Leben

Wie eine afrikanische Mutter und ihr Kind die Nacht verbringen – und es ist ganz anders als bei uns!

@unplash, Foto by Lenny Miles

JC Niala, eine afro-britische Autorin und Osteopathin, wuchs in Kenia, an der Elfenbeinküste und in Großbritannien auf. 

Als Niala selbst ihr erstes Kind erwartete, beschloss sie, nach 18 Jahren in England wieder nach Afrika zurückzukehren, um ihrem Kind die Erfahrungen zu ermöglichen, die sie selbst geprägt haben. Auf Evolutionary Parenting beschreibt sie, was das für sie und ihr Baby bedeutete:

Aus ihrer Kindheit in Afrika kannte sie das Erziehungsmodell der Interdependenz, bei dem Mutter und Kind Tag und Nacht stets zusammen sind.

Der Unterschied zum westlichen Konzept der Unabhängigkeit wurde Niala schnell bewusst, als sie im Haus ihrer Mutter in Kenia einzog: „Was durch seine Abwesenheit auffiel war das Fehlen eines eigenen Zimmers für das in Kürze erwartete Baby, es gab nicht einmal ein Bettchen. In der traditionellen afrikanischen Erziehung wird erwartet, dass ich in der ersten Zeit 24 Stunden am Tag mit dem Baby zusammen bin, was unwillkürlich die Nächte mit einschließt.“

Während in Deutschland beim Thema Familienbett oft Fragen nach der Sicherheit des Babys aufkommen und häufig ein eigenes Bett vorgezogen wird, handhaben es afrikanische Mütter genau anders herum: „In Kenia gilt es im Gegenteil als gefährlich, sein Kind allein in einem eigenen Zimmer schlafen zu lassen. Wie kann da die Mutter schnell genug reagieren, wenn das Baby sie braucht? Und was ist mit dem Stillen?“

Also behielt Niala ihre Tochter rund um die Uhr bei sich, wie es der Brauch war. Diese Zeit der nächtlichen Nähe empfand Niala als äußerst vorteilhaft: „Meine Tochter schlief neben mir und ich entdeckte eine ganz neue Welt, von der ich nicht wusste, dass sie existiert. Im Alter zwischen acht und zwölf Monaten wachte sie morgens auf und sang eine halbe Stunde lang, noch bevor sie die Augen öffnete.“

Außerdem konnte Niala durch die nächtliche Nähe verhindern, dass sich ihre Tochter im Schlaf einen Ausschlag blutig kratzte, unter dem sie vorübergehend litt: Sobald ihre Tochter nachts deswegen unruhig wurde, versorgte sie die Stellen mit beruhigender Salbe – sehr zur Freude des Kinderarztes. „Die Nacht wurde für uns eine weitere Gelegenheit, unsere Verbindung miteinander zu stärken“, schreibt Niala.

Ausgelöst durch diese nächtlichen Aktivitäten im Wochenbett interessierte sich Niala vermehrt für die kulturellen Unterschiede beim Schlaf und fand heraus, dass das Ideal des 8-Stunden-Schlafes eine recht neue Erfindung der westlichen Welt ist. Sie verweist auf einen Artikel mit dem Titel „Der Mythos des 8-Stunden-Schlafes“.

Darin wird die These aufstellt, dass acht Stunden Schlaf am Stück gar nicht unbedingt unserer menschlichen Natur entsprechen. Vielmehr soll der 8-Stunden-Schlaf mit Beginn der Industrialisierung einen zweigeteilten Nachtschlaf abgelöst haben, der in etwa aus zweimal vier Stunden sowie einer zwei- bis dreistündigen Wachphase bestand. Deshalb gebe es auch keinen Grund zur Sorge, wenn man nachts ab und zu wach liege. Das sei im Gegenteil ganz natürlich.

Mit diesen Gedanken gewann Niala eine Gelassenheit, die ihr schon kurze Zeit später sehr half: „Diese Informationen waren sehr wertvoll als meine Tochter als Kleinkind nachts aufwachte und gegen 2 Uhr morgens hellwach war. Statt mit ihr im Arm durch die Wohnung zu laufen, um sie wieder zum Schlafen zu bringen, machten wir irgendwas zusammen. Wir backten, wir malten und nach einer Stunde oder zwei gingen wir wieder ins Bett.

Diese Phase dauerte ein paar Monate und rückblickend erkenne ich jetzt, dass wir nachts die gemeinsame Zeit nachholten, die wir während meiner geschäftigen Tage verloren hatten, als ich wieder zu arbeiten anfing.“

„Mit vier Jahren beschloss meine Tochter, dass es Zeit wurde. Sie wachte eines Morgens auf und während sie unsere Schränke aufriss, rief sie ‚Warum müssen wir alles teilen?’ Unsere Zeit des gemeinsamen Schlafens war von da an vorbei. Meine Schwägerin gab mir ein Kinderbett, ich baute mein Arbeitszimmer in ein Schlafzimmer um und sie zog aus meinem Zimmer aus und in ihr eigenes ein.“

Nialas Fazit nach diesen Erfahrungen: „Die afrikanische Philosophie hinter dem Modell des gemeinsamen Schlafens und der nächtlichen Erziehung hat mir vier Jahre der Befreiung geschenkt. Ich war frei, die Nähe ohne Schuldgefühle zu genießen, frei, die wechselnden Schlafgewohnheiten anzunehmen und darauf zu warten, dass sich eine natürliche Beständigkeit einstellt, frei mitten in der Nacht mit ihr zu spielen, denn es gab keinen Druck, dass sie irgendetwas anderes tun sollte, als das, was wir in dem Moment taten. Es gab keinen Druck für sie, in ihrem zarten Alter unabhängig zu sein und keine Sorge, dass sie diese natürlichen Dinge nicht von selbst lernen würde – nur auf ihrer eigene, einzigartige Weise.“

Klar ist diese Erfahrung nicht auf alle Babys, Mamas und Familien übertragbar. Vor allem auch deshalb nicht, weil wir uns nunmal an einen Tagesablauf mit einem 8-Stunden-Schlaf gewöhnt haben – und diesen brauchen.

Sie zeigt uns  aber ganz deutlich, dass alles etwas einfacher wird, wenn man sich auf die Veränderungen, die das Leben (und ein Baby) mit sich bringt, mit ausreichend Gelassenheit einlässt und dabei der natürlichen Entwicklung vertraut.

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