Leben

Missbrauchsgefahr: Warum du schon dein 4-jähriges Kind aufklären solltest

Foto: Bigstock

Also ganz ehrlich – bislang hatte ich mir noch keine großen Gedanken gemacht, wann wir unsere Tochter aufklären wollen. Schließlich kann sie erst ein paar Worte sprechen und versteht – realistisch betrachtet – noch nicht wirklich alles, was ich sage.

Allerdings stolperte ich kürzlich durch Zufall über die Polizeiliche Kriminalstatistik aus dem Jahr 2016 (was man so tut, wenn Schafezählen nicht hilft…) und machte mir doch Gedanken. Und zwar heftige. Denn die Statistik zeigt, dass es deutschlandweit in diesem Jahr 12.000 (!) Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexuellem Kindesmissbrauch gab. Zwölftausend! Und das sind nur die Fälle, die wirklich ans Licht kamen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt die Dunkelziffer allein in Deutschland vermutlich bei rund einer Millionen minderjährigen Mädchen und Jungen unter 18 Jahren. Runtergebrochen bedeutet diese Annahme: In jeder Schulklasse sind bis zu zwei Kinder betroffen, die schon in sehr jungen Jahren missbraucht wurden! HILFE!

Die kleinen Mäuse wissen oft nicht, dass da etwas Verbotenes mit ihnen passiert. Traumatisch! Und da laut Kriminalstatistikauswertung die meisten Täter aus dem Umfeld der Kinder kommen, vertrauen sie einfach. Mir wird schlecht.

An Schlafen war in dieser Nacht kaum zu denken, aufgeregt durchforstete ich das Netz, wie Eltern ihre Kinder am besten vor sexuellen Übergriffen schützen. Ein erstes Fazit lautet: Indem sie ihnen ein gesundes Selbstbewusstsein vermitteln – klar, gegenüber einem Erwachsenen NEIN zu sagen, kostet Mut – und ein gesundes Bewusstsein über die eigene Sexualität mit auf den Weg geben.

Woher sollen die Zwerge denn wissen, dass sie der nette Nachbar nicht knuddeln darf? Oder dass sie ihre Scheide beziehungsweise ihren Penis nur selbst anfassen dürfen? Zudem sollte von Anfang klar sein, dass die dabei entstehenden Gefühle ohne schlechtes Gewissen ausgekostet werden dürfen. Selbstbefriedigung macht keinesfalls blind, wie noch vor ein paar Jahren propagiert wurde, sondern zum glücklichen Erwachsenen. Ich habe keine Ahnung, wie so viel Schamgefühl über Generationen überleben konnte.

Ich glaube – ähnlich wie diverse Autoren inklusive der Schriftstellerin Gaby Hauptmann –dass es unseren Kindern gut tut, sie früh aufzuklären. Natürlich behutsam und kindgerecht. Ich finde, auch in Kindergärten darf natürlich über jedes Körperteil gesprochen werden. Teilweise gibt es obendrein Projekte, die den Kleinen vermitteln sollen: Du darfst mich nicht anfassen, wenn ich das nicht will! Je früher sie Bescheid wissen, desto besser können sie sich wehren – wenn ein anderes Kind ihnen gewisse Begriffe an den Kopf wirft oder tatsächlich eine Bezugsperson handgreiflich werden sollte.

Und ich finde es definitiv nicht verwerflich, wenn Kinder wissen, dass weder die Bienen noch der Klapperstorch fürs Geschwisterchen verantwortlich sind. Den Bruder haben sie Papas Penis zu verdanken, der in Mamas Scheide war. Punkt. Und dass sie wissen, wie Papas Penis aussieht, ist nun wirklich kein Schocker.

Je früher die Kinder über Sexualität Bescheid wissen, desto Je früher Kinder wissen, wie eine Schwangerschaft entsteht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Teenie-Schwangerschaft. Diesen Zusammenhang beweist unser Nachbarland, die Niederlande. Dort werden Kinder bereits ab vier Jahren aufgeklärt. Zunächst geht es dabei um die Themen Liebe und Beziehung sowie den dafür notwendigen Respekt. Später in der Schule werden dann unter anderem sexuelle Vielfalt und Verhütung besprochen. Die Quote von Teenager-Schwangerschaften ist bei den Holländern eine der niedrigsten auf der ganzen Welt.

Ein Kind früh aufzuklären, zerstört also nichts, sondern hilft, eine heile kindliche Welt zu erhalten. Mit diesem Gedanken schlafe ich wesentlich beruhigter.