Kinder

Ein Brief vom Trotzkind: „Mama, manchmal weiß ich nicht weiter!“

Foto: Bigstock

Liebe Mama,

ich bin es, dein Trotzkind. Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe? Ich vertraue dir, ich brauche dich, du machst mich glücklich und gibst mir Sicherheit. Du und Papa, ihr seid alles für mich.

Und deshalb möchte ich, dass du dich über mich freust und mich genauso lieb hast. Du sollst dich nicht über mich ärgern müssen.

Aber manchmal weiß ich einfach nicht weiter. Bitte verstehe das doch.

Heute morgen bin ich wach geworden, es war noch dunkel in meinem Zimmer. Ich hatte solche Sehnsucht nach dir und mein Kuschelmonster sah im Schatten auch gar nicht mehr so freundlich aus wie sonst.

Ich flitzte schnell zu deinem Bett. Als ich hineinkletterte, hast du ein bisschen geseufzt und gemurmelt: „Muss das jetzt wirklich sein?“

Das hat mich so traurig gemacht. Magst du denn gar nicht gerne mit mir kuscheln?

Später wollte ich meine Hose und meinen Pulli selbst anziehen. Nachdem ich mich einmal in den Hosenbeinen verheddert hatte, nahmst du sie mir weg: „Lass mich mal, wir haben keine Zeit!“

Ich war wieder traurig. Ich kann das doch, mich anziehen! Nur eben nicht so schnell wie du. Warum bist du denn immer so hektisch?

Nach dem Frühstück wollte ich alleine zum Auto laufen und hineinklettern. Ich liebe das – und du hebst mich dann nur noch das letzte Stück in den Kindersitz und rufst dabei laut: „Schwuuupppp!“. Heute morgen aber hast du mich sofort geschnappt, zum Auto getragen und in den Sitz gepackt: „Komm, ich mache das, wir müssen jetzt wirklich los!“.

Das hat mich wirklich frustriert. Kann ich denn wirklich gar nichts gut und schnell genug für dich?

In der Krippe habe ich eine absolute Lieblingspuppe, mit der wollte ich nach dem Morgenkreis so gerne spielen. Ich suchte sie überall, bis ich sie schließlich bei einem Mädchen in der Hand entdeckte. Ich ging hin und nahm sie mir. Sofort riss mir die Erzieherin die Puppe aus der Hand und schimpfte: „Das darfst du nicht – du musst teilen!“

Ich hörte an ihrem Tonfall, dass ich etwas falsch gemacht gemacht hatte. Ich wusste nur nicht was. Ich war so verzweifelt, dass ich weinen musste.

Alles, was ich in dem Moment wollte, war eine Umarmung. Ich ging zu der Erzieherin, weil du nicht da warst, aber sie sagte: „Jetzt hör auf zu weinen – es gibt gar keinen Grund. Trotzkind! Spiel doch einfach mit etwas anderem.“

Ich hatte ein ganz doofes Gefühl am Bauch, suchte mir aber eine andere Beschäftigung.

Später sollte ich aufräumen. Ich wollte so gerne helfen, ich wusste aber nicht wie! Wohin gehören denn nur all diese vielen Sachen in der Krippe? Und womit sollte ich anfangen?

Ich war überfordert und zog mich kurz in eine ruhige Ecke zurück.

„Komm, komm, sei nicht faul, hilf den anderen!“

Ich war so glücklich, als du mich abgeholt hast, Mama! Zeit mit dir zu verbringen, ist das Schönste für mich. Wir gingen direkt nach Hause, knabberten ein paar Kekse und lasen ein Buch. Später musstest du noch kurz an den Computer und etwas erledigen. Ich baute mit meinem Duplos ein Auto – und war das erste Mal so richtig zufrieden damit. Das musste ich dir sofort zeigen!

„Gleiheich. Ich gucke gleich. Ich muss hier noch kurz was machen. Verstehe das doch!!!! Ich kann nicht immer gleich springen!“

Männo. Du solltest doch wirklich nur ganz, ganz kurz mein perfektes Auto angucken. Ich war so stolz. Und hätte mir gewünscht, dass du es auch bist. Danach hätte ich doch alleine weitergespielt! Ich war so enttäuscht und sauer, dass ich mich auf den Boden warf, schrie und weinte. Irgendwie musste ich dieses doofe Gefühl loswerden. Es klappte, aber danach fühlte ich mich ganz erschöpft und traurig.

Mich anziehen, mir ein Brot schmieren, ins Auto klettern: Ich kann schon viel mehr, als du denkst! Foto: Bigstock

Später beim Abendessen wollte ich mir selber Wasser eingießen und mir Quark aufs Brot schmieren. Ich kann das!

„Lass das, du bist noch zu klein, du kleckerst sonst alles voll. Ich mach das schnell für dich!“

Schließlich hatte ich mein leckeres Brot, wollte es in Ruhe essen und dir von meinem Erlebnis in der Kita erzählen. Aber ständig hast du mir Sachen vors Gesicht gehalten, die ich probieren sollte.

„Wenigstens probieren!!!“

Irgendwann wollte ich dann lieber gar nichts mehr essen und warf meinen Teller vom Tisch. Ich wollte aufstehen, kam aber alleine nicht von meinem Stuhl herunter.

Du hast mich angeschrien, ich weinte. Ich war schon so müde und wollte ganz dringend, dass du mich in deine Arme nimmst. Du aber warst so wütend, ich fühlte mich unsicher, hatte ein wenig Angst und weinte noch mehr.

Mama, ich muss dir etwas sagen, bitte hör mir mal in Ruhe zu. Ich bin zwei Jahre alt, manchmal fühle ich mich noch sehr klein und manchmal schon ganz groß.

Ich möchte alles ausprobieren. Es macht mich so glücklich, wenn ich etwas Neues schaffe – und so wütend, wenn nicht.

Aber jeder Erwachsene übernimmt die Kontrolle über mich, damit alles immer schnell und perfekt funktioniert.

Kannst nicht wenigstens du zu mir halten?

Du traust mir nicht zu, dass ich mir einen Saft einschenke – aber du erwartest, dass ich weiß, wie man teilt, hört oder wartet.

Du erwartest, dass ich immer das Richtige sagen soll, zur richtigen Zeit still bin und richtig reagiere.

Ich möchte wirklich so gerne, dass du immer stolz auf mich bist und dich nicht ärgern musst – aber, Mama, ich weiß das alles noch nicht!

Vielleicht würde ich alles ein wenig schneller lernen, wenn ich mehr dürfte: rennen, schreien, tragen, klettern, werfen, stoßen, ziehen… Und wenn ich mir dabei einmal wehtue, dann merke ich mir das eben fürs nächste Mal.

Ich bin zwei Jahre alt. Ich möchte dich nicht ärgern. Das möchte ich nie. Ich habe dich so lieb.

Du hast mich nicht schlecht erzogen. Ich entdecke die Welt und erlebe so viele Gefühle zum ersten Mal: Ich bin glücklich, entdecke Freundschaft und spüre Wärme im Bauch. Aber ich bin auch frustriert. Wütend. Ich bin nervös, überfordert und ratlos.

Ich brauche eine Umarmung. Mama, ich brauche dich so sehr: Könntest du mich bitte umarmen?