Als die dreifache Mama Alu unter der Dusche einen Knoten ertastete, änderte sich das Leben ihrer fünfköpfigen Familie von einem Moment auf den anderen.

„Ich bin Alu Kitzerow, Mama von drei Kindern zwischen 9 und 18 Jahren und mittlerweile 44 Jahre alt. Ich bin in Berlin geboren und lebe auch heute noch hier. Ich arbeite als Referentin für Digitalisierung in einer großen Stiftung.

Der Brustkrebs traf mich unter der Dusche: Kurz nach meinem 40. Geburtstag habe ich ihn dort selbst ertastet. Danach habe ich mir einen Termin beim Facharzt geholt, aber das hat nochmal sechs Wochen gedauert. Drei Wochen nach diesem Termin war ich schließlich im Brustkrebszentrum.

Die Diagnose bekam ich am Telefon.

Ich saß mit meinem Mann im Auto, das Telefon klingelte und mir wurde mitgeteilt, dass ich Krebs habe. Ich konnte nichts sagen außer „okay“. Immer wieder nur „okay“ zu allem, was man mir erklärte. Ich habe meinem Mann nur zugeflüstert: „Es ist Krebs.“ Danach sind wir einfach weitergefahren. Ich konnte später nicht aussteigen und saß noch eine ganze Weile im Auto.

Ich war wie im Schockzustand. Ich habe alle Untersuchungen durchlaufen und bekam schließlich einen Plan: 16 eng getaktete Chemotherapien. Dann begann die erste Chemo-Phase.

Körperlich ging es mir in dieser Zeit nicht gut. Ich habe meine Kraft verloren, meinen Geschmackssinn, meinen Geruchssinn und natürlich auch meine Haare. Und das alles zog sich unfassbar lange. Man bekommt oft einen Therapieplan für mehrere Monate – es fühlt sich an wie ein Marathon.

Richtig Luft zum Durchatmen hat man nie, weil ständig Blutkontrollen oder andere Untersuchungen anstehen.

Ab diesem Moment wurde unser kompletter Alltag vom Krebs bestimmt.

Montags Blutabnahme, dienstags Chemo, mittwochs und donnerstags oft Schmerzen und Übelkeit, freitags völlige Erschöpfung. Samstag und Sonntag waren meistens die guten Tage – da haben wir versucht, möglichst viel Familienzeit zu haben. Und dann begann alles wieder von vorne.

Mein Mann hat ab diesem Zeitpunkt ungefähr 80 Prozent der Care-Arbeit übernommen. Vorher hatte wir uns das gleich aufgeteilt, ein System, das wir uns über Jahre erarbeitet haben. Zusätzlich bekamen wir eine Haushaltshilfe, damit jemand das Kind abholen oder Essen kochen konnte.

„Zurück aus dem Krankenhaus und mit Befunden ausgestattet.”
„Zurück aus dem Krankenhaus und mit Befunden ausgestattet.” Foto: @grossekoepfe

Ich habe irgendwann angefangen, jeden Tag spazieren zu gehen – für die frische Luft und für meinen Körper. Das hat mir auch gegen die Übelkeit geholfen.

Mit unseren Kindern haben wir von Anfang an ehrlich gesprochen, aber kindgerecht.

Wir haben ihnen erklärt, dass da etwas in meinem Körper ist, das dort nicht hingehört, und dass wir jetzt schauen müssen, was passiert. Natürlich spricht man mit einer Fünfjährigen anders als mit einer Vierzehnjährigen. Deshalb haben wir das immer an ihr Alter angepasst.

Auch finanziell ging es bergab. Wenn man lange krank ist, bekommt man irgendwann nur noch Krankengeld, gleichzeitig steigen die Kosten. Viele Medikamente müssen selbst bezahlt werden und auch die Ernährung verändert sich komplett. Man entwickelt große Existenzängste.

 

Was mir in dieser Zeit geholfen hat, war das Schreiben. Ich habe Tagebuch geführt und über meinen Weg geschrieben – über meine Ängste, Gefühle, aber auch über das bürokratische Chaos. Oft haben mir erst die Worte gezeigt, wie ich mich eigentlich fühle.

Außerdem habe ich mir eine Krebsgruppe gesucht, mit der ich mich austauschen konnte. Ich wollte meiner Familie nicht alles zumuten. Man braucht in dieser Zeit Verbündete, Menschen, die diesen Weg mit einem gehen. Und tatsächlich hat mir auch die Instagram-Community unglaublich viel Kraft gegeben.

Als Paar hat uns die Krankheit sehr verändert.

Wir haben plötzlich viel klarer miteinander gesprochen: Was wollen wir vom Leben? Wie möchten wir leben? Was wünschen wir uns füreinander?

