Leben

„Heute bin ich die genervteste Mutter der Welt!“

@miriamboettner.com

Es ist ein schleichender Prozess. Man weiß nicht genau, wo es angefangen hat.

Wahrscheinlich heute morgen im Bett. Wahrscheinlich, weil ich zehn Minuten zu früh geweckt wurde. Oder eine Stunde zu lange wach war am Vorabend. Vielleicht, weil der Schlaf tiefer war als sonst, oder besser, oder schlechter. Auf jeden Fall ging es damit los. Mit Emil und Ida, die immer sofort so widerwärtig wach sind, an meiner Decke zerren, darunter herumkraxeln und Dinge fordern wie „Kann ich ein Wasser?“ oder „Kannst du bitte Seeräuber Moses weiterlesen?“

Ich kann es nicht. Ich kann schlafen. Ich möchte schlafen. Ich mag schlafen.

Ich mache mir einen Kaffee und bin ungeduldig und irgendetwas stimmt nicht. Ida sagt, heute solle ich aber die ganze Zeit mit im Kindergarten bleiben. Natürlich tue ich das. Es ist erst ihr zweiter Tag in der Eingewöhnung. Aber ich muss unbedingt etwas zur Post bringen. Und eine Überweisung machen, sonst bekommen wir den Bus nicht. Den, den wir seit sechs Monaten gesucht haben, um damit durch Deutschland zu fahren. Zwischen arbeiten, arbeiten, arbeiten und allem anderen. Eigentlich nur arbeiten. Und Haushalt. Und Lesungen. Und Sozialleben. Und Pauls Habilitation.

Immer stossen die Kinder alles um. Warum können sie nicht still neben mir im Bett liegen und sich Bücher ansehen? Ich soll vorlesen. Ida hört nicht zu. Sie blättert ständig weiter. Emil wird wütend. Ich verschütte meinen Kaffee im Streit. Die Bettdecke ist nass.

Der Prozess nimmt seinen Lauf. Ganz dünnes Eis. In mir ist etwas zerbrochen und ständig sickert böse Flüssigkeit hindurch. Bis in mein Gehirn. Und in meinen Bauch, dort äußert sie sich als Wut. Ich weiß nicht, woher sie kommt. Ich platze vor Ungeduld. Ich mag den Tag nicht, dabei hat er gerade erst angefangen.

Ich traue mich nicht mehr, meine Emails zu lesen. Seit vier Tagen habe ich kaum gearbeitet. Ich weiß, dass sie da irgendwo lauern, diese Mails, in denen Wörter wie „Abgabetermin“ drin vorkommen. Oder Fragen, all diese Fragen. Wo sind unsere Bilder? Wann kann ich mit den Bildern rechnen? Ich kann mit Kritik nicht so gut umgehen, aber schon gar nicht mit berechtigter. Dann schäme ich mich. Ja, hier sind sie, die ganzen Bilder. Unbearbeitet, alle nur halb fertig. Nichts habe ich geschafft. Zwei Kinder, Besuch aus Kanada, ständig aufräumen, aufräumen, aufräumen. Wie ich das langsam hasse.

Nicht mein Tag heute.

Während der ersten Woche Eingewöhnung gehen Emil und Ida erst um zehn in den Kindergarten. Ich räume auf. Frühstück raus, Frühstück wieder rein, Geschirrspüler aus, wieder ein. Unter meinen nackten Füßen sammeln sich Krümel und Katzenfutter. Ich räume in einem Zimmer auf und steige dann über das Chaos im Flur. Am liebsten würde ich alles nehmen, was ich tragen kann, und es noch dazu schmeißen. Aus Wut. Und Frustration. Nie nimmt das ein Ende. Wie machen andere Familien das denn? Wieso sitzen die zwischendurch im Garten herum, trinken Kaffee und starren in den Himmel? Ich räume Wäschehaufen zusammen. Und finde Kinderzahnbürsten, die hinters Klo gefallen sind. Und wir haben eine Waschküche, juhu, die liebe ich. Aber da stehen Körbe voller Wäsche. Das Bügeleisen ist kaputt. Ich müsste ein neues kaufen, weiß aber nicht wann. Ich bügele so gut wie gar nichts. Aber innerhalb von Wochen sammelt sich dann doch ein ganzer Korb.

Ich habe nichts mehr anzuziehen und wühle mich durch die Wäscheberge. Ich mag diesen verdammten doofen Tag nicht.

Ida fährt mit dem Laufrad durch die Wohnung. Der ganze Flur liegt voller Holz. Riesige Holzlatten. Weil wir die Terrasse erweitern wollten. Aber dann hat jemand gesehen, wie wir das ganze Holz hineingeschleppt haben, und angemerkt, dass wir selbstverständlich NICHT bauen können ohne einen Antrag gestellt zu haben. An die Hausverwaltung. Die leitet es weiter an die Wohneigentümer Gemeinschaft. Das kann Wochen dauern. So lange liegt das Holz hier.

Ich hasse das Holz.

Emil schreit wegen irgendetwas total rum. Ich bin die ganze Zeit zwischen Heulen und Wut hin- und hergerissen. Erst mal mache ich gar nichts. Eigentlich dachte ich, Paul würde vor zehn Uhr vom Nachtdienst zurück sein. Ist er aber nicht. Er wollte Brot mitbringen. Aber gut, wer braucht schon Brot? Die Küche ist auf Grund des Chaos ja ohnehin schwer zu erreichen.

