Leben

Ich will meine eigenen Erfahrungen machen und keine schlauen Sätze mehr hören!

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Eines ist klar: Wir sind alle Mamas (oder Papas). Oder wir sind auf dem Weg dahin und tragen stolz unsere Babykugel durch die Welt. Wir befinden uns alle irgendwo zwischen absolutem Glück und alles verschlingender Müdigkeit. Das Kind ist unser Ein und Alles und wir geben täglich unser Bestes, um aus ihm einen netten, selbständigen und fröhlichen Menschen zu machen. Täglich wächst dabei unser Vorrat an Erfahrungen.

Wenn wir erste Erfolge sehen, sind wir zu Recht stolz. Wir haben bis dahin vielleicht einen schweren Weg gehabt, viele Nächte mit dem weinenden Baby verbracht und unzählige Trotzanfälle überstanden. Ein Weg, den andere noch vor sich haben. Und dann rutscht es uns raus: „Ach, die Schwangerschaft ist ja noch gar nichts gegen die ersten Monate mit Baby“. Oder: „Warte nur ab, bis dein Kind in die Trotzphase kommt.“

Die Trotzphase ist so aufreibend – am liebsten möchten wir unsere Erfahrungen SOFORT an alle Neu-Mamas weitergeben. Foto: ©Bigstock

Ganz ehrlich? Nein! Pfui, aus! Das müssen wir uns ab heute verkneifen!

Jeder, der bereits einen Teil seines Lebens als Eltern verbracht hat, darf zu Recht stolz auf seine Erfahrungen sein. Ich bewundere Eltern mit Kindern, die älter sind als meine. Einfach deshalb, weil ich jede Entwicklungsphase eines Kindes unglaublich spannend und herausfordernd finde. Und manchmal sind diese Erfahrungen auch beängstigend. Wenn ich nur daran denke, dass meine beiden mal in die Pubertät kommen… Hilfe!

Trotzdem will ich von diesen Eltern nicht hören, dass das Alter, in dem meine Kinder im Moment sind, ja noch gar nichts ist im Vergleich zu dem Alter ihrer Kinder. Keine Schwangere, die sich mit dickem Bauch durch den Sommer schleppt und sich nicht nur wegen der kühleren Temperaturen auf den Herbst und die damit anstehende Geburt freut, will hören, wie anstrengend die ersten Monate mit Baby sind. Denn sie weiß es. In abgeschwächter Form ist das übrigens die Aufforderung, die Zeit zu zweit noch mal zu genießen, denn die sei ja mit der Geburt vorbei.

Und so geht es weiter: Eltern von Kleinkindern beraten Baby-Eltern, Eltern von Kindergarten-Kindern erklären Kleinkind-Eltern die Welt. Schulkind-Eltern lächeln über die Sorgen der Kindergarten-Eltern. Am Ende stehen übrigens die Großeltern. Von denen die schlimmsten einfach alles erlebt haben und ungefragt auf Spielplätzen und im Supermarkt ihre Erfahrungen vermitteln.

Wahrscheinlich hatte jeder von uns auch schon mal solche Sätze im Kopf. Ist ja klar, schließlich gibt es immer Eltern mit jüngeren Kindern. Und denen sind wir, zeitlich zumindest, um einige Erfahrungen voraus. Aber das ist auch alles. Nur, weil unser Baby ständig tiefenentspannt war, heißt das nicht, dass andere Eltern auch so ein Glück haben. Und so, wie es mir vor der Pubertät graut, schlottern anderen Eltern die Knie vor der anstehenden Trotzphase.

Ihnen hilft es rein gar nicht, wenn ich erzähle, wie anstrengend/entspannt/lässig meine Kinder ihre Wutanfälle meisterten. Denn ihre Kinder werden andere Wutanfälle bekommen. Und sie werden anders reagieren. Einfach, weil diese Familie ihre eigenen Erfahrungen macht. Gezwungernermaßen.

Zwischendrin liegen die Nerven blank, man weiß nicht mehr weiter, ist völlig erschöpft und denkt ständig, man sei eine schlechte Mutter. In diesem Punkt sind wir uns alle wahrscheinlich einig. Und wenn dann jemand zu mir kommt und genau versteht, wie es mir gerade geht, mich aufmuntert oder mir sogar Unterstützung anbieten kann, dann freue ich mich. Denn dann sind Eltern einfach nur Eltern. Egal, wie alt die Kinder sind.