Kinder

Die Baby-Diktatur

© Unsplash / Tom Bish

„Wie kommt man dazu, einem wenige Tage alten Säugling mit Kajalstift ein wohl bekanntes Oberlippenbärtchen ins Gesicht zu malen?
Das ist eine berechtigte Frage, die ich ganz einfach beantworten kann:

Ich fand das angemessen, um den ersten Diktator in meinem Leben zu begrüßen.

Wer hätte gedacht, dass ein 3420 Gramm schweres Bündel eine solche Macht besitzt und ein komplettes Leben, in dem Fall meines, einfach so umkrempeln und von Grund auf diktieren kann? Ehrlich gesagt, war ich auf diesen wortwörtlichen Feldzug nicht vorbereitet. Und das ist noch weitaus untertrieben.

Die ersten drei Jahre mit Kind bildeten die größte Herausforderung meines Lebens.

Wie drastisch die Veränderung sein würde, lag bis zu jenem Zeitpunkt außerhalb meiner Vorstellungskraft. Da mein Umfeld über das Kinderkriegen nur aus der rosaroten Brillenperspektive berichtete, konnte ich mich auch nicht angemessen auf jene Phase vorbereiten. Diese kam mir in Anbetracht der beherzten Mütter auf den Spielplätzen durchaus machbar vor. Dort ergaben sich viele aufbauende Gespräche, die meine Bedenken gänzlich wegwischten.

Zu Beginn würden viele an ihren Mutterqualitäten zweifeln, so sagte man mir. Doch das würden die Hormone alles regeln.

Spätestens wenn ich mein Kind das erste Mal im Arm hielte, würde ich eine neue Dimension des Lebens entdecken und alle Schmerzen seien im Nu vergessen. Ich würde meinen liebesdurchtränkten Blick auf die Frucht meines Leibes richten – mit der Gewissheit, für dieses Etwas bereitwillig alles zu geben… So in der Art klang das, was ich von den erfahrenen Müttern über den schönsten Tag ihres Lebens zu hören bekam.

Naiv wie ich war, habe ich das alles vorbehaltlos geglaubt.

Zu meiner großen Überraschung sah die Realität jedoch völlig anders aus.
Endlich war der Moment gekommen, von dem mir alle so vorgeschwärmt hatten: Nach sage und schreibe 60 Stunden Wehen hielt ich ein verschrumpeltes Ding mit deformiertem Schädel im Arm, das mir von der stolzen Krankenschwester als mein Kind präsentiert wurde.

Ich wollte mich am liebsten umdrehen und schlafen. Am besten tausend Jahre. Aber die Option hatte ich nicht.

Also tat ich wie geheißen und nahm das Baby in den Arm. Keine Gefühle, nichts.

Mein Kopf fühlte sich an, als ob ihn jemand mit dem Stabmixer einmal durchpüriert hätte. Ich schickte ein Stoßgebet zu den Neonröhren an der Decke: Einfach nur Wegbeamen, bitte!

Erhört wurde ich nicht, ganz im Gegenteil: Erwartungsvoll richteten sich die Augen auf mich. Auch die Ärzte hatten sich vor meinem Bett versammelt – offenbar froh, diese Marathongeburt hinter sich gebracht zu haben. Ich kann mit Druck nicht umgehen. Also kam ich der stummen Aufforderung nach, etwas zu sagen. Ich bin keine gute Lügnerin. Und dieses Baby war – entgegen den Schwärmereien der Spielplatzmütter – überhaupt kein bißchen niedlich.

Daher hatte meine erste Frage, die ich an die Schwester richtete, einen verzweifelten Unterton: „Bleibt der so?“
Sie betrachtete den zerbeulten Kopf des Kindes und erklärte mir fachkundig, dass dies von meinem schmalen Becken herrühre und sich mit der Zeit wieder normalisiere. Ihrem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass sie etwas anderes erwartet hatte. Vielleicht Freudentränen oder einen Ausruf des Entzückens. Die Ärzte hatten sich bereits wortlos verabschiedet.

Ich war ein emotionaler Eisklotz. Wo waren bloß die verdammten Hormone?! Sie ließen mich eiskalt im Stich.

Na wartet, ihr braucht später nicht angekrochen kommen, dann will ich euch auch nicht mehr, fluchte ich innerlich.

Schnell war klar, dass dieser Tag im Ranking meiner wundervollsten Erlebnisse keinen Platz finden würde.

Die Schwester setzte der Szenerie die Krone auf, indem sie mir das Kind an die Brust legte. Als das Baby gierig andockte, schwante meinem dämmrigen Geist, dass da noch etwas Gewaltiges auf mich zukommen würde. Ich sollte für die nächsten Jahre der Mittelpunkt im Leben dieses Menschenkindes sein. Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, übermannte mich der Schlaf.

