Ricarda kam als Frühchen in Paraguay zur Welt und wurde mit drei Monaten adoptiert. Welche Frage sie am meisten beschäftigt, und was sie ihrer leiblichen Mutter heute gern sagen würde:

Inhalt dieses Artikels

    „Ich wurde 1987 in Paraguay geboren – im siebten Monat, viel zu früh. Meine ersten Lebensmonate waren nicht einfach, denn ich verbrachte zunächst einige Wochen im Brutkasten. Danach kam ich in eine Pflegefamilie, die mich leider nicht ausreichend versorgte. Ich bekam zu wenig Nahrung und entwickelte einen so genannten Hungerbauch. Außerdem war ich im Windelbereich sehr wund und nuckelte so sehr an meinen Fingern, dass die Nägel sich so stark entzündeten, dass sie gezogen werden mussten.

    Für meine Eltern stand schon länger fest, dass sie ein Kind adoptieren möchten.

    Sie hatten zwar keinen besonderen Bezug zu Paraguay, aber eine gute Freundin arbeitete als Ärztin in dem Krankenhaus, in dem ich geboren wurde. Sie rief direkt bei meinen Eltern an, um ihnen von mir zu erzählen. So haben die beiden überhaupt erst von mir erfahren.

    Von diesem Gespräch gibt es tatsächlich noch eine Tonbandaufnahme. Wenn ich sie heute höre, bekomme ich jedes Mal Gänsehaut.

    Denn ich weiß heute, was damals noch niemand wissen konnte: In diesem Moment begann unsere gemeinsame Geschichte.

    Für meine Eltern war sofort klar: Sie möchten dieses Baby in Paraguay adoptieren. Sie hatten nur etwa eine Woche Zeit, um alle notwenigen Unterlagen zusammenzusuchen, alles zu organisieren und die Flüge zu buchen. Aber sie haben es geschafft und sind dann direkt nach Paraguay geflogen.

    Als ich drei Monate alt war, kam ich aus der Pflegefamilie zu meinen Adoptiveltern.

    Zu diesem Zeitpunkt war gerade einmal 37 Zentimeter groß und wog 1.250 Gramm.

    Meine Mama hatte mich als Erste auf dem Arm. Sie beschreibt diesen Moment bis heute als unbeschreiblich. Sie hat sofort eine Verbindung zu mir gespürt. Für sie war direkt klar: Dieses Kind gehört zu mir.

    Als mein Papa mich sah, war sein erster Satz: ‚Wie ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist.‘

    Ich mag diesen Satz sehr. Nicht, weil mein Anfang so schwer war, sondern weil ich weiß, mit welchem Gefühl mein Papa dieses winzige kleine Mädchen angesehen hat.

    Für die beiden war ich ein absolutes Wunschkind.

    Von ihren Adoptiveltern wurde Ricarda von Anfang an sehr liebevoll aufgenommen.
    Von ihren Adoptiveltern wurde Ricarda von Anfang an sehr liebevoll aufgenommen. Foto: privat

    Meine Mutter blieb dann drei Monate mit mir in Paraguay.

    So lange hätte meine leibliche Mutter die Möglichkeit gehabt, ihre Entscheidung rückgängig zu machen.

    Mein Vater musste schon früher nach Deutschland zurück, weil er sich kurz zuvor selbstständig gemacht hatte und arbeiten musste. Nach den drei Monaten konnten meine Mama und ich schließlich auch nach Deutschland kommen.

    Meine Eltern sind von Anfang an sehr offen mit meiner Adoption umgegangen.

    Bei uns hing zum Beispiel eine Landkarte im Bad. Darauf war eingezeichnet, wo ich geboren wurde und wo ich jetzt lebe. Sie haben mir von klein auf erzählt, dass ich bei einer anderen Frau im Bauch war, und sie ein besseres Leben für mich wollte.

    Es gab nie diesen einen Moment, in dem sie mir irgendwann ‚die Wahrheit‘ sagen mussten. Ich bin mit meiner Geschichte aufgewachsen und bin heute sehr froh darüber.

    Auch sonst hat mich niemand in meiner Familie jemals spüren lassen, dass ich irgendwie anders bin. Ich gehörte einfach dazu. Als Tochter, Enkelin, Cousine, als Nichte – als Teil dieser Familie.

