Als Anne selbst Mutter wird, kommen ihr Erinnerungen aus der eigenen Kindheit hoch, die sie dazu bewegen, den Kontakt zu ihren Eltern abzubrechen, um die eigenen Kinder zu schützen.

Inhalt dieses Artikels

    „Lange Zeit dachte ich, ich hätte etwas falsch gemacht. Oder mein Bruder. Dass wir daran Schuld sind, was passiert ist.

    Erst seitdem ich selbst Mutter bin, hat sich mein Blick auf das Geschehene verändert. Zwischendurch hatte ich sogar den Gedanken, ich müsste meinem Stiefvater verzeihen, um meinen Frieden zu finden.

    Heute weiß ich: Ich kann und ich möchte nicht verzeihen. Und das ist okay. Und genau darin habe ich meinen ersehnten Frieden gefunden.
    Denn Verzeihen würde für mich bedeuten, wieder Verantwortung zu übernehmen für etwas, für das ich nie verantwortlich war. Ich war ein Kind und habe Schutz gebraucht. Es war nie meine Schuld.

    Aber beginnen wir mit der Geschichte von vorne:

    Meine Mutter hat uns sehr jung bekommen, ist irgendwann aus Überforderung gegangen und hat uns, meinen jüngeren Bruder und mich, bei meinem Vater zurückgelassen. Wir haben lange nichts von ihr gehört. Als sie dann mit einem deutlich älteren Mann zusammen war, holte sie meinen Bruder zu sich, und wir wuchsen getrennt voneinander auf, sahen uns nur am Wochenende. Alleine das war schon schwer.

    Mit etwa zehn Jahren bekam ich noch eine Schwester. Meine Mutter war von ihrem neuen Mann erneut schwanger. Meine Halbschwester wurde anders behandelt als wir. Behüteter. Geliebter. Verschont. Und ich war nie wütend auf sie – im Gegenteil. Ich war froh, dass es wenigstens ihr gut ging.

    Mein Bruder hingegen hat besonders gelitten. Er wurde körperlich und vor allem psychisch misshandelt. Er wurde beschimpft, klein gemacht, eingeschüchtert. Er hatte Angst, sich im eigenen Zuhause zu bewegen. Sogar davor, sich etwas aus dem Kühlschrank zu nehmen.

     

    Ich erinnere mich an viele Situationen, in denen ich mich hilflos fühlte, weil mein Stiefvater meinen Bruder angriff – verbal und auch körperlich.

    Einmal kamen wir nass vom Spielen nach Hause. Mein Stiefvater rastete völlig aus wegen der nassen Kleidung. Mein Bruder wurde an den Hosenbeinen kopfüber hochgezogen und aus der nassen Kleidung geschüttelt, anschließend mit der nassen Jeans mehrmals auf den nackten Rücken geschlagen. Als ich dazwischen ging, bekam ich eine Ohrfeige und wurde weggestoßen.  Ich fühlte mich verantwortlich, ich hatte meinen Bruder doch zuerst mit dem Wasser nassgespritzt.

    Ihr Bruder hat es als Junge besonders hart abbekommen.

    Ich habe damals selbst Hilfe gesucht und das Jugendamt angerufen.

    Mir wurde nicht geglaubt. Man sagte, ich hätte eine blühende Fantasie als 8-Jährige und wolle nur Aufmerksamkeit.

    Einmal hat er meinen Bruder ins Gesicht geschlagen, weil er mit dem für ihn zu kleinen Laufrad meiner Schwester spielte. Mit blutender Nase liefen wir weinend zur Nachbarin, selbst Mutter. Sie rief auf meine Bitte hin meinen Vater an.

    Mein Vater hat nichts unternommen, die Nachbarin auch nicht. Nur meine Oma hat mir geglaubt – und wurde dafür als verrückt dargestellt.

    Mein Bruder hat anschließend aus Angst alles abgestritten.

     

    Heute hat mein Bruder keinen Kontakt mehr zur Familie und ist weit weggezogen.

    Und kämpft bis heute mit den Folgen. Wir sprechen noch miteinander, jedoch unregelmäßig.

    Und meine Mutter? Sie hat sich immer wieder für diesen Mann entschieden. Danebengestanden. Zugesehen.

    Heute bin ich 30 Jahre alt und selbst Mutter. Und ich merke langsam: Nichts von dem, was wir erlebt haben, war normal. Nichts davon war meine Schuld. Und ich würde heute anstelle meiner Mutter anders handeln als sie es getan hat. Ich würde meine Kinder beschützen.
    Ich freue mich, wenn meine Tochter dreckig nach Hause kommt. Wenn mein Sohn in Pfützen springt. Kinder dürfen Kinder sein. Ohne Konsequenzen, die ihnen drohen.
    Dass mir Unrecht widerfahren ist, habe ich schon relativ früh gespürt – sonst hätte ich vermutlich nicht das Jugendamt eingeschaltet. Gleichzeitig habe ich lange Zeit geglaubt, dass vieles meine eigene Schuld sei. Diese Sicht hat sich erst verändert, seit ich selbst Mutter bin, weil ich heute ganz anders mit meinen Kindern umgehe als meine Mutter und insbesondere mein Stiefvater es getan haben. Viele Situationen von damals kann ich nicht nachvollziehen und realisiere sie jetzt erst.