Als ich erwachte, fand ich mich in einer völlig neuen Realität wieder.

Einer Realität, in der sich alles – vom Essen über den Toilettengang bis hin zur Dusche – nach Mini-Me richtete. Was das betrifft, muss ich sagen: er führte eine recht ordentliche Diktatur.

Die Erfüllung seiner Bedürfnisse stand an erster Stelle. Dafür hatte das Personal stets zu sorgen. Wenn ich als Angestellte im echten Leben gegen solche Arbeitsbedingungen geklagt hätte – ich wäre hoch entschädigt worden.

Denn meine Schicht ging 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr. Das Wort Urlaub kannte ich zwar aus meinem früheren Leben, doch es schrumpfte im straffen Kontext des neuen Alltags zu einer vagen Erinnerung zusammen. Eine ordentliche Arbeitsuniform (sprich Kleidung, die nicht mit dem Geruch von Babykotze imprägniert war) hatte ich bald nicht mehr.

Zudem litt ich permanent unter Schlafmangel, da ich des Nachts im Zweistundentakt zu parieren hatte. Wenn ich streikte, wurde ich derart zusammen gebrüllt, dass mir Hören und Sehen verging.

Das Kinderzimmer glich einem Kasernenhof. Punkt halb sechs Uhr morgens stellte ich mich zum Appell vor dem Bettchen auf, um den nächsten Befehl entgegenzunehmen. Was dieser genau beinhaltete, war in den ersten Monaten nicht immer leicht zu identifizieren. Oftmals vergingen Stunden, bis ich dahinterkam, wie sich die üble Laune des Babys mildern ließ.

Meist wollte es getragen werden, um sein Reich zu überblicken. Nach einer ausgiebigen Mahlzeit thronte es zufrieden und dick wie ein Buddha in der Trage auf meinem Rücken. In diesen Momenten der trügerischen Harmonie war es mir sogar genehmigt, mich den anfallenden Haushaltspflichten zu widmen. Die hatten sich seit der Geburt des Kindes zu einem wahren Teufelkreis aus Wäsche und Abwasch entwickelt. Mit dem satten Diktator auf dem Rücken spurtete ich vom Waschraum im Keller drei Stockwerke nach oben, um in der Wohnung den Abwasch zu erledigen. Das flotte Gehopse über die Treppenstufen sorgte dafür, dass Mini-Me aufstoßen konnte. Ungeniert röhrte er von Hinterrücks an mein Ohr, während ich penibel die Agenda befolgte.

Ein Abweichen der Routine würde mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechte Laune nach sich ziehen und das wollte ich tunlichst vermeiden.

So war ich immer auf Trab und stets am Limit: Ich schob den mit Einkäufen bepackten Kinderwagen bei jedem Wetter über Stock und Stein. Auch der Fahrradanhänger kam bald zum Einsatz, wodurch Mini-Me seine Vorliebe für hohe Geschwindigkeiten entdeckte.

Wie der Teufel trat ich in die Pedale. Wenn ich nachließ, gab mir das Kind energisch zu verstehen, dass ich „nella“ fahren solle. Der umfangreiche Trainingsplan bewirkte, dass ich stählerne Muskeln aufbaute. Ich war zäh wie Leder.

Auch auf mein Wesen färbten die geänderten Lebensumstände ab. Ich konnte vom Gemüt einer lieblichen Margerite in der Sommerbrise schlagartig zum unerbittlichen Kampfmodus wechseln. Das war sehr nützlich, insbesondere dann, wenn es die Ressourcen des Kindes (Unterhalt) gegenüber dem Vater zu verteidigen galt.

Ich war so gut gedrillt, dass ich für Mini-Me alles gab. Leib und Leben für das Vaterland – ich hätte mich im Ernstfall selbstlos geofpert.

So stark waren die Bande, die das Baby mit seinen wasserblauen Äuglein knüpfen konnte. In Kombination mit den dicken roten Pausbäckchen war eine gewisse Niedlichkeit nicht länger zu leugnen.

Die angekrochenen Hormone taten das Übrige: ich war Muttertier durch und durch.

Manchmal machte mir das etwas Angst. Da waren so starke Gefühle, von deren Existenz ich bis dato nichts geahnt hatte. Doch Mini-Me ließ mir keine Zeit zu zweifeln und navigierte mich zuverlässig durch das Auge des Tornados.“

Dieser extrem ehrliche und witzige Text (der euch bestimmt mehrmals zum Lachen gebracht hat) stammt vom Blog „Muttersprach.de“.

Wir danken Conni herzlich dafür, dass wir ihn hier veröffentlichen dürfen. Klickt euch doch mal auf „Muttersprach“ durch. Es gibt dort noch viele weitere tolle Artikel zu entdecken!