„Mein Name ist Milli, ich bin 33 Jahre alt. Mein Leben wird gerade davon bestimmt, dass ich mich aus dem psychischen Ausnahmezustand herauskämpfen muss, den der Verlust unseres Sohnes vor 10 Wochen in mir ausgelöst hat.
Schon lange hatte ich einen Kinderwunsch.
Wegen meiner Hashimoto-Erkrankung hatte man mir allerdings eher eine pessimistische Prognose gegeben. Umso überraschender war es, als ich eher zufällig einen Schwangerschaftstest machte. Eigentlich wollte ich nur herausfinden, woher meine Symptome kamen. Mit einem positiven Ergebnis hatte ich überhaupt nicht gerechnet
Als wir erfuhren, dass ich schwanger bin, fühlte es sich an wie ein Wunder.
Da ich als Erzieherin arbeite, kam ich nach dem positiven Test relativ schnell ins Beschäftigungsverbot. Trotzdem konnte ich die Schwangerschaft nicht unbeschwert genießen. Von Anfang an hatte ich große Angst um unser Kind.
Vielleicht war es ein unterbewusster Vorbote.
Bei den Vorsorgeterminen waren mein Mann und ich fast immer gemeinsam dabei. Wir stellten viele Fragen und fühlten uns mit manchen Antworten nicht wirklich gut aufgehoben. Deshalb recherchierten wir zusätzlich selbst.
Ich hatte keine klassischen Schwangerschaftsbeschwerden. Vieles wurde mir als „normal“ oder als Wachstumsschmerzen erklärt. Gleichzeitig wurde bei nahezu jedem Termin mein Gewicht thematisiert.
Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich genug Gemüse esse. Ich erklärte jedes Mal, dass ich mehr denn je auf meine Ernährung achte.
Trotzdem vertraut man als Patientin zunächst den medizinischen Einschätzungen.
Irgendwann wurden bei Untersuchungen erhöhte Leukozytenwerte festgestellt. Später kam Blut im Urin hinzu. Mehrere Ärzte erklärten mir, dass das in einer Schwangerschaft vorkommen könne.
Weil ich zunehmend misstrauisch wurde, begann ich zusätzlich, meine Diagnosen, Symptome und Arztbesuche bei ChatGPT zu dokumentieren.
Nicht, weil ich der KI mehr vertraute als Ärzten, sondern weil ich mir eine weitere Einschätzung wünschte.
Als Blut im Urin auftauchte, empfahl ChatGPT mir sogar, eine Urinkultur anfordern zu lassen, um eine Blasenentzündung auszuschließen. Einen entsprechenden Bedarf sahen die behandelnden Ärzte allerdings nicht.
Mit der Zeit verlor ich hellrotes, fleischiges Blut und trug regelmäßig Binden. Mehrfach suchte ich nachts die Notaufnahme auf. Immer wieder wurde ich untersucht und wieder nach Hause geschickt.
Immer wieder hörte ich denselben Satz: ‚Es ist alles gut.‘
Irgendwann verlor ich Flüssigkeit.
Heute vermute ich, dass es Fruchtwasser gewesen sein könnte. Damals hielt ich es für Inkontinenz. Ich hatte kurz zuvor noch in der Notaufnahme gesessen und mehrfach gehört, dass alles in Ordnung sei. Also versuchte ich, genau das zu glauben.
Beim großen Ultraschalltermin sprach ich meine Sorge an. Ich fragte, ob es sein könne, dass ich Fruchtwasser verloren hätte. Die Antwort lautete, nein, das hätte man sofort erkannt.
Weil ich Angst vor einer unentdeckten Blasenentzündung hatte, bat ich von mir aus um ein Antibiotikum. Schließlich erhielt ich eines.
Danach ging es mir immer schlechter. Ich bekam Durchfall, konnte kaum noch essen und ekelte mich vor fast allem. Trotzdem zwang ich mir Mahlzeiten herunter, weil ich dachte, mein Baby brauche Nahrung.
Zwei Tage später, in der 20 SSW., begannen Schmerzen, die ich zunächst für Magenkrämpfe hielt. Heute weiß ich, dass es Wehen waren. Ich dokumentierte die Schmerzen sogar schriftlich, damit man mir glauben würde.
Als ich erneut als Notfallpatientin zu meiner Frauenärztin ging, verlor ich auf der Toilette so viel Blut, dass ich meinen ersten Nervenzusammenbruch erlitt.
Ich berichtete von den Blutungen, den Schmerzen und davon, dass ich kaum noch Auto fahren konnte. Nach einem sehr kurzen Ultraschall wurde mir gesagt: ‚Sehen Sie hier, Kindsbewegungen. Es ist alles okay.‘
Am Ende ging ich mit der Diagnose Magen-Darm-Infekt nach Hause.
