Ein Kind so schwer krank zu sehen, dass es kaum Hoffnung auf Besserung gibt, ist wohl eine der schwersten Situationen, die Eltern und Ärzte erleben können. Noch schwerer wird die Frage, wenn es darum geht, ob das Leiden eines Kindes beendet werden soll. Genau dieser Fall sorgt jetzt in den Niederlanden für Aufmerksamkeit.
Wie Euronews berichtet, wurde dort erstmals nach der Erweiterung der Sterbehilferegeln das Leben eines schwer kranken Kindes beendet. Es handelt sich um ein Kleinkind kurz vor seinem zweiten Geburtstag. Damit ist es der weltweit jüngsten Menschen, der durch aktive Sterbehilfe gestorben sei.
Gut zu Wissen
In Deutschland ist die Rechtslage zur Sterbehilfe klar unterteilt: Die aktive Sterbehilfe ist streng verboten, während passive Sterbehilfe, indirekte Sterbehilfe und der assistierte Suizid erlaubt sind. Seit einem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 gibt es ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben, was die rechtliche Landschaft grundlegend verändert hat.
Das Kind war schwer krank
Der offizielle Bericht beschreibt die Krankengeschichte des Kindes als äußerst schwerwiegend. Es wurde in der 26. SSW geboren und kam auf eine neonatologische Intensivstation. Nach mehreren schweren Komplikationen und Infektionen entwickelte das Kind eine Sepsis.
Eine MRT-Untersuchung zeigte eine sehr weitreichende Schädigung des Gehirns. Die Folge war unter anderem eine schwere Form der Zerebralparese. Die Zerebralparese ist eine lebenslange Bewegungsstörung bei Kindern, die durch eine frühe Schädigung des Gehirns verursacht wird.
Später wurden zudem sehr häufige epileptische Anfälle festgestellt. Das Kind litt außerdem unter dauerhaftem Unwohlsein und konnte sich nicht selbstständig mitteilen. Im Bericht heißt es, es habe „keine Aussicht auf irgendeine vernünftige Entwicklung“ gegeben. Die Ärzte gingen davon aus, dass sich der Zustand nicht wesentlich verbessern würde und das Kind aufgrund möglicher Komplikationen wahrscheinlich in sehr jungem Alter sterben würde.
Die Eltern baten darum, das Leben des Kindes zu beenden
Als immer deutlicher wurde, dass es keine Aussicht auf eine wesentliche Verbesserung gab, baten die Eltern den behandelnden Arzt darum, das Leben ihres Kindes zu beenden. Der Arzt sprach daraufhin wiederholt mit ihnen über die Diagnose, die Prognose und mögliche Behandlungen. Auch mehrere andere Ärzte wurden hinzugezogen. Sie kamen zu dem Schluss, dass das Leiden des Kindes nicht auf andere Weise ausreichend gelindert oder beendet werden könne.
Der behandelnde Arzt kam schließlich zu dem Schluss, dass die Lebensbeendigung die einzige noch verbleibende Möglichkeit sei, das Leiden des Kindes zu beenden.
Niederlande erlauben Sterbehilfe bei Kindern ab einem Jahr
Die Niederlande haben die Regelungen zur aktiven Sterbehilfe im Jahr 2024 erweitert. Seitdem ist sie unter strengen Voraussetzungen auch für schwer kranke Kinder zwischen einem und zwölf Jahren möglich. Das Kind in diesem Fall konnte selbst nicht in die Entscheidung einbezogen werden. Laut Prüfbericht war der Wunsch der Eltern freiwillig und über längere Zeit hinweg gleichbleibend. Der Arzt konsultierte mehrere weitere Mediziner und stimmte sich auch innerhalb des behandelnden Teams über den Fall ab.
Auch für den behandelnden Arzt war der Fall eine außergewöhnliche Belastung. Laut Euronews sagte er:
„Als Arzt ist man in einer extrem verletzlichen Position, weil so etwas noch nie vorgekommen ist. Es fühlt sich immer noch so an, als ob seit fast einem Jahr ein Damoklesschwert über einem hängt.“
Inzwischen hat die niederländische Staatsanwaltschaft entschieden, den Arzt nicht anzuklagen. Sie folgte damit der Empfehlung des zuständigen Ausschusses, der zuvor zu dem Ergebnis gekommen war, dass der Mediziner sorgfältig gehandelt hatte.
So häufig wird in den Niederlanden Sterbehilfe durchgeführt
Die Niederlande waren 2002 das erste Land der Welt, das Sterbehilfe unter strengen gesetzlichen Voraussetzungen legalisierte. Alle Fälle müssen den zuständigen medizinischen Prüfungskommissionen gemeldet werden. Nach Angaben der Regionalen Euthanasie-Prüfungsausschüsse wurden 2025 insgesamt 10.341 Fälle von Euthanasie gemeldet. Das waren 3,8 Prozent mehr als im Jahr 2024.
Der Fall des schwer kranken Kindes ist dabei eine besondere Ausnahme. Im gesamten Jahr 2025 wurde den Prüfungsausschüssen lediglich ein Fall von Euthanasie bei einem minderjährigen Patienten gemeldet.
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Aktive Sterbehilfe bei Kleinkind: Erster Fall weltweit
Von
Lena Krause
1. Oktober 2026