Kinder

Reflux-Babys: Wenn alles, was im Magen landet, Bauchweh und Spucken verursacht

Foto: Bigstock

Die Einführung der Beikost ist ja auch so eine Sache für sich. Während die einen Mamas und Papas es kaum erwarten können, ihren Babys das erste Mal „feste“ Nahrung zu geben, graute es mir davor.

Mein Sohn bekam schon kurz nach der Geburt im Krankenhaus starken Reflux diagnostiziert, so dass die Angst über seine Reaktion auf den Brei meine Freude über diesen nächsten Schritt in seiner Entwicklung überschattete.

„Koliken“ , „Bauchschmerzen“  und „Luft im Bauch“ sind die Stichwörter, die einem bei einem betroffenen Baby einfallen. Ich nenne mein Kind lieber temperamentvoll, um es nicht auf diese Diagnose zu reduzieren.

Von den Menschen ringsum hört man stetig, dass alle Babys Bauchweh haben und sich schon irgendwann an den Verdauungsmechanismus gewöhnen. „Bauchschmerzen? Im Ernst, es gibt Schlimmeres! Was sollen erst die Eltern sagen, deren Kinder ernsthaft krank oder sogar behindert sind,“ so die Kommentare von denen, derer Kinder die üblichen und normalen Schmerzen durchleben.

Sie haben allerdings im Gegensatz zu uns wegen der Bauchprobleme keinen Krankenhausaufenthalt hinter sich. Sie müssen auch keine laktosefreie Kost geben, die die Einführung der Beikost im gesamten Verlauf bis hin zum Flaschenersatz zusätzlich erschwert. Und sie nicht nicht täglich angewiesen auf Kümmelzäpfchen, Pups-Globuli, Bäuchlein-Öl-Massagen und Sab-Tropfen.

Mal ganz abgesehen davon ist es absolut nicht „Unerwachsen“ oder bloßes „Rumgejammere“, wenn ich erzähle, dass mein Kind permanent schreit, weil es ihm schlecht geht und er sich hilflos fühlt. Von wegen harmlose Bauchschmerzen!

Sein Bauch ist eine Sperrzone – nicht nur für mich, sondern auch für die Ärzte, deren Sorge um seinen ständigen Kampf mit der geblähten und aufstoßenden Kugel unserer gleicht.

Wir haben also mit Lennys Laktoseunverträglichkeit zu kämpfen, ebenso wie mit dem total (im wahrsten Sinne des Wortes) überflüssig ausgeprägten Reflux, der rund alle zwei Stunden dafür sorgt, dass unser Sohn neue Klamotten braucht. Im Gegensatz dazu ziehen sich mein Mann und ich nicht groß um, sondern halten uns für weitere Spuckattacken bereit. Der eingetrocknete Auswurf unterstützt ohnehin nur den neu an uns herangetragenen (im übrigen auch teuren) Duft von Lennys Retouré 😉 .

Trotz dieser Schwierigkeiten haben wir also damit begonnen, eine Flasche pro Tag gegen eine feste Breimahlzeit zu ersetzen. Da Brei schwerer ist als die angedickte Milch hofften wir, damit den Reflux zu überlisten. Vielleicht würde der Birnen- oder Pastinake-Brei auch die Verdauung anregen und unserem Sohn richtig gut schmecken.

Als wir unser planvolles Vorhaben in die Tat umsetzten, machte uns jedoch wieder einmal unser sensibler Lenny einen Strich durch die Rechnung.

Der Kürbis setzte seine persönliche Schmerzskala im Verdauungsprozess um gefühlt noch einmal zehn Punkte höher; die nun (durch weniger Milchmahlzeiten) notwendige Flüssigkeitszufuhr durch Tee oder stark verdünnte Säfte für Babys nach dem 4. Lebensmonat sprengte die Leistungsfähigkeit seines Refluxes.  Außerdem war seine die Sehnsucht nach seiner über alles geliebten Flasche kaum aufzuholen – schließlich war sein Magen auch irgendwann mal voll.

Dazu muss ich sagen, dass wir zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal bei dem vollständigen Ersatz auch nur einer kompletten Flasche angekommen waren. Wir stoppten die Einführung von Kürbis-Brei nach vier Tagen, weil Lenny zu starke Schmerzen hatte. (Nach telefonischer Rücksprache mit einer Ernährungsberaterin aus der Charité in Berlin sollten wir genau mit diesem Brei anfangen). Anschließend erfolgte eine zweiwöchige Pause. Vor zehn Tagen begannen wir mit weißer Karotte, Pastinake und Möhre und sind seitdem auf einem guten Weg.

Die Versuche des zusätzlichen Trinkersatzes enden immer ähnlich wie auf einer Fahrt in einer Wasserbahn: Je schneller Lenny trank, desto mehr Flüssigkeit spuckte Lenny wieder aus.

Das ganze auch noch laktosefrei zu gestalten, erfordert von uns Eltern fast noch eine zusätzliche Ebene der Qualifikation. Man fühlt sich als würde man eine Ausbildung im Bereich Kinderernährung mit Schwerpunkt Verdauungsproblematik absolvieren.

Das Ergebnis meiner Bemühungen mit Flasche und Brei? Wenn ich Lenny fertig habe zum Schlafengehen, muss ich ihm meistens kurz vorher noch mal die Windeln und Kleidung wechseln. Die Luft im Bauch hat sich ihren Weg gesucht, die feste Nahrung katapultiert sich wieder zurück an die Luft.

Ich weiß, dass es für Außenstehende, die nicht in dieser Situation sind, schwierig ist, das alles nachzuempfinden. Ich kann auch nur darauf hoffen, dass es bald besser wir.

Worum ich bitte? Mehr Verständnis für unsere Situation. Wir sind keine Jammerlappen oder Helikopter-Eltern. Wir haben ein temperamentvolles Kind.“