„Mamas, hört bitte auf zu sagen, dass ihr euch gehen lasst!“

Wisst ihr noch, früher? Damals, als wir morgens noch eine halbe Stunde im Bad brauchten (oder eher: hatten), unsere Kleidung noch ohne Kleister-/Kleber-/Kinderrotze-Flecken war und unser Skinny-Jeans-Hintern dank High Heels voll zur Geltung kam?

Das war, bevor unsere Handtaschen vor allem viel Platz für Windeln und Feuchttücher haben sollten, wir unseren Feierabend auf dem Spielplatz verbrachten und bevor wir überhaupt wussten, dass Babys und Kleinkinder auf mindestens fünf unterschiedliche Arten weinen können, geschweige denn diese unterscheiden konnten.

Früher sahen wir deutlich anders aus. Wir sind nicht mehr jeden Tag geschminkt, statt Skinny Jeans und Bluse tragen wir praktische Hosen (mit Hosentaschen für die von den Kids eingesammelten Steinen) und Shirts, die möglichst bequem sind. Die Haare sind nicht mehr gestylt, sondern meistens einfach nur zum Zopf gebunden.

„Sich gehen lassen“, so heißt das im Volksmund. Diese Phrase allerdings ist so unpassend wie beleidigend und von Männern erfunden, die eine Entschuldigung für erbärmliches Benehmen der Mutter ihrer Kinder gegenüber brauchten.

Denn wir lassen uns nicht gehen. Es ist nur so, dass sich unsere Prioritäten und unsere Weltsicht verschoben haben. Liebt uns jemand nur, wenn wir Make-Up und die neuesten Klamotten tragen, hat er uns nicht verdient.

Und darum ist es uns nicht wichtig, ob wir objektiven Schönheitskriterien entsprechen. Viel wichtiger ist uns, dass es uns und unseren Kindern gut geht, dass unsere Kinder glücklich, gesund und auch bei Regen und Schnee trockenen Fußes sind.

Diese Erkenntnis hatte auch Texanerin und dreifache Mutter Amy Weatherly und hat sie prominent auf Facebook geteilt, wo sie inzwischen aufgrund des Treffen eines Nervs in vielen Streams auftaucht.

Sie hat völlig Recht, wenn sie appelliert: „Du hast dich nicht gehen lassen. Hör auf, das zu sagen. (…) Du hast nur die Einstellung gehen lassen, dass du ständig perfekt aussehen musst. Du hast einfach nur Dinge gehen lassen, die nicht wichtig sind und sie gegen Dinge getauscht, die ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen werden. Du hast einfach nur die Dinge gehen gelassen, die nur eine kleine Weile wichtig sind, für Dinge, die für Generationen und Generationen und Generationen bleiben werden.“

Trotzdem, so Amy Weatherly, ist es schön, sich manchmal aufzuhübschen: „Schminke dich, wenn du kannst, lass deine Haare machen, wenn du Zeit dafür findest, verwöhne dich, pflege dich, prahle mit einem neuen Outfit und wage es nicht, dich auch nur eine Sekunde schlecht dafür zu fühlen – aber wisse, dass keine dieser Oberflächlichkeiten dich definieren. Nicht mehr. Sie sind nicht du. Du bist mehr als nur ein hübsches Gesicht.

Das sollten sich aber nicht nur Mütter vor Augen halten, sondern alle Leute, die andere verurteilen. Sie sollten wissen, dass das äußere Erscheinungsbild nichts damit zu tun hat, wie man sich fühlt oder wie man ist: „Wenn wir einen Schritt zurück machen und darüber nachdenken und unsere verurteilenden Klappen halten, dann stehen die Chancen gut, dass wir herausfinden, dass sie sich nicht gehen gelassen haben. (…)

Die Chancen stehen gut, dass wir herausfinden, dass sie die ganzen äußeren Schichten weggeschält haben und bemerkt haben, dass sie die Frau darin ganz gut finden – die, die ihre Familie über alles liebt, die, die selbstlos ihren Kinder gibt, die, die in ihren Mann verliebt ist, die mit Leidenschaft, die mit dem Trubel, die mit dem Mut, die mit einem guten Herzen, die, die nicht zurückgehalten werden kann, egal, was das Leben ihr in den Weg wirft.

Die Welt sollte sie nicht niedermachen. Die Welt sollte sich nicht um sie sorgen. Die Welt sollte aufstehen und ihr wie verrückt applaudieren. Die Welt sollte daran arbeiten, ihren kämpferischen Fußstapfen Richtung Freiheit zu folgen.

Amy Weatherly realisierte das, nachdem sie sich mit einer alten Schulfreundin zum Lunch getroffen hatte und diese kommentiert hatte, dass sie sich verändert habe. Schließlich sei sie früher das „girlieste Girl“ der Welt gewesen, habe immer die perfekte Frisur, das perfekte Make-Up und die perfekten Schuhe gehabt. Nun hat sie drei Kinder und auch für sie gehört das meistens der Vergangenheit an. Trotzdem trauert sie nichts nach:

Ich bin jetzt viel selbstbewusster. Ich traue mir mehr zu. Die Wahrscheinlichkeit, über eine Nichtigkeit zu weinen, oder eine Ausgehnacht mit den Mädels zu verpassen, weil meine Haare nicht sitzen wollen, ist viel geringer geworden. Die Wahrscheinlichkeit, eine leichte Depression zu bekommen, weil jemand beschlossen hat, dass er mich nicht mag, oder einen Berg von Unsicherheit anzuhäufen, weil ich nicht zu dieser Party eingeladen bin, ist viel geringer geworden.

Die Wahrheit ist, ich mag mich jetzt definitiv mehr als ich mich vorher mochte. Für keine Skinny Jeans oder Skinny Lattes in der Welt würde ich wieder das Mädchen mit den perfekten Haaren sein wollen.“

Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

Rebecca

Schon seit rund einer Dekade jongliere ich, mal mehr, mal weniger erfolgreich, das Dasein als Schreiberling und Mama. Diese zwei Pole machen mich aus und haben eines gemeinsam: emotionale Geschichten!

Alle Artikel