Leben

Alleinerziehend: Warum ich den Vater meines Kindes (nicht) hassen will

unsplash / Seth Hays

„Hass ist krass. Liebe ist krasser!“ Dieses Lebensmotto der Künstlerin barbara. könnte auch das der Single-Mama aus unserer „Echte Mamas“-Community sein, die uns an ihrer Gefühlswelt bezüglich des Vaters ihrer Tochter teilhaben ließ:

Neulich habe ich den Artikel einer amerikanischen Mama-Bloggerin gelesen, die darüber schrieb, warum sie den Vater ihrer Tochter hassen darf.

Die Bloggerin nennt sich „The blind lady“ und ist alleinerziehende Mutter einer dreijährigen Tochter. Sie erklärte, dass sie ihre Tochter ja liebe, aber….

Und dann folgte eine ziemlich lange Hasstirade auf den abwesender Vater ihrer kleinen Maus. Der, mit Verlaub gesagt, ein echter Scheiß-Kerl zu sein scheint. Die Mutter erklärte, dass sie ihn hasst, weil er frei ist und keinen Kinderwagen schieben muss.

Weil er nicht in der Nacht aufgeweckt wird, weil das Kind mal ganz dringend aufs Klo muss oder einen Albtraum hatte. Weil er einfach so shoppen gehen kann, ohne sein Kind irgendwie mit Müh‘ und Not in der Umkleide beschäftigen zu müssen, nur um mal eine Hose anzuprobieren. Weil er sein Essen warm essen kann und weil er es essen kann, ohne dass sein Teller von seinem Kind geplündert wird. Weil er immer und überall hingehen kann, ohne vorher eine riesige Wickeltasche zu packen und zu überlegen, ob die Unternehmung kindgerecht ist. Weil er, an den wenigen Tagen, die er auf die gemeinsame Tochter aufpasst, mit ihr angibt, obwohl alles an ihrem Verhalten, ihrem Wesen, der Verdienst der Mutter ist, die sie ja schließlich alleine großzieht.

Natürlich sind das Gedanken, die verständlich sind. Jede Alleinerziehende – mich inbegriffen – kennt solche Situationen und fühlt sich manchmal ungerecht behandelt, vom Leben, Schicksal oder dem Universum. Dann fragt man sich, warum es eigentlich sein kann, dass das Leben des Erzeugers so weitergeht, als gäbe es kein Kind, während man sich selbst jeden Tag den Hintern aufreißt und trotzdem das Gefühl hat, dass man nicht gut genug ist.

Vielleicht sind das Gründe, den Vater meines Kindes zu hassen. Und ja, vielleicht hatte ich auch mal eine Phase, in der ich das tatsächlich tat. Vielleicht ist diese Phase wichtig, um sich abzulösen vom Ex und von den Gedanken an die „heile Familie“. Trotzdem sollte man diese Phase eines Tages überwinden. Zu viel Hass lähmt, blockiert und hindert einen daran, das Leben zu genießen. Dem Hass-Objekt ist es ohnehin meistens egal, dass es gehasst wird.

Ich gebe zu: An schlechten Tagen, da überfällt sie mich immer noch manchmal, die Wut auf den Vater meines Kindes. Der sich nicht kümmert und dessen Leben so weiterlief, als würden ich und unser gemeinsames Kind nicht existieren. Besonders, wenn wir den ganzen Tag zu jedem Termin mindestens zehn Minuten zu spät sind, weil ich ja immer alles alleine machen muss. Oder wenn ich krank bin und weder Babysitter noch Freunde morgens um sieben spontan Zeit haben, vorbeizukommen, die Morgen-Routine mit/für die Tochter zu erledigen und sie in die KiTa zu bringen.

Aber der Groll verfliegt schnell, und wirklicher Hass kommt kaum mehr auf. Schließlich bin ich an 99 Prozent der Tage zufrieden, zufrieden mit dem Stress, zufrieden mit der Tatsache, dass es kaum einen Abend gibt, an dem ich nicht hundemüde ins Bett falle.

Und zufrieden, dass der Vater meiner Tochter mir dieses Leben beschert hat. Ohne ihn wäre ich immer noch nicht erwachsen. Ohne ihn würde dieses wundervollste aller Wesen nicht existieren. Ich könnte es mir nicht mehr anders vorstellen und das will ich auch nicht, im Gegensatz zu „The blind lady“, die sich wünscht, einfach nur eine „normale“ Frau ohne Sorgen zu sein.

Darum hasse ich den Vater meines Kindes nicht. Er ist schließlich der Grund dafür, dass ich diese Art von Liebe erfahren darf, in der man vollkommen aufgeht. Dass ich das größte Glücksgefühl kennenlernen durfte, nämlich das, das mich durchströmt, wenn mein Kind seine kleine Hand in meine große Hand schiebt und neben mir durch die Pfützen hüpft.

Dadurch, dass er uns verlassen hat und sich nicht um sein Kind kümmert, bin ich über mich hinausgewachsen. Nur durch diese Tatsache habe ich erfahren, wie viel weiter ich gehen kann, obwohl ich dachte, ich komme keinen Schritt mehr. Dadurch weiß ich, wie stark ich sein kann.

Nur weil er nicht hier ist, sind meine Tochter und ich das beste Team der Welt. Wir haben eine Bindung, bei der Mütter mit Partner an ihrer Seite nicht mithalten können. Wir sind Ketchup-Pommes, Tee-Honig, Fenster-Rahmen, Tommy-Annika, Schmetter-Ling, die Gilmore-Girls. Uns wird niemand jemals trennen, nicht mal das Leben oder die Pubertät, da bin ich mir ganz sicher.

Ich kann alle Entscheidungen alleine oder – falls möglich – in Absprache mit meiner Tochter treffen, muss mich mit niemandem um Erziehungsmethoden oder Haushaltsführung streite, niemandem Rechenschaft ablegen, wie viel ich wann geschafft (oder eben auch nicht geschafft) habe. Meine ganze Energie kann in mein Kind und unser Leben fließen.

Nur weil der Vater meines Kindes abwesend ist, bekomme ich 100 Prozent der Umarmungen und Küsse. Ich bin diejenige, die seine Hand hielt, als es die ersten Schritte machte, die die erste Locke ins Poesiealbum klebte, die am Abend des ersten KiTa-Tags voll Stolz und Schmerz heulte, die Ansprechpartnerin bei Sorgen und Ängsten, die, die weiß, welche Socken es gerade am liebsten anziehen mag und welches die aktuelle Lieblingsfarbe ist.

Der Vater meines Kindes kennt das alles nicht und weiß davon nichts. Also hat er meinen Hass nicht verdient. Wenn überhaupt, bekommt er von mir Mitleid, weil er all diese wundervollen Dinge versäumt und gar nicht weiß, welches Glück er verpasst.

Umso mehr hoffe ich inständig für „The blind lady“, dass auch sie ihre Phase des Hasses inzwischen überwunden hat.