Hass im Netz

Vereinbart ihr mit euren Kindern schon ein Codewort, damit sie euch in Zeiten von KI auch am Telefon erkennen? Unsere Autorin Julia Felicitas Allmann hat eine Expertin nach weiteren schützenden Tipps gefragt.

Inhalt dieses Artikels

    Der Fall von Collien Fernandes schockiert uns wohl alle – vor allem uns als Frauen, uns als Mütter. Die Vorstellung, dass die Schauspielerin unter dieser Form der digitalen Gewalt leiden muss, ist furchtbar. Noch schlimmer ist der Gedanke, dass uns selbst etwas ähnliches passieren könnte. Oder im absoluten Worst Case: Dass unseren Kindern so etwas passiert, vor allem unseren Töchtern.

    Gibt es eine Möglichkeit, sie vor diesen Formen der digitalen Gewalt zu schützen? Wie stärken wir sie im Umgang mit (sozialen) Medien, ohne ihnen gleichzeitig zu große Angst zu machen? Autorin Julia Felicitas Allmann hat nach Antworten gesucht.

    Am besten: Keine Bilder, nirgendwo

    Elisabeth Koblitz hat das Buch „Aber alle haben ein Smartphone“ geschrieben, so wurde die Journalistin zur Expertin für die Frage, wie wir uns als Eltern bestmöglich durch eine Kindheit bewegen, in der digitale Medien zum Alltag gehören. Uns verrät sie, welche Tipps am wirksamsten sind – und ab welchem Punkt wir unsere Kinder nicht mehr schützen können.

    „Der effektivste Schutz ist tatsächlich der naheliegendste: dass möglichst keine Bilder unserer Kinder im Netz landen“, sagt Elisabeth Koblitz, die selbst dreifache Mutter ist.

     

     

    „Deshalb bin ich sehr klar dagegen, Kinder auf Social Media zu zeigen. Denn selbst vermeintlich harmlose oder süße Bilder können von Menschen mit bösen Absichten völlig anders wahrgenommen und genutzt werden.“

    Und klar ist auch: „Sobald Bilder verschickt oder veröffentlicht sind, verlieren wir die Kontrolle.“

    Das bedeutet also: Sobald wir ein Foto unserer Kinder bei Social Media posten, in eine WhatsApp-Gruppe schicken oder auf einer Website veröffentlichen, kann jede Person dieses Foto verwenden – auch mit bösen Absichten.

    Denn ein Screenshot ist schnell gemacht und so hilft es auch nicht, wenn das Bild nur vorübergehend online ist. Mit diesem Screenshot ist es heute leicht, Deepfakes zu erstellen – also KI-generierte Fotos oder Videos, die wirken, als wäre eine Person hier in völlig anderem Kontext zu sehen. Leider passiert das oft im pornografischen oder gewalttätigen Umfeld. Eine Vorstellung, die wir am liebsten schnell wieder aus unserem Kopf verbannen wollen – doch es ist unsere Verantwortung, uns diese Gedanken zu machen.

    „Wir als Eltern müssen die Privatsphäre unserer Kinder aktiv schützen und sehr bewusst entscheiden, wem wir überhaupt Bilder schicken“, sagt Elisabeth Koblitz. „Dazu gehört übrigens auch der WhatsApp-Status, der oft unterschätzt wird.“ Denn auch wenn hier „nur“ die persönlichen Kontakte Zugriff haben, handelt es sicher nicht immer nur um enge Freund*innen.

    Journalistin und Dreifachmama Elisabeth Koblitz möchte Eltern aufklären. Foto: Claudia Bernhardt
    Journalistin und Dreifachmama Elisabeth Koblitz möchte Eltern aufklären. Foto: Claudia Bernhardt

    Und dass die Bilder hier lediglich 24 Stunden sichtbar sind, ist in Zeiten von schnell gemachten Screenshots auch kein Schutz. Das bedeutet also: Sobald wir ein süßes Kinderfoto im Status teilen, ist dieses Bild einer großen Menge an Leuten frei zugänglich.

    Ob wir uns deshalb dafür entscheiden, überhaupt keine Fotos unserer Kinder zu teilen, ist natürlich allen Eltern selbst überlassen. Die Abwägung zwischen Gefahrenabwehr und persönlicher Freude am Teilen schöner Momente müssen alle Familien selbst treffen. Ein Mittelweg kann ein privater Instagram-Account sein, der nur nach Anfrage zugänglich ist (doch auch hier gucken oft hunderte Menschen zu, teilweise auch lose Urlaubsbekanntschaften, denen man in diesem Moment vertraut).

