Anzeige

„Meine Tochter ging in eine Inklusionskita – und das war das Beste, was ihr passieren konnte“

Foto: Bigstock

Steht auf der Liste der örtlichen Kitas auch ein inklusiver Kindergarten, schrecken manche Eltern vorschnell zurück. „Mein Kind hat doch keine Behinderungen, warum sollte ich es in eine Inklusionskita geben? Wird es dort womöglich in seiner Entwicklung aufgehalten oder steht es bei der Betreuung stets hinter den speziellen Bedürfnissen der Kinder mit Behinderungen zurück?“

Was ist dran an diesen Bedenken? Ist das wirklich so? Das haben wir Mama Heidi* aus Hamburg gefragt. Sie hat eine Tochter, die ab dem Alter von eineinhalb Jahren in eine Inklusionsgruppe ging.

Heidis Interview erfolgte im Rahmen der Kampagne der Hilfsorganisation Aktion Mensch, die sich für die Inklusion von geistig oder körperlich kranken Kindern in Kindergärten und Schulen einsetzt. Weil alle Menschen Respekt verdienen und voneinander lernen können.

Hier erzählt Mama Heidi, welche Erfahrungen ihre Tochter und sie in der Kita gemacht haben:

Für uns war es keine bewusste Entscheidung, unser Kind in einer Inklusionskita anzumelden. Bedenken oder Berührungsängste, wie andere Eltern sie beim Thema Integration vielleicht haben, hatte ich jedoch keine.

In meiner Kindheit hatte ich bei Familienfeiern oft den Bruder meiner „Nenntante“ getroffen, der das Downsyndrom hat. Der Kontakt zu Menschen mit Behinderungen war mir also nicht ganz fremd. Nur mein Mann war ganz zu Anfang etwas skeptisch.

Wir gingen es also recht offen an, aber ohne große Erwartungen. Erst rückblickend habe ich wirklich verstanden, was für ein Riesenglück es war, dass wir ausgerechnet diesen Kitaplatz bekommen haben.

Unsere Tochter startete in der Inklusionsgruppe, als sie eineinhalb Jahre alt war, und besuchte sie bis zur Einschulung. In der Gruppe waren sechs bis acht Inklusionskinder und bis zu acht Krippenkinder im Alter von 18 Monaten bis drei Jahren. In den Elementargruppen waren insgesamt 24 bis 26 Kinder zwischen vier und sechs Jahren.

Die erste Freundschaft nach der Eingewöhnung

Kurz nachdem unsere Tochter in der Kita eingewöhnt war, fand sie sehr schnell eine enge Bezugsperson: Ein Mädchen mit körperlicher Behinderung, die etwa 5 Jahre alt war und sich rührend um unsere Tochter kümmerte. Diese Erfahrung prägte sie von Anfang an.

Doch auch das Vorleben der Inklusion durch die speziell geschulten Erzieherinnen machte einen rücksichtsvollen und respektvollen Umgang der Kinder miteinander selbstverständlich.

Auch heute stelle ich diese Sensibilität immer wieder bei meiner Tochter fest. Mich macht das sehr glücklich, denn mir war und ist stets wichtig, dass unserer Tochter bewusst ist, welches Glück sie hat, ohne eine Behinderung zu sein.

Toleranz leben – für Kinder ganz normal

In der Inklusionskita lernte sie schon früh, dass es Menschen gibt, die in irgendeiner Art und Weise eingeschränkt sind, aber genau wie sie am Alltag und an allen Kita-Angeboten teilnehmen, auch wenn sie hier und da Unterstützung brauchen. Für sie ist das nun selbstverständlich – im Gegensatz zu Menschen, die erst spät in Kontakt mit Menschen mit Behinderungen kommen und schnell überfordert sind, weil sie nicht wissen, wie sie ihnen begegnen sollen.

Denn auch Menschen mit Behinderungen können viel zur Gemeinschaft beitragen, man kann mit ihnen lernen und lachen. Und warum sollten Kinder mit Behinderungen nicht auch große Träume haben dürfen? Ein Handicap muss ein gelungenes Leben nicht ausschließen – sowohl privat wie auch beruflich. Dieser gleichzeitig rührende und lustige Film zeigt, wie diese Kinder theoretisch durchstarten können, wenn man sie nur lässt:


Ich stellte fest, dass Kindern
Toleranz gegenüber dem ‚Anderen’ von Natur aus nicht schwer fällt. Nur wenn in der Kita ein Kind mit Behinderung Regeln überschritt, stieß das Verständnis der anderen Kinder an eine Grenze. Ihr kindlicher Gerechtigkeitssinn machte hier keine Ausnahme.

Doch in meinen Augen ist auch gerade das ein Ergebnis der Integration: Für die Kinder waren in der Gruppe alle gleich, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten. Deshalb galten ihrer Ansicht nach auch die Regeln für alle. Kam es in solchen Situationen zu Konflikten, fingen die Erzieherinnen diese auf und besprachen sie mit den Kindern. Ich fand, dass meine Tochter dadurch besonders an emotionaler Intelligenz gewonnen hat.

Die speziell geschulten Erzieher in Inklusionsgruppen kommen allen Kindern zugute. Foto: Andi Weiland/ gesellschaftsbilder.de

Das Prinzip: Jeder darf alles mitmachen

Für das eigene Sozialverhalten hat meine Tochter also in ihrer Kitazeit sehr viel gelernt. Doch auch über das soziale Lernen hinaus gab es für die Kinder viele Vorteile. So hat eine Inklusionskita beispielsweise in der Regel einen besseren Betreuungsschlüssel, so dass die Kinder sich nicht nur zwei Erzieherinnen „teilen“ müssen.

Und von den Angeboten für die Inklusionskinder profitiert die ganze Gruppe. In unserer Einrichtung gibt es zum Beispiel eine eigene Physiotherapeutin, die besondere Bewegungsangebote für alle Kinder macht. Vor allem vom Kinder-Yoga waren die Kleinen schwer begeistert.

Unsere Tochter ist jetzt in der 2. Klasse und denkt immer noch gern an ihre Kitazeit zurück. Manchmal wünscht sie sich, wieder drei Jahre alt zu sein. Warum? Damit sie wieder in ihre Kita gehen kann.“