Leben

„Social Media-Pause? So lange habe ich es ausgehalten.“

„Die selbstauferlegte Social Media-Pause –  ja, die ist schneller vorbei als geplant. Also sechs Tage eher, als ich mir vorgenommen habe. 14 Tage sollte sie insgesamt dauern.

Ich weiß nicht, ob ich das unter „Scheitern“ verbuchen würde. Kann ich wirklich nicht 14 Tage ohne soziale Medien wie Facebook und Instagram leben?

Ich habe dennoch viel aus meinem Versuch gelernt, zwei Dinge besonders:

A) Ich bin absolut uninformiert ohne Facebook und müsste mir eine ganz neue Informationsstrategie überlegen und B) Social Media klaut mir wahnsinnig viel Zeit, die man woanders effektiver einsetzen könnte.

Ich gucke tatsächlich fortwährend fix zu Facebook oder Instagram rüber, wenn ich am Computer arbeite. Mit „fortwährend“ meine ich „jede Stunde ein Mal“. Warum? Was soll sich in der kurze Zeit so Weltbewegendes getan haben? Nichts. Oder doch?

Ich hatte mal ein Gespräch mit der Mutter einer Freundin, einer absolut überzeugten Facebook-Gegnerin. Ihre Kritik klang in ungefähr so: Schlimme Selbstdarstellung, Grenzüberschreitungen der Privatsphäre und einem RTL2 angemessenen Interesse am Leben anderer Menschen.

Tatsächlich habe ich Facebook nie so betrachtet. Für mich ist Facebook tatsächlich ein sehr gut abgestimmtes Informations-Tool. Überbewerte ich damit die Qualitäten von Facebook nicht ein wenig? Doch! Ein Leben ohne Facebook funktioniert auch gut, man muss sich nur erstmal wieder reinfuchsen.

Ich bündele auf meiner Facebook-Startseite alle Interessen, die ich habe, und bin somit (so schrecklich es klingen mag) so gut informiert wie nie zuvor. Ich bekomme nicht nur die aktuellen News von den Nachrichtenseiten, denen ich folge, sondern dadurch auch noch kontroverse Meinungen und Darstellungen zum selben Thema.

Ich weiß immer, welche kulturellen Events anstehen und was für Projekte meine Freunde gerade haben. Ich bekomme Informationen über Ausstellungen, Lesungen, Kinderfeste, Theater- und  Zirkusaufführungen. Ebenso erfahre ich, ob Freunde von mir, die im Tierschutz aktiv sind, gerade Geld sammeln oder ob jemand einen Bus für den Umzug braucht. Letzteren haben und verleihen wir gerne.

Ob gerade jemand heiratet, in Spanien am Strand liegt oder einen „Minions“-Film sieht, interessiert mich überhaupt nicht, aber das kann ich ja rausfiltern. Was andere Mütterblogs gerade beschäftigt, interessiert mich schon – ebenso, wenn jemand aus meinem Freundeskreis auswandert, ein Unternehmen gründet oder beschließt, müllfrei zu leben.

Ist Facebook verwerflich? Ich denke, es kommt eher darauf an, wie wir es nutzen.

Meine Social-Media-Pause hat mich tatsächlich überrascht. Was ich stattdessen gemacht habe? Ich habe zum Beispiel nicht ein Mal im Beisein der Kinder auf mein Handy gesehen und es bewusst hin und wieder ganz Zuhause gelassen. Im Schwimmbad zum Beispiel. Die ersten paar Male, als ich meine zwei planschenden Kinder vor mir sah, dachte ich noch: Was für ein schönes Bild für Instagram!

Seltsam. Woher habe ich das Bedürfnis, diesen Moment mit Fremden zu teilen? Will ich ihnen etwas beweisen – oder mir selbst? Zeige ich etwas nicht authentisch Schönes im Leben mit zwei Kindern oder gebe ich den Anreiz, das Leben schöner zu machen? Wie viel Einfluss habe ich, und wie viel Druck kann ich ausüben? Seht, wie schön wir es immer haben! Kein Streit. Keine Unordnung. Nie gestresst. Haha.

Oder zeige ich unbewusst etwas ganz anderes: Das Leben ist schön. Wir müssen es nur sehen wollen. Wir müssen bereit sein. Wir müssen all die Dinge festhalten, die schön sind, damit sie uns über die weniger schönen hinweg tragen können. Vielleicht mache ich die Bilder und den Blog gar nicht für andere, sondern für mich? Muss ich mir nicht auch manchmal vor Augen führen, wie gut es mir geht? Wie schön alles ist?

Die Streitereien in der Familie, die Wutanfälle, die ganze Wäsche, der ständig dreckige Hund: Ist es das wert, sich darüber zu ärgern oder aufzuregen? Kann ich mir nicht immer wieder die schönen Dinge vor Augen halten. Und anderen vielleicht auch?

Was ich übrigens in meiner Social-Media-Pause auch noch geschafft habe: Ich bin viel öfter zum Sport gegangen. Ich habe zwei Bücher in sechs Tagen gelesen, weil ich abends nicht mehr aufs Handy geguckt habe. Ob das wirklich an einem Zeitgewinn durch meine Social-Media-Abstinenz lag oder an anderen Prioritäten, weiß ich nicht. Vielleicht wollte ich einfach nur dran glauben.

Foto: miriamboettner.com

Miriam Boettner ist Fotografin, Bloggerin und Autorin. Die Hamburgerin hat zwei Kinder, Emil und Ida. Mehr von ihr kannst du auf ihren Blogs „Emil und Ida“ und „Kleine Landstreicher“ lesen.