    Ich bin aktuell auf der Suche nach therapeutischer Unterstützung, um meine Vergangenheit aufzuarbeiten – und um den Kontaktabbruch vorzubereiten.

    Denn dieser Mann ist immer noch Teil meines und dem Leben meiner Kinder. Und das möchte ich ändern. Ich weiß nicht genau, wohin mein Weg führt. Aber ich weiß:

    Es ist erlaubt, sich von toxischen Strukturen zu lösen. Auch wenn es die eigene Familie betrifft.

    Und vielleicht können wir genau daraus etwas machen: Es für unsere eigenen Kinder anders machen. Mit mehr Schutz. Mehr Liebe. Mehr Bewusstsein.

    Auf keinen Fall kann ich verantworten, dass meinen Kindern Ähnliches widerfährt. Meine Kinder sind heute neun Monate und fünf Jahre alt. Mein Stiefvater ist ihnen gegenüber liebevoll, auch wenn er wegen Kleinigkeiten schnell aus der Haut fährt. Es drauf ankommen lassen möchte ich nicht. Ich bin immer achtsam gewesen, wie es sich ihnen gegenüber verhält.

     

    Mit meiner Mutter habe ich über die Jahre immer wieder versucht, darüber zu sprechen.

    Doch seit über zehn Jahren wird das Thema konsequent totgeschwiegen. Spätestens seit mein Bruder weggezogen ist und den Kontakt zur Familie abgebrochen hat, wird generell nichts mehr aufgearbeitet.

    Meine Mutter wirkt auf mich sehr unreflektiert, wobei ich glaube, dass sie insgeheim weiß, dass vieles nicht richtig war. Sie hat zudem ein verstecktes Alkoholproblem, das sie selbst nicht als solches erkennt. Das letzte klärende Gespräch dazu liegt etwa zehn Jahre zurück.

    Aktuell suche ich mir therapeutische Unterstützung, da ich nicht einschätzen kann, wie meine Familie – insbesondere meine Mutter – auf einen Kontaktabbruch reagieren wird und ob sie überhaupt nachvollziehen kann, was ich damit auslöse.

    Mein Stiefvater ist heute über 70 Jahre alt und teilweise chronisch krank. Ich kann mir gut vorstellen, dass es meiner Familie schwerfallen wird, meinen Gedankengang nachzuvollziehen. Aber wenn er meinen Kindern irgendwann etwas Ähnliches antun würde, würde ich mir das nie verzeihen. Deshalb schließe ich sie jetzt aus meinem Leben aus.“

     

    Wie würdest du dich an Annes Stelle verhalten? Hast du einen Rat oder einen Tipp für sie? Schreibe es gern in die Kommentare.

    4 Kommentare

  1. User Avatar
    Ja Ma

    Ich finde es als Außenstehende super schwer, da die richtigen Worte oder einen Rat zu finden… Kann mir nicht nur annähernd vorstellen, wie sich das für dich anfühlen muss. Ich finde dich aber wahnsinnig stark und reflektiert und wünsche dir ganz viel Kraft für den weiteren Weg, egal wie er auch aussehen mag. So oder so ist therapeutische Begleitung sicher hilfreich und sinnvoll ❤️

  2. User Avatar
    Lauraa

    Ich finde, dass es eine großartige Idee ist, einen Brief zu schreiben!Wenn nicht für sie, dann auch für sich selbst. Ein Trauertagebuch zu führen wäre an richtig schlimmen Tagen sicher auch eine Idee, einfach damit der Körper verarbeitet und nicht verdrängt. Ich finde es so mutig diese Geschichte zu teilen … es bringt so viel Scham mit sich & es wird so vielen anderen Frauen da draussen einfach so viel helfen, deine Geschichte zu lesen liebe Anne. 

  3. User Avatar
    josephinp

    Deine Gedanken mit dem Brief finde ich auch eine schöne Idee liebe Hanna, so hat man seine Sicht sich einmal vom Herzen geschrieben und die Mama hat es Schwarz auf Weiß – ich denke auch, dass es fürs Abschließen Anne sicher gut tun wird

  4. User Avatar
    Hanna

    Ich finde es sehr mutig von ihr, den Schritt zu einem Kontaktabbruch,  zu machen.Bezüglich der Mutter, würde ich den Tipp geben, ihr einen Brief zu schreiben und alle Gedanken, Gefühle und Ängste nahe bringen.Sie kann selbst entscheiden, wie sie damit umgeht und eventuell auch versteht, wie es ihren beiden Kinder damals ergangen ist.Vorallem aber auch verstehen kann, warum man sich für einen Kontaktabbruch entschieden hat.