    Natürlich habe ich in der Pubertät trotzdem mal Dinge gesagt wie:

    ‚Ihr seid ja gar nicht meine richtigen Eltern.‘

    Meine Mama sagt darüber bis heute: ‚Wir hatten von Anfang an so eine starke Verbindung, da haben mir solche Sprüche wenig ausgemacht.‘

    Ricarda bekam bei ihren Adoptiveltern ein liebevolles Zuhause.
    Ricarda bekam bei ihren Adoptiveltern ein liebevolles Zuhause. Foto: privat

    Und diese Verbindung ist wirklich da. Wir sind uns teilweise erstaunlich ähnlich, zum Beispiel im Tonfall. Manchmal sagen wir im gleichen Moment genau Dasselbe, schauen uns an und müssen lachen. Wir lachen sowieso sehr viel miteinander.

    Über meine leibliche Mutter wurde bei uns nie negativ gesprochen.

    Meine Eltern haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich wütend auf sie sein müsste. Und wenn ich heute an sie denke, empfinde ich auch keine Wut.

    Ich kenne ihre Geschichte nicht. Ich weiß nicht, warum sie mich nicht behalten konnte und wie ihre Situation damals war. Deshalb möchte ich nicht über sie urteilen.

    Was ich weiß, ist: Sie hat mir das Leben geschenkt. Und dafür bin ich ihr dankbar.

    Viele fragen mich, ob ich sie gerne kennenlernen würde. Kennenlernen ist für mich eigentlich zu viel gesagt. Natürlich würde ich sie gerne einmal sehen.

    Ich habe tatsächlich schon mehrfach versucht, etwas über sie herauszufinden.

    Zum Beispiel habe ich mich einmal bei ‚Nur die Liebe zählt‘ beworben. Dort wurde wirklich versucht, sie zu finden – leider ohne Erfolg. Ich hatte außerdem Kontakt zur deutschen Botschaft und zu einem Mann, der selbst adoptiert wurde. Ein Freund meiner Eltern, der beim Fernsehen arbeitet, hat uns geholfen, ein Video über meine Geschichte zu drehen. Das wurde dann in Paraguay gezeigt. Es gab dort auch einen Zeitungsartikel über mich.

    Aber all diese Versuche blieben ohne Erfolg.

    Ich kenne einen angeblichen Namen meiner leiblichen Mutter, weiß aber nicht, ob dieser tatsächlich stimmt. Sie soll ungefähr 16 bis 18 Jahre alt gewesen sein, als sie mich bekommen hat.

    Über meinen leiblichen Vater denke ich dagegen so gut wie gar nicht nach.

    Wenn ich meiner leiblichen Mutter gegenüberstehen würde, würde ich sie wahrscheinlich erst einmal umarmen.

    Dann würde ich ihr Danke sagen. Danke dafür, dass sie mir die Chance auf dieses Leben gegeben hat.

    Ich würde ihr sagen, dass ich keine Wut auf sie habe und ihr nichts vorwerfe. Ich kenne ihre damalige Situation nicht und weiß nicht, warum sie diese Entscheidung getroffen hat.

    Ich würde ihr vor allem gerne sagen: Mir geht es gut. Ich habe ein schönes Leben bekommen. Für mich hast du die richtige Entscheidung getroffen, und dafür bin ich dir dankbar.

    Und dann würde ich ihr wahrscheinlich ziemlich schnell eine Frage stellen:

    ‚Habe ich Geschwister?‘

    Das ist tatsächlich die Frage, die mich an meiner Herkunft am meisten beschäftigt.
    Ich würde unglaublich gern wissen, ob es irgendwo Menschen gibt, mit denen ich etwas teile, ohne dass wir voneinander wissen.

    Aber auch wenn ich hoffe, dass ich es irgendwann herausfinden werde, suche ich nicht ständig aktiv danach. Das kommt bei mir eher phasenweise.

    Manchmal vergesse ich quasi, dass ich adoptiert bin. Es spielt in meinem normalen Alltag einfach keine Rolle.

    Und dann schaue ich irgendwann in den Spiegel und denke: ‚Hm … von wem habe ich eigentlich mein Aussehen?‘

    Mich faszinieren Ähnlichkeiten zwischen Familienmitgliedern schon seit meiner Kindheit. Ich vergleiche total gerne Eltern und Kinder oder Geschwister miteinander und entdecke Gemeinsamkeiten. Das fand ich schon als Kind spannend.

    Ich habe inzwischen auch einen DNA-Test gemacht und natürlich hoffe ich, dass sich darüber vielleicht irgendwann etwas ergibt.

