Als Anna* mit ihrem zweiten Kind schwanger ist, leidet ihr Mann plötzlich unter starken Schmerzen. Bis zur richtigen Diagnose dauert es Monate – dann zieht der Befund der Familie den Boden unter den Füßen weg.

Inhalt dieses Artikels

    „Mein Mann und ich sind seit 2012 ein Paar und seit 2018 verheiratet. Unsere erste Bewährungsprobe hatten wir, als wir uns ein Kind wünschten, meine Laborwerte aber zeigten, dass ich unfruchtbar war.

    Nach dem ersten Schock haben wir an Silvester darauf angestoßen, dass 2020 unser Jahr wird. Denn wir hatten beschlossen, im November, nach meinem 25. Geburtstag, in eine Kinderwunschklinik zu gehen. Denn ab diesem Zeitpunkt hätte die Krankenkasse die Behandlungskosten übernommen.

    Doch im Januar 2020 wurde ich dann überraschend schwanger.

    Unsere große Tochter kam im September 2020 zur Welt, mitten in der Corona-Zeit, die mir sehr zu schaffen gemacht hat.

    Wir hatten nur ein Auto, und das brauchte mein Mann, um zur Arbeit zu fahren. Gleichzeitig war die Busanbindung in unserem Ort wirklich unterirdisch. Kurze Zeit später war mein Mann in Kurzarbeit. Er wechselte den Job und war plötzlich von 9 bis 20 Uhr aus dem Haus. Und ich stand mit unserer einjährigen Tochter plötzlich wieder allein da.

    Im Oktober 2022 bin ich dann erneut schwanger geworden.

    Es war zwar etwas früher als geplant, aber trotzdem von Herzen gewünscht. In der Zwischenzeit hatte ich auch einen neuen Job gefunden. Allerdings war ich dort erst acht Monate, als ich schwanger wurde. Mein Chef hat die Nachricht trotzdem relativ gelassen aufgenommen.

    Aufgrund der steigenden Strompreise sind wir dann auch noch umgezogen. Vorher haben wir in einer Doppelhaushälfte mit einem Garten gewohnt, und jedes Kind hatte sein eigenes Zimmer. Plötzlich wohnten wir im Haus meiner Eltern, im Dachgeschoss, mit insgesamt drei Parteien.

    Mit dem Umzug fingen bei meinem Mann die Beschwerden an.

    Im Juli 2023 kam unsere kleine Tochter zur Welt. Einen Monat später wechselte mein Mann erneut seinen Job. Dieses Mal war es sein absoluter Traumjob, und endlich passte alles für uns.

    Doch plötzlich klagte mein Mann immer wieder über Bauchschmerzen und Magenkrämpfe. Trotzdem wollte er nicht zum Arzt gehen, wie Männer eben sind.

    Im November wurde es dann aber so schlimm, dass er endlich doch einen Termin gemacht hat. Es wurde eine Divertikulitis diagnostiziert, also eine Entzündung im Darm, und er bekam Schmerzmittel und Antibiotika.

    Doch leider kamen die Symptome im Februar 2024 zurück.

    Die behandelnde Ärztin war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Praxis, und ihre Nachfolgerin nahm meinen Mann nicht ernst, obwohl wir ihr von seiner Vorgeschichte erzählten.

    Die Ärzte lagen mit ihrer Diagnose bei Annas Mann lange Zeit falsch.
    Die Ärzte lagen mit ihrer Diagnose bei Annas Mann lange Zeit falsch. Foto: Adobe Stock

    Anfang Mai musste mein Mann dann zum ersten Mal für fünf Tage ins Krankenhaus, Anfang Juni folgte der zweite Aufenthalt in der Klinik. Beide Male bekam er nur Antibiotika und Schmerzmittel und sollte nüchtern bleiben, damit sein Darm zur Ruhe kommt.

    Zeitgleich habe ich wieder angefangen, stundenweise zu arbeiten.

    Meine Mutter hat die Betreuung meiner Jüngsten übernommen, richtig gut lief es allerdings nicht. Aber ich konnte nicht mehr machen, als zu versuchen, alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen.

    Ende Juni ging es meinem Mann dann wieder schlechter, und er machte einen Termin bei der Ärztin, die die Praxis verlassen hatte.

    Sie überwies ihn direkt in ein anderes Krankenhaus, wo man uns mitteilte, dass er auf jeden Fall eine OP benötige und vorher auch nicht nach Hause dürfe. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Ärzte und auch wir immer noch von der Diagnose Divertikulitis aus.

    Am Tag, an dem mein Mann entlassen werden sollte, kam der pathologische Befund. Die Ärztin teilte uns mit, dass er Krebs hat. Die Diagnose zog uns den Boden unter den Füßen weg.

    Mein Mann war zu diesem Zeitpunkt erst 33 Jahre alt, unsere Kinder waren knapp vier und gerade eins geworden. Ich habe direkt mein zweites Jahr Elternzeit in Anspruch genommen, sonst wäre das folgende Jahr nicht möglich gewesen.

    Im August startete dann für meinen Mann die erste Chemotherapie mit vier Zyklen.

    Laut der Ärzte war die Behandlung nur zur Vorsicht, und es würde schon alles gut werden.

    Im letzten Zyklus ging es für meinen Mann dann direkt zur Reha. Dort kamen die Schmerzen und Verdauungsbeschwerden zurück. Doch die Klinik reagierte nicht.

    Anfang November kam er nach Hause, aber die Beschwerden wurden immer schlimmer. Am 15.11.2024 habe ich ihn abends deshalb wieder ins Krankenhaus gefahren, und dieses Mal haben die Ärzte ihn direkt dort behalten.