In derselben Nacht wurden die Schmerzen immer stärker. Und in dieser Nacht schrieb ich ein letztes Mal mit ChatGPT. Ich schilderte meine Symptome und bat die KI, mich zu beruhigen.
Ich hatte Todesangst.
Auszüge aus den Antworten von ChatGPT
Die KI erklärte mir, dass ich eine anstrengende Zeit hinter mir hätte, mein Nervensystem vermutlich überreizt sei und ich Ruhe brauche. Heute weiß ich: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich vermutlich bereits seit Tagen Fruchtwasser verloren. Mein Körper bereitete die Geburt vor.
Noch in derselben Nacht fuhr mein Mann mit mir erneut ins Krankenhaus.
Dort stellte ein Arzt innerhalb weniger Minuten fest, dass mein Gebärmutterhals verkürzt war und ich Fruchtwasser verlor. Wir wurden sofort in eine Spezialklinik verlegt. Selbst im Rettungswagen glaubte ich noch, dass man unseren Sohn retten könnte.
Doch mein Zustand verschlechterte sich weiter. Die Entzündungswerte und Leukozyten waren massiv erhöht. Trotz Antibiotika stiegen sie weiter. Der behandelnde Arzt erklärte uns schließlich, dass es keine Chance mehr gäbe.
Diese Nachricht traf uns wie ein Schlag ins Gesicht.
Nach einer Nacht Bedenkzeit untersuchte er mich erneut. Die Ultraschallbilder werde ich nie vergessen. Es war eng geworden für unseren Sohn, aber sein Herz schlug noch.
Er wollte leben. Er war nicht krank. Und trotzdem musste ich ihn gehen lassen.
Am 19. März um 12:06 Uhr kam unser Sohn zur Welt.
Und wir werden ihn nie vergessen. Vor der Schwangerschaft hatte ich manchmal Angst vor den Schmerzen einer Geburt. Heute weiß ich: Niemand bereitet dich auf den Schmerz vor, dein totes Kind gebären zu müssen.
Ich hätte lieber zehntausend Wehen ertragen, als mein Kind zu verlieren.
Nach seiner Geburt musste ich noch operiert werden, damit die Plazenta entfernt werden konnte. Als ich später zurückkam, stand ich unter Schock.
Am Abend durften wir ihn noch einmal sehen.
Er sah aus wie wir. Unser kleines Wunder.
Heute habe ich eine sehr ambivalente Beziehung zu ChatGPT. Einerseits gab es Hinweise, die rückblickend wichtig wirkten. Andererseits hat sie mich in einer Situation beruhigt, die lebensbedrohlich war.
Trotzdem sehe ich die KI nicht als Verantwortliche.
Es ist nur ein Computer, ChatGPT lief nur nebenbei mit.
Trotzdem möchte ich andere Frauen warnen: Eine KI kann ein Tippgeber sein, aber sie ersetzt niemals eine qualifizierte medizinische Behandlung.
Und gleichzeitig brauchen wir bessere Bedingungen im Gesundheitssystem. Mehr Zeit für Patientinnen, bessere Versorgung und weniger Überlastung. Denn am Ende geht es um Menschenleben.
Heute, zehn Wochen nach dem Verlust unseres Sohnes, stecke ich noch immer in einem tiefen Loch. Niemand, der das nicht selbst erlebt hat, weiß, wie sich dieser Schmerz anfühlt.
Ein Zitat begleitet mich durch diese Zeit. Ich habe es in dem Buch einer Sternenmama gelesen, ‚Gute Hoffnung, jähes Ende‘, es ist seitdem mein Mantra:
„Ich hab 10.000 Tränen zu weinen und ich kann sie jetzt weinen oder später, aber sie müssen geweint werden.“
Mir hilft es, darüber zu sprechen und meinen Weg teilweise online zu dokumentieren. So bleibt auch die Existenz unseres Sohnes sichtbar.
Außerdem habe ich dort eine Gemeinschaft aus unglaublich empathischen Frauen gefunden. Sie geben mir immer wieder das Gefühl, getragen zu werden.”
Vielen Dank, liebe Milli, dass wir deine Geschichte erzählen durften. Wir wünschen dir alles Gute!
Wenn ihr mehr über Milli und ihren Weg erfahren möchtet, schaut gerne hier vorbei: @milliskurven
Nutzt du ChatGPT, um gesundheitliche Fragen zu checken? Lass uns gerne einen Kommentar oder ein paar liebe Worte für Milli da.
Das ist so schrecklich:( Viel Kraft an Milli
Oh mein Gott, das liest sich wie eine Horrorgeschichte. Und ja, sie hat so recht: Niemand kann eine Situation nachfühlen, durch die er noch nie gehen musste. Ich wünsche Milli nur das beste!