     

    Kinder müssen verstehen, was passieren kann

    „Der zweite wichtige Punkt ist Prävention“, sagt die Expertin. „Kinder müssen früh verstehen, dass alles, was sie von sich aufnehmen und verschicken, potenziell weiterverbreitet werden kann.“ Sie selbst verfolgt dabei eine klare Regel: „Ich frage meine Kinder, ob es für sie in Ordnung wäre, wenn 150 bis 200 Menschen dieses Bild sehen würden. Das ist eine Größe, mit der sie etwas anfangen können.“

     

    Das Internet bietet unseren Kindern zahlreiche Möglichkeiten – genau wie Gefahren. Foto: Unsplash
    Das Internet bietet unseren Kindern zahlreiche Möglichkeiten – genau wie Gefahren. Foto: Unsplash

    Genauso sinnvoll kann es sein, ihnen schon früh zu zeigen, was mit KI möglich ist – auch im negativen Sinne. Um Kinder dabei nicht mit Gewaltbildern oder Pornografie zu konfrontieren, kann es helfen, anhand eines Tierbildes einen Fake zu erzeugen: Man nimmt ein Foto von einem Hund und verwandelt ihn mit ein paar Klicks in eine Ratte mit Hundekopf. Das mag zwar witzig wirken, zeigt den Kindern aber eindeutig: Es ist leicht, dich auf einem Bild etwas werden zu lassen, was du nicht bist.

    Was dahintersteckt? Unbekannte nähern sich Kindern oder Jugendlichen auf digitalem Weg, bauen eine Beziehung zu ihnen auf, wollen sich entweder später persönlich mit ihnen treffen oder sie fragen nach (Nackt-)fotos von den Kindern, verschicken vielleicht auch selbst welche. Da im Vorfeld eine freundschaftliche Basis aufgebaut wird, verstehen die Kinder oft nicht, wie sehr sie manipuliert werden – und wenn es ihnen auffällt, ist es ihnen oft unangenehm, sich Hilfe zu holen.

    Genauso wichtig ist es, sie in angemessenem Alter (spätestens, wenn sie ein eigenes Handy haben) dafür zu sensibilisieren, welche digitalen Gefahren es gibt – und auch mit ihnen über Cybergrooming zu sprechen.

    Was dahintersteckt? Unbekannte nähern sich Kindern oder Jugendlichen auf digitalem Weg, bauen eine Beziehung zu ihnen auf, wollen sich entweder später persönlich mit ihnen treffen oder sie fragen nach (Nackt-)fotos von den Kindern, verschicken vielleicht auch selbst welche. Da im Vorfeld eine freundschaftliche Basis aufgebaut wird, verstehen die Kinder oft nicht, wie sehr sie manipuliert werden – und wenn es ihnen auffällt, ist es ihnen oft unangenehm, sich Hilfe zu holen.

    Die EU-Initiative „klicksafe“ rät allen Eltern, Schulen und anderen Begleitpersonen, Kindern das Bewusstsein zu vermitteln, dass es Cybergrooming gibt, wie sie die Strategien dahinter rechtzeitig erkennen und sie sie ihre eigenen Profile auf Online-Plattformen schützen können.

     

    Gut begleitet auf Social Media

    Für uns Eltern ist es also eine große und wichtige Aufgabe, Kinder für die Gefahren zu sensibilisieren – vor allem, wenn sie selbst Profile bei TikTok und Co. anlegen. „Wenn sie irgendwann auf Social Media unterwegs sind – was aus meiner persönlichen Sicht frühestens (!) ab dem offiziellen Mindestalter von 13 passieren sollte, dann nur begleitet“, sagt Elisabeth Koblitz. Das bedeutet: Man richtet gemeinsam einen privaten Account für das Kind ein und geht Anfragen von Follower*innen immer gemeinsam durch.

    Vor allem geht es dabei um die Frage: Kennen wir diese Person wirklich? „Aber auch da muss man ehrlich sein“, sagt die Expertin. „Ist ein Account mit 150 Followern wirklich noch privat?“ Und wie sicher können wir sein, dass die Anfrage tatsächlich von der Klassenkameradin ist, die im Profilbild zu sehen ist – und dass nicht einfach jemand das Bild und ihren Namen benutzt?