Emil schreit, er könne auch alleine in den Kindergarten gehen. Er wisse den Weg! Er knallt die Wohnungstür und die Haustür. Wie reagiere ich bloß, wenn er das jetzt wirklich macht? Im Kindergarten laut herumschreien? Heulen? Ihn packen? Als Ida und ich raus gehen steht er zum Glück noch auf dem Gehweg.

Im Vorgarten liegt so viel Zeug herum, denke ich beim Vorbeigehen. Der könnte so schön sein. Aber wann soll ich das machen? Wann machen andere Menschen das? Jetzt ist er bepflanzt und überall stehen noch die Kisten und Kästen mit dem herausgerupften Unkraut. Und den blöden Zigarettenschachteln, die jeder Hans und Franz in unseren Garten wirft. Brauche ich einen ordentlichen Vorgarten? Das klingt ja schon so dermaßen spießig, dass ich das nicht will. Da wächst ja eh alles durcheinander. Aber Müll soll trotzdem nicht dazwischen stehen.

Ich muss nicht bei der Eingewöhnung bleiben. Ida will, dass ich gehe. Ich fahre zur Post, zur Bank, zum Einkaufen. Zuhause falle ich über herumliegende Schuhe. Ich sitze kurz auf dem Fußboden und verzweifle. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Also doch die Mails lesen. Augen zu und durch.

Um eins hole ich Ida ab. Emil sagt, er wolle auch mit. Hundert Mal sage ich: Ich hole dich in einer Stunde. Emil heult. Und bockt. Ich bin so kurz vorm Heulen. Ich würde mich so gerne einsperren. Ganz allein sein. Unter einer Decke. Wann war ich eigentlich das letzte Mal so richtig mit mir allein? Nur mit mir. Ohne Haushalt. Ohne Waschmaschine und Geschirrspüler, ohne Staubsauger und ausgekippte Lego Kisten, ohne Job, ohne diese andauernde Lärmkulisse der parallel sprechenden Kinder? Ich erinnere mich nicht.

Ich besuche eine meiner liebsten Freundinnen. Das erste Mal, seitdem sie ihr Baby hat. Seit mehr als zwei Wochen. Und sie wohnt nur ein paar Straßen weiter. Ich habe es vorher nicht geschafft. Wenn ich ganz ehrlich bin, schaffe ich es heute auch nicht. Emil und Ida wühlen über die Sofas. Ich würde mich so gerne freuen. Und ihr zuhören. Und das entzückende kleine Wesen ansehen. Aber ich höre nur die kleinen Stimmen meiner Kinder und vor allem meine, die ständig sagt: „Jetzt hört doch mal auf, hier rumzuwühlen!“ Ich finde mich selbst gerade so unsagbar ätzend, dass es die Situation noch um ein Vielfaches potenziert.

Wir fahren mit dem Rad zurück, ich bin unglaublich genervt, dass Emil sich nicht an den Weg erinnert, dabei ist das unsagbar anmassend, aber ich will heute nicht fair sein. Und nicht nett. Ich bin einfach nicht nett. Sondern wütend. Und ich weiß nicht, warum.

Zuhause schicke ich sie weg. Ich will allein sein. Ich will dasitzen und das Chaos ansehen. Und mich schlecht fühlen für all die unbeantworteten Mails. Und dass ich Aufträge seit (Achtung!) Weihnachten noch nicht fertig habe. Keine wichtigen. Aber Dinge, die ich mal zugesagt habe. Vor Monaten.

Wir fahren zurück zum Kindergarten um Emils Freund Leo abzuholen, mit dem er den Forscherkurs zusammen macht. Ida schläft im Auto ein. Ganz toll, ganz super toll, und jetzt? Ich lasse sie im Auto. Parke, wer weiß wo. Wir sind eine halbe Stunde zu früh. Die Jungs kann ich nicht allein lassen, aber Ida ist jetzt allein. Ich bin wie auf Kohlen. Das andauernde Rumgerenne der Jungs nervt mich tierisch. Ich lasse sie fünf Minuten alleine und renne zurück zum Auto. Ida ist wach. Ich schäme mich noch mehr.

Zuhause merke ich, was ich alles vergessen habe einzukaufen. Ich sitze in der Küche auf dem Boden und schiebe Krümel hin und her.

Ich lasse die Kinder Zuhause und fahre zum nächsten Supermarkt. Es ist tierisch voll. Ich bin schon wieder furchtbar ungeduldig. Ich verspüre den unglaublichen Drang, die Menschen vor mir zu schubsen. Als ich nach Hause komme, sitzen die Kinder immer noch brav vor ihren Broten.

Ich bin so müde und genervt. Und ich finde den Anfang des Prozesses nicht. Ich finde den Auslöser nicht. Ich räume auf und schicke die Kinder ins Bett. Emil schreit und wütet. Das würde ich auch gerne. Ich steige über das Holz im Flur und werfe herumliegende Kleidungsstücke auf den Boden in die Waschküche.

Jetzt ist eigentlich Feierabend.

Fühlt sich gerade gar nicht so an.

Aber zum Glück weiß ich, dass neue Tage sich wieder ganz anders anfühlen können. Darauf hoffe ich.

Miriam Burdelski ist Fotografin, Bloggerin und Autorin. Sie hat zwei Kinder, Emil und Ida. Und einen Mann: Paul. Mehr tolle Geschichten findest du auf ihrem Blog „Emil und Ida“. Wenn sie nicht in ihrer Heimatstadt Hamburg ist, ist sie mit ihren Kindern auf Abenteuerreise durch Deutschland: „Kleine Landstreicher“