    Heute lebe ich mit meinem Mann und unseren beiden Kindern in Hessen.

    Heute hat Ricarda selbst zwei Kinder – und ihre Adoptiveltern sind liebevolle Großeltern.
    Heute hat Ricarda selbst zwei Kinder – und ihre Adoptiveltern sind liebevolle Großeltern. Foto: privat

    Wir wohnen in einer Doppelhaushälfte – und direkt neben uns wohnen meine Eltern. Eigentlich trennen uns nur unsere Einfahrten.

    Für mich ist das etwas ganz Besonderes.

    Familie bedeutet mir unglaublich viel, und ich liebe es, dass meine Kinder so nah bei ihren Großeltern aufwachsen und eine so enge Beziehung zu ihnen haben.

    Wenn ich von meiner Familie spreche, meine ich aber nicht nur meine Eltern, meinen Mann und meine Kinder, sondern auch unsere ganze Großfamilie. Ich verbringe einfach unglaublich gerne Zeit mit ihnen. Wir lachen viel und sind gerne zusammen.

    Auch meine Kinder wissen, dass ich adoptiert bin.

    Wir gehen damit genauso offen um, wie meine Eltern es bei mir gemacht haben. Manchmal sagen sie ganz selbstverständlich: ‚Eigentlich hätten wir ja noch eine Oma und einen Opa. Schade, dass wir sie nicht kennen.‘ Ich finde es schön, dass solche Gedanken bei uns einfach ausgesprochen werden können.

    Ich selbst würde mich als lebensfrohen und offenen Menschen beschreiben.

    Auch beruflich habe ich etwas gefunden, das mich sehr erfüllt: Ich bin Logopädin und liebe meinen Beruf und die Arbeit mit Menschen.

    Wenn ich heute mein Leben anschaue und daran denke, dass ich einmal dieses winzige Mädchen im Brutkasten in Paraguay war, empfinde ich vor allem Dankbarkeit.

    Ich habe eine tolle Familie bekommen und inzwischen meine eigene kleine Familie gegründet.

    Und vielleicht ist genau das für mich das Schönste: Meine Eltern haben mich damals als ihre Tochter aufgenommen – und heute darf ich sehen, wie selbstverständlich sie als Oma und Opa zum Leben meiner eigenen Kinder gehören.

    Was ich anderen in Adoptivkindern oder -eltern gern sagen würde: Ich finde es toll, dass es Menschen gibt, die sich dafür entscheiden, ein Kind zu adoptieren.

    Natürlich kann ich dabei nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Aber meiner Meinung nach sollte man von Anfang an offen mit der Adoption umgehen. Zumindest für mich war das genau der richtige Weg.

    Heute ist Ricarda dankbar - ihrer leiblichen Mutter und ihren Adoptiveltern.
    Heute ist Ricarda dankbar - ihrer leiblichen Mutter und ihren Adoptiveltern. Foto: privat

    Meine Adoption war nie ein Geheimnis. Ich wusste von klein auf, dass ich bei einer anderen Frau im Bauch war und aus Paraguay komme. Ich durfte darüber sprechen und Fragen stellen.

    Und ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, dass das Interesse an der eigenen Herkunft nichts mit der Liebe zu den Adoptiveltern zu tun hat.

    Ich liebe meine Eltern und meine Familie. Sie sind meine Familie. Und trotzdem würde ich meine leibliche Mutter gerne einmal sehen und sehr gerne wissen, ob ich Geschwister habe.

    Beides darf nebeneinander existieren.

    Wenn ich heute auf meine Geschichte und mein Leben schaue, bin ich vor allem dankbar.

    Für die Frau, die mir das Leben geschenkt hat. Und für meine Eltern, die es mit so viel Liebe gefüllt haben.

    Aus dem kleinen ‚Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist‘, ist eine erwachsene Frau geworden, die auf ihre Geschichte zurückblicken und sagen kann: Wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich genau dieses Leben wieder wählen.“

    Liebe Ricarda, vielen Dank, dass wir deine emotionale Geschichte erzählen dürfen.

    Habt ihr vielleicht auch schon einmal darüber nachgedacht, ein Kind zu adoptieren – oder seid vielleicht selbst Adoptivkinder? Schreibt uns eure Erfahrungen in die Kommentare und hinterlasst auch gern eine Botschaft für Ricarda.

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