     

    Das bedeutete für mich, dass sich auch mein Alltag komplett veränderte.

    Morgens habe ich Kinder zur Tagesmutter bzw. in die Kita gebracht. Danach war ich bei meinem Mann im Krankenhaus, vormittags allein, jeden zweiten Nachmittag habe ich die Kinder mitgenommen.

    Zwischendurch habe ich den Haushalt gemacht und meine Große zu ihrem Hobby gefahren. Wir haben alles so einfach wie möglich gehalten: Abends gab es Brot, weil die Kinder mittags etwas Warmes in der Betreuung hatten, die Wäsche habe wir direkt vom Wäscheständer wieder angezogen.

    Dazu kamen Telefonate und Schriftverkehr mit dem Krankenhaus, Termine bei Ärzten usw. Eine Freundin ist abends eine große Runde mit unserem Hund gegangen, das hätte ich gar nicht mehr geschafft.

    Meine größte Sorge war: Kommt mein Mann überhaupt wieder nach Hause?

    Und wird er unsere Kinder aufwachsen sehen? Ich war immer auf das Schlimmste gefasst. Gleichzeitig habe ich mir Gedanken gemacht, wie wir es zuhause überhaupt schaffen sollen, was organisiert werden muss, und welche Hilfsmittel wir brauchen.

    Rund vier Wochen musste mein Mann in der Klinik bleiben, dann wurde er endlich entlassen – mit einem künstlichen Darmausgang und einer massiv verkleinerten Blase.

    Für uns war das natürlich ein Schock. Wie sollten wir das alles schaffen mit zwei kleinen Kindern, meiner Elternzeit ohne Elterngeld und nur mit Krankengeld?

    Dann startete für meinen Mann die Immuntherapie. Wir dachten, es wird besser, weil wir von vielen gehört hatten, dass die Behandlung jahrelang ohne gravierende Nebenwirkungen fortgeführt werden kann.

    Bei meinem Mann war das leider nicht der Fall.

    Er hatte schon ab der zweiten Gabe so starke Nebenwirkungen, dass die Therapie abgebrochen werden musste. Damit haben wir bis heute zu kämpfen, und es geht ihm mal besser und mal schlechter.

    Im März 2025 verlor er seinen Job, weil er ihn körperlich einfach nicht mehr geschafft hat. In den Monaten danach musste er wegen eines Kaliummangels insgesamt drei Mal ins Krankenhaus.

    Ohne unsere tolle Tagesmutter und den Kindergarten hätten wir die Zeit nicht überstanden.

    Auch meine Mama und meine beste Freundin waren eine unglaublich große Hilfe und Unterstützung für uns.

    Unsere Kinder waren zu dem Zeitpunkt noch sehr klein.

    Die Große hat natürlich schon mitbekommen, dass es Papa nicht gut geht. Es war auch oft so, dass wir spät abends ins Krankenhaus gefahren sind, und er morgens nicht da war. Das hat ihr sehr zu schaffen gemacht.

    Die Kleine hat quasi auf dem Krankenhausflur laufen gelernt. Für sie ist die Klinik nichts Negatives. Sie weiß, dass Papa häufiger dort ist, aber immer wiederkommt.

    Wirklich gesprochen haben wir mit den beiden erst nach der zweiten großen OP, weil mein Mann große Narben und ein Stoma hatte.

    Wir haben versucht, der Großen möglichst kindgerecht zu erklären, warum das so ist. Dass in Papas Bauch etwas gewachsen ist, was dort nicht hingehört und rausoperiert werden muss.

    Heute geht es uns zum Glück besser, auch wenn es immer wieder doofe Tage gibt.

    Mein Mann und ich haben beide einen neuen Job, was uns allen sehr guttut.

    Die Nebenwirkungen sind allerdings immer noch nicht weg, und er braucht täglich Infusionen. Aber ich habe ihn immer gut im Blick und merke schon früh, wenn der Kalium-Wert nicht in Ordnung ist. Alle drei Monate muss er zum Arzt, oder es wird ein CT gemacht.

    Wir haben bei der Krankenkasse eine Überprüfung auf Behandlungsfehler gestellt. Das Ergebnis war allerdings, dass man den Krebs nicht hätte vorhersehen können. Es wäre sehr untypisch, dass ein so junger Mann an Darmkrebs erkranken würde.

    Dem zweiten Krankenhaus, das meinen Mann sofort operiert hat, sind wir bis heute dankbar.

    Was ich anderen Mamas gern sagen möchte: Ihr seid stärker, als ihr vielleicht denkt!

    Es geht immer irgendwie weiter, auch wenn man am Abgrund steht. Der Weg ist nicht immer einfach oder klar. Aber man wächst mit seinen Aufgaben.

    Auch für uns war es nicht immer leicht, und oft habe ich mich gefragt, wie es weitergehen soll. Aber irgendwie haben wir einen Weg gefunden. Also gebt nicht auf – und vor allem: Verliert nie die Hoffnung!“

    Liebe Anna (Name ist der Redaktion bekannt), vielen Dank, dass wir Deine bewegende Geschichte erzählen dürfen. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Gute!

    Wenn ihr Anna auch Mut machen möchtet oder vielleicht etwas Ähnliches erleben musstet, schreibt eure Botschaft in die Kommentare!

    1 Kommentar

  1. User Avatar
    Lauraa

    Oh man, ich wünsche der Familie alles erdenklich Gute! Das klingt nach einem so emotionalen und kraftintensiven Weg. ❤️