Leben

Wollen wir ein zweites Kind? Unsere persönliche Pro & Contra-Liste

Foto: Bigstock

Unsere Tochter war ein halbes Jahr alt. Mein Mann und ich gingen mit ihr im Kinderwagen spazieren, als wir auf das Thema Geschwister kamen. Und ich konnte richtig zusehen, wie mein Mann bei der Erwähnung eines zweiten Kindes innerlich versteinerte. Ihm steckten die vergangenen sechs Monate sichtlich in den Knochen. Er konnte es sich überhaupt nicht vorstellen, das noch einmal durchzumachen. Dabei war unsere Tochter gar nicht so anstrengend, wie ich fand.

Aber auch ich war froh, aus dem schlimmsten Stress der ersten Babyzeit raus zu sein. Das alles noch einmal? Und wer wusste schon, was uns noch bevor stand. „Eins ist keins“, sagte dann mal eine Dreifach-Mutter zu mir. Was für ein blöder Spruch, dachte ich. Klar, die hatte ganz anderen Stress als ich mit meinem Einzelkind.

Ich sprach mit Einfach-Mamas aus meinem Umfeld über ihre Kinderplanung. Eine schloss es nicht aus, aber ihr Mann sei strikt dagegen (sie bekamen dann aber fünf Jahre nach dem ersten Kind doch noch eines). Eine war so glücklich, nach jahrelangen Kinderwunsch-Behandlungen überhaupt ein Kind zu haben, dass sie das Glück nicht noch mal herausfordern wollte. Alle anderen, gefühlte 30 Mütter, wollten auf jeden Fall noch mindestens ein weiteres Kind.

Die Monate vergingen und wir verhüteten weiter. Wollten wir? Wollten wir nicht? Und im Geiste schrieb ich unsere persönliche Pro & Contra-Liste:

Pro zweites Kind:

  • Gemeinschaft: Zu viert am Abendbrot-Tisch sitzen, erzählen wie der Tag war… das war meine Traumvorstellung von Familie. Bei dreien fehlte mir jemand. Definitiv.
  • Meine Familie: Die Liebe zu meiner kleinen Schwester. Die schönen Erfahrungen, die ich mit meiner Schwester gemacht hatte, wollte ich meiner Tochter nicht vorenthalten. Auch mein Mann hat ein gutes Verhältnis zu seinen beiden Geschwistern.
  • Spielkameraden: Alleine spielen ist doof, vor allem im Urlaub. Bekannte fuhren deshalb mit ihrer Tochter immer nur in Familienhotels. Das war nun aber gar nicht unser Ding. Und auch sonst sollte mein Mädchen auch zu Hause nicht alleine sein.
  • Teilen lernen: Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ein Kind zu wenig für zwei Eltern war. Ständig drehte sich alles nur um unsere Tochter. Wäre es nicht besser, wenn sie lernen könnte, dass sie nicht immer im Mittelpunkt steht?
  • Zukunft: Wenn Eltern alt sind – und das werden wir ja irgendwann – brauchen sie oft mehr Zuwendung, Gespräche, vielleicht auch Pflege und Hilfe. Sollte das von nur einem Menschen, unserer Tochter, gestemmt werden? Was, wenn sie das gar nicht wollte?

Contra zweites Kind:

  • Der Stress. Wieder die Nächte durchmachen. Wieder so viel Baby-Geschrei. Die Sorgen und Mühen der Schwangerschaft und das Gefühl der Fremdbestimmtheit.
  • Der Platz: In einer Großstadt eine große Wohnung für Vier finden? Fast unmöglich. Wir traten uns jetzt schon ständig auf die Füße und unsere Tochter war noch so klein. Wie sollte das erst mit Schulkindern laufen?
  • Freunde: Für unsere Tochter hatten wir im zweiten Lebensjahr eine super Babysitterin gefunden. Und konnten uns abends wieder mit Freunden treffen. Das wäre dann erst einmal für lange Zeit nicht mehr machbar. Wollten wir darauf verzichten?
  • Geld: Würden wir auch mit zwei Kindern noch so leben können, wie wir es uns vorstellten? Wir waren beide fest angestellt. Aber man wusste ja nie.
  • Erziehung: Unsere Tochter war ein normales Kind, mit ordentlichen Trotzphasen und großem Kuschelbedarf. Was, wenn wir mit dem zweiten Kind nicht so gut zurecht kämen? Oder die schlimmste Vorstellung überhaupt, wir ungerecht wären?

Wie wir uns entschieden haben?

Wir ließen irgendwann einfach die Pille weg, um das Schicksal entscheiden zu lassen. Und es passierte… gar nichts! Ein Jahr lang schwankten wir mit dieser Pro & Contra-Liste im Gefühlschaos. Hatten wir die Entscheidung etwa gar nicht in der Hand? Sollte unsere Tochter ein Einzelkind bleiben? Konnten wir damit leben?

Kurzum: Sie blieb kein Einzelkind. Irgendwann hat es dann doch geklappt mit der Schwangerschaft. Und kaum war der kleine Bruder auf der Welt, war das Glück so riesengroß und perfekt, dass wir alle Contra vergaßen.