Kinder

„Hallo, alter Mann!“ Mit diesen Worten beginnt eine wunderbare Freundschaft

Die achtjährige Norah hat einen besten Freund, und zwar Mr. Dan. Mr. Dan ist 84 Jahre alt und nicht mit ihr verwandt. Er ist auch kein Nachbar, sondern eigentlich nur irgendein Mann, der in derselben Stadt wohnt. Die beiden haben sich im Supermarkt kennengelernt.

Das klingt nach einer sehr unheimlichen Geschichte, die bei jeder Mutter die Alarmglocken läuten lassen. Schließlich sind „alter, fremder Mann“ und „kleines Mädchen“ die Hauptzutaten von Eltern-Horrorfilmen und Eltern-Horror-Zeitungsmeldungen.

In Wahrheit aber passieren solche Horrorgeschichten so selten, dass wir unseren Kopf mal kurz frei machen und uns das Kennenlernen von Norah und Dan auf der Zunge zergehen lassen sollten.

Wie das kam, erzählte Norahs Mama, Tara Wood, auf ihrem Blog. Es war der 19. Oktober 2015, und es geschah in einem Supermarkt. Tara Wood weiß das noch ganz genau, denn es war der vierte Geburtstag ihrer Tochter: „Auf dem Weg nach Hause fragte sie, ob wir noch schnell in den Supermarkt gehen könnten, um Geburtstags-Cupcakes für sie und ihre sechs Geschwister zu kaufen.“

Während Tara dort noch kurz im Ausverkauf-Regal stöberte, kam Bewegung in Norah: „Norah stand im Einkaufswagen auf, winkte aufgeregt und rief voller Freude: ,Hallo alter Mensch! Ich habe heute Geburtstag!‚“

Das war ihrer Mama ziemlich peinlich: „Der Mann war älter, hatte ein steinernes Gesicht und war sorgenzerfurcht. Wie auch immer, bevor ich sie zum Schweigen bringen konnte, weil sie ihn eine ,alte Person‘ genannt hatte, oder die Erde darum bitten konnte, mich zu verschlucken, stoppte er und drehte sich zu ihr um.“

Der Mann reagierte ganz anders, als Tara es befürchtet hatte. Er grüßte Norah begeistert und fragte sie, wie alt sie denn nun sei. Sie unterhielten sich ein paar Minuten und gingen dann ihrer Wege.

Doch Norah war noch nicht fertig. „Ein paar Minuten später drehte sie sich zu mir und fragte: ,Kann ich ein Foto mit dem alten Mann machen, weil ich Geburtstag habe?‘ Es war der süßeste Moment überhaupt und obwohl ich nicht sicher war, ob er mitmachen würde, sagte ich ihr, dass wir ihn fragen würden.“

Gesagt, getan: „Sein Gesichtsausdruck veränderte sich rasend schnell von verwirrt zu verblüfft zu erfreut. Er trat einen Schritt zurück, richtete sich hinter seinem Einkaufswagen auf und berührte sich mit seiner freien Hand an der Brust. ,Ein Foto? Mit mir?‚, fragte er.“

Norah bekräftigte ihren Wunsch und bekam, was sie wollte: „Ich zog mein iPhone aus der Tasche und sie posierten zusammen. Sie legte ihre weiche Hand auf seine weiche Hand. Er starrte sie stumm an, wie ihre Augen funkelten, während sie seine Hand in ihrer hielt und seine dünnen Venen und faltigen Handrücken studierte. Sie küsste seine Hand und legte sie dann an ihre Wange. Er strahlte. Wir standen den anderen Einkaufenden im Weg, aber es war ihnen egal. Was da im Supermarkt geschah, war pure Magie und wir konnten es alle fühlen.“

Schließlich aber war es Zeit, zu gehen. „Ich dankte Mr. Dan dafür, dass er sich die Zeit genommen hatte, um ein paar Minuten seines Tages mit uns zu verbringen. Seine Augen wurden feucht und er sagte: ,Nein, danke EUCH. Das war der beste Tag, den ich seit langem hatte. Du hast mich so glücklich gemacht, Miss Norah.

Nach diesem emotionalen Erlebnis waren alle ganz berührt. Trotzdem verließen sie den Supermarkt, ohne Kontaktdaten ausgetauscht zu haben. Am folgenden Tag postete Tara Wood das Foto von Norah und Dan mit der Geschichte bei Facebook und das Unglaubliche geschah.

Eine Leserin erkannte Mr. Dan und kontaktierte Tara. „Seine Frau Mary war im März gestorben und er war so einsam, seit seine große Liebe nicht mehr da war. Sie wollte, dass ich weiß, dass mein kleines Mädchen sein Herz berührt hatte. Dass er das gebraucht hatte und es nie vergessen würde,“ erzählt Tara.

Damit wollte sich Tara nun nicht zufriedengeben. Sie fragte nach seiner Telefonnummer und schon wenige Tage später besuchten sie und Norah Mr. Dan zum ersten Mal. „Er war beim Friseur gewesen, hatte sich rasiert und trug eine elegante Hose und schicke Schuhe. Er sah zehn Jahre jünger aus. Er hatte einen Kinder-Tisch aufgestellt, Papierbögen und Stifte für Norah darauf gelegt. Er fragte, ob sie ihm Bilder malen könnte, die er an seinen Kühlschrank hängen könnte. Sie sagte natürlich ja und ging freudig ans Werk.“

Es wurde ein magischer Nachmittag: „Er war geduldig und lieb zu meinem quirligen, niemals leisen Mädchen. Er wischte Ketchup von ihrer Wange und ließ sie seine Chicken Nuggets essen. Als er uns zur Haustüre begleitete, zog er ein Taschenmesser aus der Hosentasche, um die einzige rote Rose abzuschneiden, die in seinem Vorgarten blühte. Er verbrachte zehn Minuten damit, jeden einzelnen Dorn zu entfernen, bevor er sie seiner neuen Freundin übergab. Sie bewahrt diese Rose, inzwischen trocken wie ein Knochen, in einer Ziploc-Tüte unter ihrem Kopfkissen auf.“

Seit diesem Tag ist Mr. Dan ein Teil der Familie Wood. Norah und er sehen sich mindestens ein Mal in der Woche. Es ist inzwischen selbstverständlich, dass Dan Feiertage mit Norah und ihrer Familie verbringt. Egal, ob Thanksgiving oder Weihnachten, er gehört dazu.

Im Oktober 2018 feierten sie gemeinsam den 84. Geburtstag von Dan. Tara hatte sich dafür eine besondere Überraschung ausgedacht und einen Aufruf gestartet: Alle ihre Facebook-Follower sollte ihm eine Karte schreiben. Dieser Bitte kamen zahlreiche Menschen nach und Mr. Dan freute sich riesig, wie Fotos beweisen.

Und die Moral dieser Geschichte fasst Tara Wood perfekt zusammen: „Manchmal kann es zu wunderbaren Neubeginnen führen, wenn man mit Fremden spricht. Versucht es mal.“