    „Am Ende geht es nicht um Kontrolle, sondern darum, dass Kinder verstehen, was mit ihren Bildern passieren kann und lernen, selbst gute Entscheidungen zu treffen“, sagt Elisabeth Koblitz.

     

    „Aber natürlich lautet die ernüchternde Wahrheit: einen richtigen Schutz, dass es keine gefälschten Bilder und Videos von unseren Kindern geben wird, gibt es nicht bzw. nur, wenn niemals ein Foto von ihm im Netz landet.“

    Und das ist auf Dauer nicht (oder nur sehr schwer) umzusetzen.

     

    5 Dinge, die wir alle beherzigen sollten

    Das alles ist beängstigend und in Teilen ernüchternd, gleichzeitig gehört es zu unserer aktuellen Zeit, dass wir uns damit auseinandersetzen. Die folgenden Tipps können wir (je nach Alter der Kinder) als Eltern alle umsetzen, um für einen bestmöglichen Schutz vor digitaler Gewalt zu sorgen:

    • Wir müssen uns selbst informieren: Wo sind unsere Kinder unterwegs, welche Gefahren lauern dort, welche neuen Risiken gibt es durch KI? Und welche Rolle spielt Cybermobbing dabei? Gute Infos gibt es zum Beispiel bei der Organisation HateAid, auf dem Portal der unabhängigen Bundesbeauftragen gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, das mehrere hilfreiche Videos in der Reihe „Zwischen Reels und Regeln“ veröffentlicht hat.
    • Moderne sexuelle Aufklärung: Kinder brauchen Worte für das, was sie (schlimmstenfalls) sehen. Sie müssen das Gefühl haben, mit jemandem offen reden können, wenn sie jemand auffordert, Nacktbilder zu schicken. Es ist wichtig, dass sie den Unterschied zwischen den schönen Seiten von Sexualität und sexueller Gewalt verstehen. Dafür ist es unsere Aufgabe, eine offene Aufklärung zu betreiben und auch bei diesem Thema Vertrauen zu erschaffen.
    • Gemeinsame Regeln für digitale Räume: Kinder müssen wissen, welche Medien und Apps sie unter welchen Voraussetzungen benutzen dürfen – und wo sie ein Profil melden oder blockieren können, das ihnen Angst macht. Wir können sie nicht unbegleitet in diese Welt entlassen, in der viele Gefahren existieren, die Kinder noch nicht kennen.
    • Klare Notfall-Fahrpläne entwerfen: Den Kindern passiert etwas, das sie verängstigt? Hier hilft es, vorab ein Safe-Word zu vereinbaren: Dieses Wort, das Eltern und Kinder kennen, hilft ihnen, in einer Notsituation Hilfe zu holen, ohne das Geschehene in Worte packen zu müssen. Sie sagen „Apfelbaum“ und wissen, sie müssen jetzt nicht viel erklären, sie können einfach um Hilfe rufen – und haben die Gewissheit, dass sie diese von uns bekommen.
    • Kinder stärken – und ihnen Schuldgefühle nehmen: Es ist ganz wichtig, dass Kinder und Jugendliche Grenzen setzen können. Und auch wenn sie selbst schon mal einen Schritt zu weit gegangen sind, müssen sie verstehen, dass die Schuld immer bei den Tätern liegt. Wenn sie mit starkem Selbstbewusstsein und der Gewissheit, jederzeit „Nein“ sagen zu können, in der digitalen Welt unterwegs sind, macht sie das weniger anfällig für Grooming und andere Straftaten.

    Das alles kann helfen – doch klar ist: Die Verantwortung dafür, dass unseren Kindern keine digitale Gewalt zustößt, liegt nicht allein bei uns Eltern. Auch die Politik und die Plattformen müssen aktiv werden und dafür sorgen, dass Risiken bestmöglich minimiert werden. Doch selbst wenn es hier zeitgemäße Regeln und Maßnahmen zum Opferschutz gibt, bleibt die Aufgabe für uns als Eltern: Wir müssen genau hinschauen, welchen Gefahren wir unseren Kindern aussetzen – und sie dann so gut schützen, wie es möglich ist.

     

    Habt ihr noch weitere Strategien im Umgang mit der digitalen Aufklärung eurer Kinder? Wir sind gespannt, von euren Tipps und Tricks in der Kommentarspalte zu erfahren. 

    Quellen