bei einem Kind, das aus unterschiedlichen Gründen nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwachsen kann oder soll.

    Es geht darum, was für dieses Kind das Beste ist. Wir dürfen Familie sein, wenn Familie fehlt.

    Dieser Gedanke ist für uns über die Jahre immer fester geworden. Und vielleicht ist genau das der größte Unterschied zwischen dem Satz, den ich mit 19 so selbstverständlich gesagt habe – „Dann werde ich einfach adoptieren“ – und dem, was Adoption heute für mich bedeutet

     

    Damals wusste ich noch nicht, welchen Weg ich damit einmal einschlagen würde.

    Heute weiß ich: Es ist kein einfacher Weg. Aber es ist unser Weg.

    Und unsere Familie wächst weiter.

     

    Gerade erst kam ein drittes Kind in Kims Familie. Foto: privat
    Gerade erst kam ein drittes Kind in Kims Familie. Hier wird erstmal ausgiebig gekuschelt. Foto: privat

    Aktuell haben wir unser drittes Kind bei uns aufgenommen. Noch ist es nicht adoptiert. Unser Kind befindet sich in der Adoptionspflege und hat bei uns zunächst einmal eines gefunden: ein Zuhause

    Wir wissen nicht, wohin diese Reise führen wird. Wir wissen nicht, was die nächsten Monate bringen werden. Aber wir wissen, dass wir diesen Weg mit offenem Herzen gehen.

    Wir freuen uns. Wir sind dankbar. Und wir sind gespannt darauf, was diese Reise noch mit uns machen wird.

     

    Unsere beiden Großen sind heute 5 Jahre und 18 Monate – dazu haben wir jetzt noch Baby.

    Wir sprechen auch ganz offen darüber, dass unsere Kinder eine Bauchmama haben – die Mama, aus deren Bauch sie geboren wurden – und ich ihre Herzensmama bin. Für unsere Kinder ist das etwas ganz Natürliches. Sie wachsen mit diesem Wissen auf und lernen von Anfang an, dass Familie über den Weg der Adoption entstehen kann und dass Liebe das ist, was eine Familie ausmacht.

    Eines haben wir auf unserem Weg als Adoptivfamilie gelernt: Familie entsteht nicht immer so, wie man sie sich als junger Mensch einmal vorgestellt hat.

    Manchmal beginnt sie mit einem Gedanken, den man mit 19 ganz naiv ausspricht: „Dann werde ich einfach adoptieren.“

    Und manchmal wird aus diesem einen Satz irgendwann ein ganzes Leben.“

     

    Danke liebe Kim, dass du diese besondere Reise und eure Geschichte mit uns geteilt hast. Wer noch mehr über Kim erfahren möchte, findet sie hier auf Instagram.

     

    Könntest du dir auch vorstellen, ein Kind zu adoptieren? Oder habt ihr bereits adoptiert? Dann verrate es gern in den Kommentaren. 

    4 Kommentare

  1. User Avatar
    Lieblingsmoment

    Sehr bewegende Geschichte. Mir war ehrlich gesagt gar nicht bewusst, wie lang und emotional so ein Adoptionsprozess sein kann und dass auch nach der Aufnahme eines Kindes noch so viel Unsicherheit besteht. Besonders den Gedanken, dass es in erster Linie darum geht, einem Kind ein Zuhause zu geben, finde ich wichtig. Danke für den offenen Einblick!

  2. User Avatar
    marie

    Liebe Hanna, danke für dein Kommentar. Deine Meinung kann ich gut nachvollziehen. Ich habe auch großen Respekt davor, wie Kim und ihre Familie mit den Abschieden umgeht. 

  3. User Avatar
    Hanna

    Ich finde es toll, wie Kim einen Einblick in die Welt der Adoption gegeben hat.Dass es nicht darum geht, den kinderwunsch zu erfüllen.Sondern in erster Linie bedeutet,einem Kind ein Zuhause und liebe zugeben.Es auch wieder Abschiede geben kann und man diese emotional aushalten muss.Ich finde es schön, dass es die Möglichkeiten gibt.Persönlich könnte ich es aber nicht, Weil ich es psychisch und emotional nicht könnte, wieder loslassen, so gern ich allen Kindern auf der Welt, liebe schenken würde.Vorallem sind es auch, schwere Schicksale und problematischen familienverhältnisse, die manche Kinder erlebt haben und aus denen sie kommen.Und sich das alles nicht zu sehr zu Herzen nehmen ist nicht einfach, was viele auch vorher wissen sollten.

    • User Avatar
      marie

      Ja, mich hat dieser Einblick auch berührt und meiner Meinung nach haben Kim und ihre Familie eine sehr beeindruckende Einstellung zum Thema Adoption