Seit über zwölf Jahren hat Sascha keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter. Als sie vier Jahre alt war, sah er sie zum letzten Mal. Heute erzählt er anonym, wie es dazu kam – und was es mit einem Vater macht, wenn das eigene Kind plötzlich nicht mehr da ist.
Als der Kontakt zwischen meiner Tochter und mir 2013 komplett abgebrochen ist, war sie viereinhalb Jahre alt. In der Zeit unseres Zusammenlebens als Familie – bis zu meinem Auszug 14 Monate zuvor – hatten wir ein sehr gutes Verhältnis und eine enge, vertrauensvolle Vater-Tochter-Bindung.
Wir haben viel als Familie unternommen, aber auch nur wir beide als Vater und Tochter haben viel Zeit miteinander verbracht. Ihre Mama war nicht immer motiviert für Aktivitäten draußen, deshalb waren wir oft in der Natur unterwegs. Unsere Tochter konnte sich ausprobieren.
Wir haben diese Zeit sehr genossen.
Noch während unserer Ehe wollte ich eine Eheberatung in Anspruch nehmen. Ich saß dort allein – der dritte Stuhl blieb leer. Getrennt haben meine Exfrau und ich uns im beiderseitigen Einverständnis, nachdem wir erkennen mussten, dass unsere Beziehung auf Paarebene gescheitert war. Allerdings hatte ich schon kurz vor dem dritten Geburtstag unserer Tochter den Verdacht, dass sie zum Teil gegen mich beeinflusst wurde.
Vier Monate nach der Trennung, im Sommer 2012, bin ich ausgezogen. Von Anfang an war es schwierig, überhaupt Kontakt zu unserer Tochter zu bekommen. Ich musste viel bitten und nachfragen. Wenn es Treffen gab, waren wir immer zu dritt unterwegs, und es wurde vorgegeben, was wir unternehmen.
In Einkaufszentren etwa, wenn ihre Mutter shoppen wollte, blieben uns kurze Momente für Papa-Tochter-Zeiten.
Dann haben wir herumgealbert, gespielt oder uns in die Leseecke eines Buchladens gesetzt und gemeinsam gelesen. Früher ging sie entweder bei Mama oder bei Papa an die Hand. Bei unseren Treffen hatte ich oft das Gefühl, sie genoss es, „als Familie“ unterwegs zu sein, und lief gern zwischen uns beiden, hielt uns an beiden Händen fest.
Im Laufe der Monate wurden die Kontakte immer schwieriger und immer seltener. Einen einzelnen Wendepunkt kann ich nicht benennen. Ich habe nur Veränderungen wahrgenommen. Um den Kontakt aufrechtzuerhalten, habe ich versucht, Unterstützung zu bekommen.
Ich habe das Jugendamt um Hilfe gebeten.
Ich habe vorgeschlagen, gemeinsam eine Mediation zu machen, und Familienberatungsstellen wie Caritas, AWO, Diakonie, Pro Familia und andere vorgeschlagen oder sogar selbst Termine vereinbart. Leider wurde nichts davon angenommen oder wahrgenommen. Das Jugendamt verwies auf die Freiwilligkeit und darauf, dass man keinen Elternteil zu Gesprächen zwingen könne.
Ich habe irgendwann offen angesprochen, dass ich das Familiengericht einschalten müsse, wenn der Kontakt weiterhin so massiv unterbunden wird. Daraufhin bekam ich die Antwort: „Gehst du einen Schritt, gehe ich zwei.“ Kurz vor dem letzten Treffen habe ich auch offen kommuniziert, dass ich eine neue Beziehung habe. Mir wurde gesagt, ich solle diese Frau verlassen und zurückkommen.
Zu diesem Zeitpunkt war die Scheidung bereits eingereicht.
Im August 2013 wurde einem Treffen am Medienhafen in Düsseldorf zugestimmt. Ich vergesse diesen Moment nie. Nach zehn Minuten stand die Mutter auf und sagte, unsere Tochter fühle sich nicht wohl in meiner Gesellschaft und wolle gehen.
Heute denke ich, vielleicht wollte unsere Tochter selbst nicht gehen, spürte aber die angespannte Situation. Ihre Mutter war ihr einziger Halt seit über einem Jahr. Als diese einfach ging und sie rief, blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
Bis dahin hatte ich immer versucht, an unsere Verantwortung als Eltern zu appellieren.
Ich wollte gemeinsam eine Lösung im Interesse unserer Tochter finden. Als Paar gescheitert – aber als Eltern gemeinsam. Das war meine Hoffnung. Erst zwei Monate nach diesem letzten Treffen stellte ich einen Antrag auf Umgangsrecht beim Familiengericht. Ich setzte große Hoffnung in die Unterstützung des Gerichts.
Selbst als mir schriftlich der Vorwurf häuslicher Gewalt gemacht wurde, blieb diese Hoffnung. Ich wusste, dass es nicht stimmt, und hatte Vertrauen in unser Rechtssystem. Diese Hoffnung starb, als ich erfahren musste, dass auch meine Tochter diesen Vorwurf bestätigte und keinen Kontakt zu mir wolle, weil sie Angst vor mir habe. Sie war damals etwa fünfeinhalb Jahre alt.