Alu hat ihre Chemotherapie hinter sich gebracht. Doch es ist immer noch nicht vorbei.
„Alu hat ihre Chemotherapie hinter sich gebracht. Doch es ist immer noch nicht vorbei.” Foto: grossekoepfe

Wir sind fast täglich spazieren gegangen und haben stundenlang geredet. Begleitet durch die Psychoonkologie hat uns diese stetige Kommunikation enorm geholfen. Eine Krebsdiagnose stellt alles auf den Kopf, viele Beziehungen zerbrechen daran. Aber wir haben nie aufgehört miteinander zu reden. Das wollten wir beide so.

Es gab allerdings auch viele Reaktionen aus dem Umfeld, die wehgetan haben.

Sätze wie: „Sei froh, es ist nur Brustkrebs“, als wäre Krebs ein Wettbewerb. Oder: „Der Cousin der Nachbarin meiner Freundin ist auch an Krebs gestorben.“ Dieses „auch“ wird plötzlich riesengroß und man fragt sich sofort: „Muss ich jetzt auch sterben?“ Ich verstehe bis heute nicht, warum Menschen so etwas sagen.

Generell sind die Berührungsängste beim Thema Krebs enorm. Denn plötzlich wird allen bewusst: Es kann jede und jeden treffen. Und der Tod sitzt irgendwie immer mit im Raum.

Genau deshalb war es mir so wichtig, mein Buch zu schreiben. Krebs ist nicht nur der Kampf ums eigene Überleben. Es ist auch der Kampf um alles drumherum. Man versucht, das Familienleben irgendwie aufrechtzuerhalten, den Kindern möglichst viel Normalität zu geben – und gleichzeitig bricht alles auseinander.

Dazu kommt dieses riesige bürokratische Chaos.

Es gibt so viele Anträge, die man stellen muss, und gleichzeitig viele Hilfen, von denen niemand erzählt. Warum gibt es kein Patensystem? Warum gibt es keine Menschen, die Familien in dieser Zeit stärker an die Hand nehmen?

„Heute ist nämlich nicht nur mein Geburtstag, sondern auch meine letzte Chemotherapie liegt genau drei Monate zurück.”
„Heute ist nämlich nicht nur mein Geburtstag, sondern auch meine letzte Chemotherapie liegt genau drei Monate zurück.” Foto: @grossekoepfe

Ich musste mir viele Informationen selbst zusammensuchen und das hat mich zusätzlich belastet. Heute möchte ich andere entlasten. Denn der Kampf ums eigene Leben ist schon groß genug – darauf sollte man sich konzentrieren dürfen.

In meinem Buch geht es deshalb darum, dass Krebs mehr ist als der medizinische Kampf. Wer kümmert sich? Welche Rechte habe ich? Wie komme ich möglichst unbeschadet durch lange Therapien? Worauf kann ich mich und meine Familie vorbereiten, wenn ich vielleicht nicht mehr gesund werde?

Dafür habe ich mir viele Expertinnen und Experten an die Seite geholt.

„Meine Familie, der Krebs und ich“ im GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH ein emotionales Sachbuch mit praktischem Ratgeberanteil
„Meine Familie, der Krebs und ich“ im GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH ein emotionales Sachbuch mit praktischem Ratgeberanteil. Foto: @grossekoepfe

Insgesamt habe ich drei Jahre lang eine Akuttherapie bekommen und erhalte jetzt noch weitere sechs Jahre eine Antihormontherapie. Ansonsten gelte ich derzeit als Patientin ohne aktive Tumore, jedoch aufgrund meiner Hochrisiko-Einschätzung nicht gänzlich als krebsfrei, da sind die Ärzte etwas vorsichtig.

Davon abgesehen geht es mir gut und ich bin ehrenamtlich Reha-Sport-Trainerin für Menschen nach einer Krebserkrankung.

Wenn ich rückblickend einer Mama, die gerade frisch die Diagnose Krebs bekommen hat, eine Sache sagen könnte, dann diese:

Bitte google deine Diagnose nicht.

Das Internet lebt von Statistiken und Horrorszenarien. Suche dir gezielt Wissen auf guten Webseiten und schau, ob du eine Community findest, die dir wirklich weiterhelfen kann. Hab keine Angst vor deinem Weg – du bist nicht allein.”

Vielen Dank, liebe Alu, dass du deine Geschichte mit uns teilst.

Mehr zu Alu und zum Kampf gegen Krebs erfährst du in ihrem neuen Buch „Meine Familie, der Krebs und ich: Ein Erfahrungsbericht über die Kraft des Zusammenhalts – und das, was wirklich hilft” (Affiliate-Link).

2 Kommentare

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    wiebke

    So eine bewegende Geschichte – und so eine starke Frau 🥺  Ich glaube, sie kann mit ihrer Offenheit bestimmt vielen Betroffenen Mut machen. Wie schön, dass es ihr heute besser geht  ❤️ 

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    Lauraa

    Ich habe in die Podcastfolge von Echte Papas reingehört und die liebe Alu erzählen hören. Es hier aber nochmal so schön in Worte zusammen gefasst zu lesen, macht ihre Geschichte fast noch bewegender. Danke fürs teilen.