Mein innerer Prozess ist schwer zu beschreiben.
Es blieb eine Hoffnung auf rechtliche Aufklärung oder persönliche Vernunft. Gleichzeitig gab es einen Umgangsaussetzungsbeschluss aufgrund der „Hochstrittigkeit der Eltern“ und zur „Ruhe des Kindes“. Ich wusste, dass diese Zeit gegen unsere Bindung arbeiten würde.
Das Schlimmste war und ist bis heute die Frage: Was hat das alles mit unserem Kind gemacht? War es ihre Wahrnehmung? War es ihre Überzeugung? Oder wusste sie, dass es nicht stimmt, konnte sich aber nicht dagegen wehren? Gab es jemanden, der sie aufgefangen hat?
Tausende Fragen – und nie eine Antwort. Das zermürbt.
Natürlich resigniert man irgendwann und zweifelt an Gesetz, Gerechtigkeit und System.
Es verändert einen als Vater und als Mensch – emotional und im Alltag. Wenn ich Väter mit ihren Kindern sehe, betrachte ich sie mit einem ganz anderen Blick. Ich empfinde Neid, Bewunderung und freue mich für sie zugleich.
2016 wurde ich erneut Vater einer Tochter.
So glücklich mich das gemacht hat, so groß war auch meine Angst. Ich wusste, dass ich viele Entwicklungsphasen vergleichen würde. Ich hatte Angst vor dem Moment, wenn meine kleine Tochter dreieinhalb Jahre alt sein würde – dem Alter, bis zu dem ich so viele Erinnerungen mit meiner großen Tochter habe. Ich wusste nicht, ob mich das traurig machen oder erleichtern würde.
Lange dachte ich, ich brauche keine Hilfe. Ich schaffe das allein – mit der Unterstützung meiner Frau und unserer Tochter, die wie ein Auffangnetz für mich sind. Trotzdem musste ich erkennen, dass ich professionelle Hilfe brauche.
Inzwischen lebe ich in einer sehr gefestigten Beziehung als Vater und Ehemann.
Als Vater und Partner habe ich gelernt, noch mehr zu kommunizieren und Dinge offen anzusprechen – auch in der Erziehung. Ich habe gelernt, dass Familie bedeutet, dass jeder auf derselben Stufe steht.
Entscheidungen müssen getroffen werden, aber die Sicht des anderen – auch die des Kindes – darf nicht einfach beiseitegeschoben werden.
Ich denke jeden Tag an meine große Tochter und frage mich, wie es ihr geht.
In eigener Sache habe ich die Hoffnung auf ein Wiedersehen oder ein normales Bindungsverhältnis aufgegeben. Aber ich habe durch eigene Recherchen erfahren, dass das, was ich erlebt habe, vielen Müttern, Vätern und Kindern widerfährt.
Deshalb habe ich den Instagram-Account @das.kritische_einhorn gegründet, um über diese Dynamiken aufzuklären und für Sensibilisierung zu sorgen. Mein Ziel ist, dass gesellschaftlich, politisch und rechtlich Veränderungen stattfinden.
Im Alltag präsent für meine jüngere Tochter zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass da noch meine große Tochter ist, ist nicht immer leicht. Aber es ist eine Aufgabe, die gemeistert werden muss. Früher hätte ich das Thema am liebsten umgangen, wenn meine kleine Tochter nach ihrer Schwester gefragt hat. Meine Frau hat mir diese Möglichkeit nie gegeben. Ihr war es wichtig, offen zu sprechen. Dafür bin ich ihr dankbar.
Heute sprechen wir offen über die große Schwester.
Auch ohne aktuelles Bild ist sie präsent im Leben ihrer kleinen Schwester. Ihre Freunde wissen, dass sie kein Einzelkind ist, und wir sind stolz darauf, wie sie das anderen Kindern erklären kann.
Anderen Eltern möchte ich sagen: Es ist schwer zu akzeptieren, wie es ist. Manchmal lohnt es sich zu kämpfen. Aber es ist keine Niederlage, den rechtlichen Kampf aufzugeben, wenn man merkt, dass das Gezerre am Kind nicht endet.
Niemand gibt sein Kind auf. Aber man hat das Recht, glücklich zu sein und an das eigene Wohl zu denken.
Vielleicht ist genau das etwas, das ein Kind eines Tages sehen möchte: ein Elternteil, das glücklich und gefestigt ist. Wenn meine Tochter diesen Text eines Tages lesen würde, würde ich ihr sagen: „Komm und sieh mit deinen eigenen Augen, wie ich heute lebe – ich glaube, es würde dir gefallen.”
Echte Geschichten protokollieren die geschilderten persönlichen Erfahrungen von Eltern aus unserer Community.
Hast du einen Rat für Sascha oder kennst du andere betroffene Eltern? Tausche dich gerne in den Kommentaren aus!
„12 Jahre ohne mein Kind – daran gewöhnt man sich nie.”
Von
Lena Krause
27. Februar 2026